Mauerfall, Weltjugendtag, große Liebe

Vom Glück, dank der deutschen Einheit mit Gleichgesinnten im Glauben unterwegs zu sein – Die Geschichte einer Weltjugendtagsehe Von Sebastian Pilz

Gemeinsam den Lebensweg im Glauben meistern – dazu machen Weltjugendtage Mut. Sebastian Pilz und seine Frau Patricia – hier mit ihren drei Kindern – haben es erlebt. Foto: Privat
Gemeinsam den Lebensweg im Glauben meistern – dazu machen Weltjugendtage Mut. Sebastian Pilz und seine Frau Patricia – h... Foto: Privat

Als ich 1982 in Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) geboren wurde, hätte meine Mutter eigentlich eine Auszeichnung bekommen. Mit 46 Jahren war sie in meinem Geburtsjahr die älteste Mutter der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) verwehrte ihr aber die Auszeichnung, denn meine Eltern waren nicht Mitglied – schlimmer noch, wir waren katholisch.

Das Wunder des Mauerfalls

Mein Vater hatte 1956 die Anfrage des Ministeriums für Staatssicherheit bezüglich einer Mitarbeit vehement verneint und galt seitdem als Staatsfeind. Zudem war er in der katholischen Kirche aktiv und wirkte von 1969 bis 1971 als Laienvorsitzender bei der Meißner Synode mit. Wie wir später erfuhren, überwachten fünfzehn offizielle und inoffizielle Mitarbeiter der Staatssicherheit unsere Familie. Die sozialistische Staatsführung hätte mich nie zu einem Weltjugendtag ausreisen lassen, wenn nicht 1989/90 die Berliner Mauer gefallen wäre. Gott sei Dank für dieses Wunder, wie es mein Vater bis heute bezeichnet. So hatte ich die Freiheit, zu dem Ereignis zu reisen, dass mein Leben veränderte. 1996 hörte ich zum ersten Mal vom Weltjugendtag durch Pfarrer Norbert Jensch. Ein Jahr später war ich in einer kleinen Gruppe aus Mittweida und Chemnitz, die mit der Jugend 2000 Bamberg zum Weltjugendtag nach Paris fuhr. Die erste Station der Reise war die Kathedrale von Chartres, 90 Kilometer südwestlich von Paris.

Dort traf mich der „göttliche Schlag“: Ich hatte vom Weltjugendtag keine wirkliche Vorstellung. Wie ein Tourist betrat ich die Kirche und war überwältigt. Ich sah über Tausend betende Jugendliche. In ihren Augen erkannte ich, dass sie dort waren, weil ihnen der Glauben wichtig war. Dieses Ereignis traf mich mitten ins Herz, kannte ich doch nur die Diasporasituation in Chemnitz. Chartres war das Schlüsselerlebnis auf meinem Glaubensweg. Ich wollte in Paris nicht mehr auf den Eiffelturm, sondern zum Weltjugendtag, um Jesus Christus, dem Papst und den Jugendlichen aus aller Welt zu begegnen.

Das Erlebte führte mich zum Diplomstudium der katholischen Theologie in Erfurt und Frankfurt am Main. Darüber hinaus blieb ich natürlich ein überzeugter Weltjugendtagsfahrer und war im Jahr 2000 in Rom. Beim Weltjugendtag in Toronto 2002 half ich als Busleiter beim Weltjugendtagsteam mit und tourte beim Vorprogramm mit dreißig Teilnehmern in einem gelben Schulbus durch Quebec. In diesem Bus saß Patricia Schum aus Hessen, die bereits 1993 in Denver und 2000 in Rom beim Weltjugendtag war.

Wir lernten uns erst nach unserer Ankunft in Toronto richtig kennen. In vielen Gesprächen wuchs das Interesse aneinander. Es war für uns beide die erste Beziehung und das wohl aus einem ganz entscheidenden Grund: Jeder fand im anderen einen Partner, der katholisch ist und für den der Glaube an Jesus Christus das Leben prägt. Rosenkranzgebet und die Feier der heiligen Messe gehörten selbstverständlich dazu.

Der Glaube, die Mitte unserer Beziehung

Wir verstanden unsere Liebe mehr und mehr als ein Geschenk von Gott her. Möglich geworden war es durch den Weltjugendtag. Nur durch ihn lernten wir uns im kanadischen Toronto kennen. Der Weltjugendtag führt eben Gleichgesinnte aus allen Ländern, aber auch eines Landes zusammen. Das macht seine Faszination und seine Begeisterung bis heute aus.

Toronto stellte den katholischen Glauben in die Mitte unserer Beziehung. Das wurde 2003 deutlich, als wir uns in Lourdes auf einer Wallfahrt verlobten. Der Ort unserer Verlobung war unter weltlichen Gesichtspunkten wahrlich nicht so berauschend, wohl aber unter geistlichen. Wir trafen uns im „cachot“, dem Gefängnis, in dem die heilige Bernadette mit ihren Eltern lebte. Dort feierte der emeritierte Kölner Weihbischof Klaus Dick, den ich seit 1998 kenne und als geistlichen Begleiter schätze, heilige Messe. Wir nahmen sein Angebot, uns auf die Ehe vorzubereiten, gern an. So wurde er der geistliche Begleiter von uns beiden. Ein Jahr lang trafen wir uns jeden Monat in Köln und besprachen anhand von biblischen und kirchlichen Texten alle Fragen rund um Ehe, Kindererziehung und gemeinsames Leben im Glauben. Jeder Besuch war mit der heiligen Beichte verbunden und manchmal feierten wir die Messe in der kleinen Hauskapelle. Ebenso gingen wir in den Kölner Dom, sodass unsere Kölnaufenthalte zu einer kleinen Wallfahrt wurden.

Die Ehevorbereitung ist ein Schatz, von dem wir noch immer zehren. Sie legte ein geistliches Fundament, das die gegenseitige Liebe in die Liebe Gottes hineinstellt. Noch lange bevor die Frage nach dem Blumenschmuck bei der Hochzeit anstand, sprachen wir über das, was eine Ehe trägt, wenn einem nicht zum Feiern zumute ist.

Am 31. Juli 2004 traute uns Weihbischof Dick in unserem heutigen Wohnort Biebergemünd-Kassel. Es war ein wunderschöner Tag sowohl draußen als auch in unseren Herzen und der Weltjugendtag war auch präsent: Wir wählten uns als Trauspruch das Motto des Weltjugendtages in Toronto: „Ihr seid das Salz der Erde. Ihr seid das Licht der Welt“ (Mat 5, 13.14).

Wie wichtig das geistliche Fundament ist, spürten wir ein paar Monate nach der Hochzeit, als wir unser erstes Kind durch eine Fehlgeburt verloren. Der Schmerz war unbeschreiblich, aber dankbarerweise hatten wir einen festen Halt im Glauben. Gerade das Rosenkranzgebet stellte uns die Gottesmutter tröstend an die Seite, weil sie ihren Sohn hat sterben sehen müssen. Kurz vor dem nächsten Weltjugendtag in Köln 2005, zu dem wir uns bereits beide angemeldet hatten, erhielten wir die frohe Nachricht über erneute Schwangerschaft. Ich fuhr allein nach Köln, hatte Patricia aber ganz fest im Herzen. Gott sei Dank für das Kind. Josefine Marie wurde im Januar 2006 geboren. Gleich ein Jahr später am 14. Februar 2007 kam Matthäus Johannes Valentin zur Welt. Die beiden hielten uns mächtig auf Trab, besonders als ich im Frühjahr 2007 über der Diplomarbeit und der Abschlussprüfung saß. Aber es ging alles gut. Im April 2010 kam Cyprian Marcellinus Bonifatius sechs Wochen zu früh per Not-Kaiserschnitt auf die Welt, nachdem keine Herztöne mehr hörbar waren. Gott sei Dank hatte sich Patricia gottgelenkt „zufällig“ einen Tag vorher wegen hohem Blutdruck ins Krankenhaus begeben.

Mit Leib und Seele für die Kinder da

Das geistliche Leben in der Familie ist vom täglichen Gebet sowie vom nahezu täglichen Besuch der heiligen Messe bestimmt. Sonntags gehen wir in die Kirche und freuen wir uns, Gott in Gebet und Gesang loben zu dürfen. In regelmäßigen Abständen fahren wir zu Weihbischof Dick nach Köln. Er ist mittlerweile der geistliche Begleiter unserer ganzen Familie, hat er doch auch alle Kinder getauft. Er erinnert unsere Familie immer neu daran, dass wir unser Fundament im Glauben auch pflegen müssen.

Patricia ist mit Leib und Seele bei den Kindern und lässt ihren Beruf als Fachkinderkrankenschwester in Elternzeit ruhen. Ich bin Referent für Schülerseelsorge im Bistum Fulda und gestalte Tage religiöser Orientierung für Schulklassen. Zum Weltjugendtag nach Madrid reise ich mit der Gruppe des Bistums Fulda.

Wenn mich Jugendliche fragen, ob Gott heute noch wirkt, erzähle ich aus unserem Leben. Am faszinierendsten ist, dass Patricia am 3. Oktober – am Tag der deutschen Einheit – Geburtstag hat. Zu diesem staatlichen Feiertag hatten wir beide früher nie eine wirkliche Beziehung. Heute ist es für uns ein Tag des Dankes an Gott. Denn ohne die deutsche Einheit wären wir uns nie auf einem Weltjugendtag in Kanada begegnet.