Lebendige geistliche Orte schaffen

In Westfalen arbeiten drei Netzwerke daran, die Klosterlandschaft zu erschließen und ihr spirituelles Potenzial zu fördern. Von Werner Häußner

Die Abtei Marienmünster ist ein Paradebeispiel, wie sich aus einer ursprünglich touristisch gedachten Neubewertung eines Ortes wieder geistliches Leben entwickelt. Foto: Netzwerk Klosterlandschaft OWL

Die Strahlkraft von Klöstern ist ungebrochen. Zwar lässt sich das monastische Leben mit seinen Regeln und seiner Anlage auf Dauer wohl nur schwer mit der Wahlfreiheit moderner Gesellschaften oder gar der Beliebigkeit postmoderner Lebensstile verbinden. Dennoch: So sehr das Leben in einem Kloster „aus der Zeit gefallen“ scheint, so groß ist das Interesse an Menschen, die diesen Weg für sich gewählt haben. Das geistliche Leben, das spirituelle Erbe der Nonnen, Mönche, Stiftsdamen oder Eremiten, aber auch die kulturelle und soziale Ausstrahlung der Klöster, ihre historischen, künstlerischen, architektonischen und musikalischen Spuren in der Gegenwart faszinieren in einer Gesellschaft, die sich als säkular versteht und die dennoch auf der Suche nach geistig-geistlichen Wurzeln ist.

Ein Indiz für das Interesse ist der „Tag der offenen Klöster“, zu dem am 21. April des vergangenen Jahres rund 250 Abteien und Ordenshäuser ihre Türen für Besucher öffneten. Über 30 000 Menschen nahmen die Chance wahr, Einblicke in Bereiche zu erhalten, die normalerweise für die Öffentlichkeit unzugänglich sind. Die Gründe, die Klöster zu besuchen, waren so unterschiedlich wie die Menschen, die kamen, resümierte der Veranstalter, die Deutsche Ordensobernkonferenz: „Manche wollten einfach einen Blick hinter die Klostermauern werfen, andere interessierten sich für das Leben der Ordensleute. Wichtiger als die schönen klösterlichen Gebäude waren vielfach die persönlichen Gespräche und die Frage nach dem Leben im Orden. Auch die Gäste brachten persönliche Lebensthemen mit, die zur Sprache gebracht oder in Räumen der Stille vor Gott getragen werden konnten. In manch einem Kloster äußerten die Menschen Interesse an der Frage, wie die Spiritualität der Ordensfrauen und -männer in ihrem eigenen Alltag aufgegriffen und gelebt werden könne.“

Wie lebendig eine Klosterlandschaft ist, entscheidet sich nicht allein an den dürren Zahlen einer Statistik. Ginge es danach, wäre die Situation trübselig: 3 804 Ordensmänner in 419 klösterlichen Niederlassungen zählte die Deutsche Bischofskonferenz in ihrer Statistik 2017; die Zahl der Ordensfrauen liegt bei 15 038 in 1 249 Niederlassungen. Ein Gutteil ist über 65 Jahre alt. Aber wo es Abbrüche gibt, entsteht auch Neues. Die Auflösung der Zisterzienserabtei Himmerod schlug 2017 hohe Wellen: Fast 900 Jahre Tradition gingen zu Ende – ein Ereignis, das nicht nur aus religiösen, sondern auch aus kulturellen Gründen beklagt wurde. Dass die Zisterzienser ein Jahr später in Neuzelle in Brandenburg ein Priorat mit sechs Mönchen aus der Abtei Heiligenkreuz neu gründeten, ist ein Zeichen der Hoffnung und des Aufbruchs.

Die Ansätze, Neues zu wagen, sind vielfältig und beschränken sich nicht auf den kirchlichen Bereich. Ein Beispiel ist Westfalen: Drei Netzwerke mit staatlichen, kommunalen, gesellschaftlichen und kirchlichen Akteuren arbeiten seit einem guten Jahrzehnt daran, die vielfältige Klosterlandschaft zwischen Teutoburger Wald und Weser zu erschließen. Dahinter steht der Wille einiger Enthusiasten, das spirituelle und kulturelle Potenzial bestehender Klöster und geschichtsträchtiger Klosterorte zu fördern, zugänglich zu machen und mit vielen unterschiedlichen Initiativen Einheimische und Touristen zu erreichen. Diese Aktivitäten spiegeln sich wider auf den Internetseiten der Arbeitsgemeinschaft Klosterlandschaft Westfalen-Lippe (www.klosterlandschaft-westfalen.de), des Netzwerks Klosterlandschaft Ostwestfalen-Lippe (www.klosterlandschaft-owl.de) und des Kulturlands Kreis Höxter (www.kulturland.org). Hans Hermann Jansen zum Beispiel, Musiker, Manager und Projektleiter des kulturtouristischen Netzwerks der Klosterlandschaft Ostwestfalen-Lippe, kümmert sich gemeinsam mit vielen Idealisten darum, dass Klosterorte durch eine „kulturtouristische Neubewertung“ wieder zu lebendigen „geistlichen Orten“ werden.

Einer davon ist die ehemalige Abtei Marienmünster, nordwestlich von Höxter gelegen. 1128 von Graf Widukind I. von Schwalenberg gegründet, erlebte das Benediktinerkloster nach einer Blüte im Hochmittelalter und einem wirtschaftlich-kulturellen Niedergang im 15. Jahrhundert die Wechselfälle von Reformation, Dreißigjährigem und Siebenjährigem Krieg, bis es 1803 säkularisiert wurde und seine weltlichen Besitzungen an den preußischen Staat fielen. Die ehemalige Abteikirche St. Jakobus d. Ä. dient seither als Pfarrkirche. Zu ihrer barocken Ausstattung gehört eine der berühmtesten Orgeln Westfalens, 1738 von Johann Patroclus Möller erbaut und bis 2012 restauriert. Von 1965 bis 2014 wirkten niederländische Passionisten in Marienmünster.

Seit 2006 kümmert sich die Kulturstiftung Marienmünster um den denkmalgerechten Erhalt der verbliebenen Abteigebäude, um Bildungsarbeit und kulturelle Aktivitäten mit Schwerpunkt auf der Musikbildung. Der von Grund auf sanierte historische Gebäudekomplex bietet Räume für Tagungen und Feiern an, beherbergt aber vor allem Veranstaltungen, bei denen die Gesellschaft der Musikfreunde der Abtei Marienmünster und andere die Begegnung mit Musik ermöglichen. Die Möller-Orgel gehört auch zur „Orgelroute OWL“ (www.orgelroute-owl.de). Sie verbindet 13 historische Instrumente, die im Sommer bei Konzerten und in Gottesdiensten klingend erlebbar werden.

Für die Region mit ihren rund 75 klösterlichen Einrichtungen entstand 2016 das „Forum Abtei Marienmünster“. Es dient als Anlaufstelle, Start- und Endpunkt für touristische Routen. Im Zusammenspiel aus Originalobjekten, Repliken, Texten, Bildern und filmischen Sequenzen stellt das modern gestaltete Forum die vielfältige und lebendige monastische Vergangenheit und Gegenwart der Region dar. Marienmünster ist – so Hans Hermann Jansen – ein „wunderbares Beispiel“, wie sich aus einer ursprünglich touristisch gedachten Neubewertung eines Ortes wieder geistliches Leben entwickelt: 2017 hat es die in Frankreich gegründete Priestergemeinschaft Sankt Martin (Comunauté Saint-Martin) neu besiedelt. Auf Einladung von Erzbischof Hans-Josef Becker sollen die Priester der Gemeinschaft entsprechend dem Zukunftsbild für das Erzbistum Paderborn eines der Zentren entstehen lassen, „an denen Menschen mit Gott in Verbindung kommen können, wo sie in ihrem Suchen und Fragen begleitet werden und im Glauben Stärkung erfahren“.

Das ausführliche Veranstaltungsprogramm der Klosterlandschaft Ostwestfalen-Lippe erscheint demnächst und beinhaltet unter anderem den „Herforder Orgelsommer“ von 14. Juli bis 8. September, das 8. Deutsche Pueri Cantores Chorfestival in Paderborn von 3. bis 7. Juli oder ab 12. Mai die Sommerkonzerte in Corvey, dessen karolingisches Westwerk – Weltkulturerbe der Unesco – 2019 umfassend restauriert wird. Ein Höhepunkt ist das Liturgische Musikdrama „Ordo Virtutum“ von Hildegard von Bingen, das am 2. Juni, 17 Uhr, im Rahmen der Musikwochen Weserbergland im 1129 gegründeten ehemaligen Zisterzienserkloster Amelungsborn bei Holzminden aufgeführt wird. Der „Klostersommer 2019“ vom 14. Juli bis 25. August fasst Konzerte und vier „Bach-Wanderungen“ zu einem Programm zusammen.

Ein anderer Ankerpunkt in der vielfältigen Klosterlandschaft Westfalens ist das vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe und der Stiftung Kloster Dalheim getragene Landesmuseum für Klosterkultur in Dalheim – eines von 18 vom LWL getragenen Museen. Auf ein Ende des im 12. Jahrhundert gegründeten Frauenkloster zurückgehend, das 1429 durch Augustiner-Chorherren wiederbesiedelt und 1803 säkularisiert wurde, zeigt das Museum in der fast vollständig erhaltenen Klosteranlage seit 2007 wertvolle Exponate klösterlicher Kulturgeschichte. Aufschlussreiche Inszenierungen lassen die Besucher die Aspekte des Klosterlebens erfahren.

Teile der Dauerausstellung sind derzeit geschlossen, weil ab 18. Mai die Sonderausstellung „Verschwörungstheorien – früher und heute“ gezeigt wird. Sie geht der Entstehung, Funktion, Wirkungskraft und Verbreitung von Verschwörungstheorien auf den Grund. Zwischen Fakt und Fiktion – so das Museum auf seiner Webseite (erreichbar über www.lwl.org) „begegnen Besucherinnen und Besucher auf etwa 1 200 Quadratmetern Ausstellungsfläche exklusiven Gemeinschaften, geheimem Wissen, verdeckten Machenschaften sowie Mythen und Wahrheiten aus der Welt der Verschwörungstheorien“.

Für viele Besucher – nicht nur aus dem Raum Paderborn – ist der alljährliche Klostermarkt in Dalheim ein Höhepunkt im Kulturkalender des Museums. Am Wochenende 24. und 25. August, jeweils 12 bis 18 Uhr, zeigen Ordensleute aus rund 40 Abteien, Stiften und Klöstern auf dem weitläufigen Gelände des ehemaligen Klosters, was in ihren Küchen, Kellern und Werkstätten an wertvollen Produkten entsteht.