Kreativ genug, den rechten Weg zu finden

Die Schlehdorfer Missions-Dominikanerinnen haben ihr Apostolat breit gefächert – Deutschlands erstes Öko-Kloster

Bayern ohne Klöster? Undenkbar! Am wenigsten in der Region zwischen Kochel und Walchensee, die im achten Jahrhundert durch die Klöster Schlehdorf und Benediktbeuern erschlossen und besiedelt wurde. Aber eine Zeitlang waren beide Klöster verwaist, dafür hatte 1803 die Säkularisation gesorgt. Bis 1930 musste Kloster Benediktbeuern als Lazarett, Invalidenheim und Remontedepot dienen. Dann übernahmen die Salesianer das Anwesen. Auch in Schlehdorf dauerte es über hundert Jahre, bis Missions-Dominikanerinnen 1904 in die verwaisten Klostergebäude einzogen. Umso nachdrücklicher spürt man das Wirken der Schwestern vom Orden der Missions-Dominikanerinnen im ganzen Dorf: durch ihre, von der Erzdiözese München-Freising getragene Mädchen-Realschule, durch Haus Dominikus, das Gäste-, Seminar- und Kurshaus des Klosters, und durch das Kloster selbst: Seit dem 19. August 2003 ist es das erste Öko-Kloster Deutschlands.

Die Ursprünge der Missions-Dominikanerinnen reichen ins Jahr 1877 zurück: Damals gingen sechs Schwestern des Augsburger Dominikanerinnen-Klosters St. Ursula nach Südafrika in die Mission. 1904 erwarb die Gemeinschaft, die sich mittlerweile „Missions-Dominikanerinnen von King-Williams-Town“ nannte, die Klostergebäude, um sie zu einem Aussendungskloster für ihre Missionsarbeit zu machen. Das Kloster zog in den folgenden Jahrzehnten viele Frauen an. 1960 wurde das Missionskloster zum Sitz der deutschen Provinz erhoben und erhielt den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts.

Gegründet von Mönchen aus Benediktbeuern

Die Schwestern hatten damit eine uralte geistliche Tradition wiederbelebt. Schon 740, wird vermutet, soll Kloster Schlehdorf von Mönchen aus Benediktbeuern gegründet worden sein. Gesichert ist, dass der Konvent des Benediktinerklosters St. Peter von Scharnitz bei Mittenwald um 772 nach Schlehdorf umzog. Das neue Kloster war dem Heiligen Dionysius geweiht und erhielt Reliquien des römischen Märtyrers Tertulin. Nachdem der Schlehdorfer Abt Atto 782 zum Bischof von Freising gewählt wurde, unterstand das Kloster als Eigenkloster den Bischöfen von Freising. Durch die Ungarneinfälle im zehnten Jahrhundert wurde das Kloster zerstört. Erst 1140 erfolgte durch Bischof Otto I. von Freising die Neugründung in Form eines Augustinerchorherrenstifts. Wie viele Stifte litt Schlehdorf im frühen fünfzehnten Jahrhundert unter einem Zerfall der Disziplin. Über das Augstinerchorherrenstift Rottenbuch gelangte um 1450 eine vom Stift Indersdorf ausgehende Reform nach Schlehdorf. Das Stift blühte wieder auf, doch mit der Reformation war der Aufschwung bald beendet. Selbst im späten siebzehnten Jahrhundert, eigentlich eine Zeit geistlicher Blüte, zählte der Konvent nur sechs Chorherren. Anfang des achtzehnten Jahrhunderts, unter der Leitung von Propst Bernhard Bogner, erlangte das Stift wieder Ansehen. Zwischen 1718 und 1724 wurde mit dem Bau einer neuen Kirche begonnen. Doch wegen der geringen Einkünfte und hohen Schulden des Stifts gestaltete sich die Finanzierung schwierig. Erst mit finanzieller Unterstützung des Münchner Handwerksmeisters Honifstingl wurde die Klosterkirche 1780 vollendet. Die letzten Jahre des Stifts gestalteten sich schwierig, schon 1770 gab es Pläne, den Konvent aufzuheben. Mit der Säkularisation im Jahr 1803 ging der Besitz des Klosters in das Eigentum des bayerischen Staates über, die Klosterkirche wurde zur Pfarrkirche.

Neun Chorherren lebten 1803 zuletzt im Kloster Schlehdorf, heute besteht die Hausgemeinschaft der Missions-Dominikanerinnen aus 45 Schwestern. Die Hausgemeinschaft gliedert sich in mehrere überschaubare Gruppen. Alle treffen sich täglich zum Stundengebet, zur Eucharistiefeier und zu den Mahlzeiten. „Durch unser Leben und engagiertes Tun wollen wir Hoffnungsträgerinnen und Prophetinnen sein, innerhalb und außerhalb unseres Hauses. So geben wir Auskunft von der bedingungslosen Menschenfreundlichkeit Gottes“, heißt es auf der Homepage der Schlehdorfer Missions-Dominikanerinnen. Und das verwirklichen die Schwestern von Schlehdorf in vielfältiger Weise.

Da gibt es etwa die Realschule St. Immaculata, die viel größer sein müsste, wollten die Schwestern alle angemeldeten Schülerinnen aufnehmen. Ob das an der persönlichen Atmosphäre katholischer Schulen liegt? Die Programmatik der Schule lässt aufhorchen. Dort heißt es: „Der junge Mensch, der mit beiden Beinen fest auf der Erde steht und dessen Sehnsucht weit über Raum und Zeit hinaus wächst, das ist unser Erziehungsziel. Um auf diesen Weg zu kommen und darauf ein Leben lang weiterzugehen, bedarf es einer umfassenden Gesamtbildung. Deshalb ist es uns in der Schule ein stetes Anliegen, Geist, Herz und Körper unserer Schülerinnen in guter Balance zu fördern.“ Trotz der Beliebtheit ihrer Schule mussten die Schwestern die Trägerschaft 2004 an die Erzdiözese München-Freising abgeben.

Der Grund: Auch Kloster Schlehdorf leidet unter Nachwuchsmangel. Aber, sagte Schulleiterin Josefa Thußbass bei der Bekanntgabe der Entscheidung: „Von Aufgeben kann keine Rede sein, aber diese Maßnahme ist notwendig, um den Fortbestand der Mädchen-Realschule zu sichern.“ Im Jahr 2004 unterrichteten noch vier Ordensschwestern in Vollzeit an der Schule. „Doch wenn es weniger werden, steigen die Kosten für den Betrieb, denn die auswärtigen Lehrkräfte müssen bezahlt werden. Weil uns die Schule auch für die Zukunft so wichtig ist, haben wir uns zu diesem Schritt entschlossen.“

Pelletsheizung spart 100 000 Liter Heizöl in 92 Tagen

„Wir wollen den Menschen der Region eine Orientierung im Leben geben und ihnen in Krisen beistehen“, erklärte die damalige Provinzialin Schwester Hanna Remke 2004 beim hundertsten Jubiläum der Missions-Dominikanerinnen. „Außerdem sollen wir als Orden beispielhaft einen nachhaltigen Lebensstil entwickeln.“ Damit sind die Schlehdorfer Schwestern inzwischen gehörig vorwärtsgekommen. Als erstes Kloster in Deutschland erhielt Schlehdorf am 19. August 2003 eine Umwelt-Zertifizierung. Auffälligstes Element der Neuerungen: Die neue Pelletsheizung, bei ihrem Einbau die größte Anlage ihrer Art in Deutschlands. Sie ersetzt den bisherigen Ölverbrauch von über zweihunderttausend Litern jährlich durch vierhundert Tonnen Pellets und vermeidet damit den Ausstoß von 630 Tonnen Kohlendioxid.

Erfolgsbilanz nach den ersten 92 Tagen: Hunderttausend Liter weniger Öl. Dass es dabei um mehr als Kostensparen ging, zeigte das Impuls-Referat von Professor Markus Vogt bei der Übergabe der Registrierungsurkunde. Vogt sprach von einer ökologischen Berufung der Christen. Klöster seien Orte nachhaltiger Lebensstile und als solche besonders verantwortlich für die Schöpfung. Und die Schwestern werden in ihrem ökologischen Engagement nicht müde, aktuell mit ihren Aktionen zur Bayerischen Klimawoche derzeit im Kloster Schlehdorf.

Beliebt ist der Klosterladen, mit dessen Sortiment die Schlehdorfer Schwestern etwas für die Gemeinschaft dazuverdienen: mit Säften und Kräutertees, Honig von Imkern aus der Umgebung und hausgemachten Konfitüren. Da wechselt die Frucht mit den Jahreszeiten, zurzeit wird Erdbeer- und Rhabarber-Konfitüre angeboten. Mit Arbeiten aus Südafrika weiten die Schwestern den Blick der Ladenbesucher für die Mission. Auch Seidentücher und Osterfähnchen gehören zum Sortiment. Eine besondere Spezialität sind die handgestickten „Haussegen“, die Salz, Brot, einen Cent und eine Medaille enthalten. Eine besonders kunstvolle Form der Stickens, das Handwerk der Paramentenstickerei, hat im Kloster eine alte Tradition. Als der Gebirgstrachten-Erhaltungsverein Murnau 2004 eine neue Fahne benötigte – die alte zeigte nach 95 Jahren Gebrauch allzu deutliche Spuren des Zahns der Zeit – gaben die Verantwortlichen die neue Fahne natürlich in der Paramentenwerkstatt der Schwestern Xaveria und Leontina im Kloster Schlehdorf in Auftrag. Denn die Schwestern haben in den vergangenen fünfzig Jahren nicht nur unzählige schadhafte Textilien genäht, geflickt und repariert, sondern auch viele Fahnen und Messgewänder in allen möglichen Farben und Größen geschaffen. Ein Handwerk, das viel Fingerspitzengefühl benötigt: Bis manche Fahne auf beiden Seiten mit Schrift und Ornamenten bestickt war, konnte schon ein Jahr vergehen. „Die Paramentenstickerei entstand, als im Orient gewobene Seide erfunden wurde. Und im Mittelalter verbreitete sie sich in Deutschland“, berichtete Schwester Xaveria vor einiger Zeit vor Journalisten.

Paramentenstickerei seit 1910

Bis ins Jahr 1910 reicht die Tradition der Paramentenstickerei in Schlehdorf zurück. „Eine Schwester namens Dominica, eine ausgebildete Handarbeitslehrerin, kam damals von Augsburg in unser Kloster“, erzählte Schwester Leontine. „Sie begann mit der Fertigung von Kirchenfahnen und Messgewändern.“ Deren Schülerin, Schwester Mercedes, sei nach dem Zweiten Weltkrieg Lehrmeisterin für sie beide geworden, ergänzte Schwester Xaveria. „Wir haben unsere Gesellenprüfung in München und die Meisterprüfung in Paderborn abgelegt.“

Hinter den altehrwürdigen Klostermauern halten die Schwestern außerdem ein vielfältiges Angebot bereit, mit dem sie auf die Nöte dieser Zeit antworten. Von der Arbeit in der Schule und dem Einsatz für die Umwelt lässt sich der Bogen weiter spannen zum geistlichen Angebot, das die Schwestern im Haus Dominikus bündeln. „Die faszinierende Gestalt unseres Ordensgründers, des heiligen Dominikus, dessen Namen wir unserem Gäste-, Seminar- und Kurshaus im Kloster Schlehdorf gegeben haben, ist uns Beweg-Kraft, durch unser Sein und Arbeiten mit und unter den Menschen, ein glaubwürdiges Zeugnis von der Froh-Botschaft des Evangeliums zu geben und gemeinsam Wege zu suchen, die in unserer Zeit Leben spenden“, heißt es in der Einladung zu Haus Dominikus. Wozu auch die Einladung gehört, einmal „Kloster auf Zeit“ mitzuerleben. Das bedeutet: Sensibilität für die Gemeinschaft, Einlassen in gemeinsames Gebet und Gottesdienst, Stille Zeit.

Ihren ursprünglichen Auftrag, die Missionsarbeit, verfolgen die Schwestern unverdrossen weiter – mit Programmen zur Aids-Hilfe in Johannesburg, der Betreuung von Straßenkindern und Familien mit behinderten Kindern in Ecuador oder mit Schulprojekten, mit Gefangenenseelsorge und Krankenpflege in Bolivien. Auch diese Arbeit versuchen die Schwestern jungen Leute zu vermitteln: Als „Missionare auf Zeit“ können sie dort mitarbeiten. Will man die Stimmungslage der Schwestern beschreiben, dann ist es optimistischer Realismus: „Das ist doch das Aufregende unserer Zeit“, sagte Schwester Hanna Remke anlässlich des hundertsten Jubiläums im Jahr 2004. „Wir wissen nicht wie es weitergeht, aber im Vertrauen auf Gott werden wir kreativ genug sein, den rechten Weg zu finden.“