Kraft schöpfen aus Wasser und Geist

Ein ganzheitliches Angebot: Priesterexerzitien im Kneippkurhaus St. Josef in Bad Wörishofen

Pfarrer Sebastian Kneipp (1821–1897) erlangte schon zu Lebzeiten Berühmtheit mit seiner Wasserkur. Die bekannteste Anwendung ist wohl das Wassertreten. Berühmt wurde mit ihm auch der Ort Wörishofen, inzwischen längst Bad und durchaus mondäner Kurort, wo er als Priester wirkte. Und dies, dass er Priester und Seelsorger war, bescherte ihm auch das Los, mit seiner Therapie, die dem Leib des Menschen Erleichterung und Gesundheit bringen wollte, durchaus argwöhnisch als Kurpfuscher beäugt zu werden, der seine eigentliche priesterliche Aufgabe hintansetze, so der Vorwurf. Dies sollte erst 1894 vollgültig richtiggestellt werden, als Papst Leo XIII. Kneipp zum Kaplan Seiner Heiligkeit erhob und sein Werk sowie den Ort Wörishofen besonders segnete.

Doch wer sich mit der Persönlichkeit Kneipps und dem Ansatz seiner Heilmethode befasst, der wird feststellen, dass Kneipp immer bereits zuerst Seelsorger und Priester war. Oft bekannte Kneipp, dass seine Kur- anwendungen manchen Patienten wenig oder gar keine Linderung brachten. Erst als er den Zustand der Seelen erkannt und diesen geordnet hatte, da sei auch die körperliche Verfassung verbessert worden. Wer die Kneippkur auf Wasseranwendungen verkürzen wollte, der würde ihr ohnehin nicht gerecht. Das Wasser ist eine Säule, auf der das Kneipp'sche Konzept ruht. Bewegung, Ernährung, der Einsatz der Heilpflanzen und Kräuter und das Prinzip der Balance, der Ausgeglichenheit, gesellen sich als unentbehrliche Komponenten hinzu. Das Bestreben, ein Gleichgewicht zu erzielen und einen ganzheitlichen Blick auf den Menschen zu tun, ist etwas, was geradezu modern klingt und einem aus dem Wellnessbetrieb unserer Tage allzu bekannt vorkommen mag.

Doch diese Medaille hat auch eine Kehrseite, nämlich unseriöse Esoterik, und durchaus könnte Kneipp entsprechend alternativ vereinnahmt werden und wird es tatsächlich oftmals. Die Mallersdorfer Schwestern, die Armen Franziskanerinnen, Töchter der Heiligen Familie, die in Bad Wörishofen das Kneippkurhaus St. Josef führen und die neben den Dominikanerinnen schon früh in den Kurbetrieb eingebunden waren, steuern dem wirksam entgegen, indem sie in ihrem Hause gezielt geistlichen Angeboten Raum geben.

Wandern, schweigen und beten

In der jetzt wieder relativ bald bevorstehenden Fastenzeit gestalten die Schwestern meditative Wochen, in denen die Gäste anhand von geistlichen Impulsen, von Entspannungstraining und meditativem Wandern in bewusstem Erleben von Stille und Schweigen und von anderen kreativen und spirituellen Erfahrungen sinnvoll bis hin zur Feier des Osterfestes begleitet werden.

Zweimal im Jahr, im Frühling und im Herbst, bietet Pfarrer Paul Ringseisen im Kneippkurhaus St. Josef speziell für Geistliche – (Ständige) Diakone und Priester – sogenannte Gesundheitswochen an. Dabei geht es darum, die Erfahrung mitbrüderlicher Gemeinschaft zu stärken, den besinnlichen Austausch und das gesellige Beisammensein gleichermaßen zu fördern, immer das ausgewogene Zusammenspiel beider Aspekte im Auge behaltend. Charakteristisch für diese Tage, die ein Kompaktpaket klassischer Kneippanwendungen mit umfassen, ist ein allmorgendlicher geistlicher Impuls nach dem Frühstück, der der kontemplativen Beschäftigung mit einem wechselnden Leitthema dient.

Im vergangenen Jahr war es die Prophetengestalt des Elias, dem sich die Teilnehmer mittels bewussten Hin- und Hineinhörens in das gleichnamige Oratorium Felix Mendelssohn-Bartholdys widmeten. Die Wegerfahrung des Propheten, sein Scheitern und Neuaufbruch wurden so im Priesterjahr, das Papst Benedikt XVI. ausgerufen hat, zu Folien und Bezugspunkten der Reflexion über die priesterliche und diakonale Identität im Spannungs- und Bewährungsfeld konkreter, pastoraler Lebenswirklichkeit. Der Vorteil war dabei, dass Pfarrer Ringseisen über ein beeindruckendes kulturelles und geistesgeschichtliches Hintergrundwissen verfügt und über die Gabe, dieses im Rahmen der geistlichen Erschließung der Thematik einfühlsam und anschaulich weiterzugeben. Wie diese geistlichen Impulse selbst durch ein Gesundheitsprogramm ergänzt wurden, so war dieser kulturell-musische Hintergrund eine wesentliche Grundlage der spirituellen Ausdeutung. Es zeigt sich gleichsam in der zugrundeliegenden, umfassenden Konzeption eine konkrete Umsetzung des Axioms der scholastischen Schultheologie, dass die Gnade die Natur voraussetzt.

Und in dieser Umsetzung kann man vielleicht auch am besten ausgedrückt finden, worin für Kneipp der wesentliche Zielpunkt seiner Methode lag und wie er den Begriff der Ganzheitlichkeit verstanden hätte. Will man seinen Ansatz seinen Ursprüngen nicht entfremden, dann muss die Seelsorge, die cura animarum, als der Gipfelpunkt der Kneipp-Kur erkannt werden. Die Gesundheit des Leibes steht dann im Dienst am Heil der Seelen, und es ist durchaus theologisch und geistlich nicht weit hergeholt oder übertrieben, auf den Hinweischarakter und das Zeichenhafte der Krankenheilungen Jesu Christi, wie sie die Evangelien berichten, aufmerksam zu machen. Im Johannesevangelium wird die Taufe als Wiedergeburt aus dem Wasser und dem Geist (vgl. Joh 3, 5) beschrieben. Etwas vereinfacht könnte man also sagen, dass alle Christen in der Taufe den Anfang ihres Weges als Kirche mit einer Wasseranwendung machen, gewissermaßen dass alle Christen zugleich grundsätzlich Kneippianer seien. Das mag salopp klingen, legt aber doch einen Wahrheitskern frei.

Einheit von Leib und Seele

Auf dieser Grundlage ist es wertvoll, wenn es die Möglichkeit geistlicher Einkehr und zu Exerzitien gibt, bei denen ganz bewusst der Mensch als eine Einheit aus Seele und Leib begriffen wird, eine Schau und Perspektive, die heutzutage allzu oft auch seitens von Theologen und Exegeten als dualistisch und unbiblisch abgetan wird, obwohl auch die heidnischen Römer schon wussten: Mens sana in corpore sano.

Nimmt man diese Perspektive aber wieder einmal bewusst und unvoreingenommen ein, dann gibt sie den Blick frei zu einem fundamentalen Grunddatum des Christentums, der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus. Damit ist dann auch klar, dass jede Leibfeindlichkeit dem katholischen Christentum, mit den leibhaftigen Heilszeichen der Sakramente in seinem Zentrum, völlig widerspricht. Auch das Bekenntnis zum Glauben an die – wie die alte (und wortgetreue!) Übersetzung so handgreiflich und konkret sagte – Auferstehung des Fleisches hält die Verheißung und Glaubenshoffnung wach, dass der ganze Mensch in Gott zum Heil berufen ist. Wo zum Wasser der Geist hinzutritt, da kann sich Wiedergeburt ereignen. Nicht im sakramentalen Sinne, aber deswegen nicht weniger zutreffend gilt das von Kneippkur-Angeboten, die gezielt auch seelsorglich-geistliche Befindlichkeiten und Bedürfnisse nicht außer acht lassen und aus denen viele „wie neu geboren“ nach Hause zurückkommen. Durch die christliche Grundatmosphäre, die im Kneippkurhaus St. Josef der Mallersdorfer Schwestern herrscht, trifft das gewissermaßen auf alle dortigen Angebote zu, auf manche, wie die Gesundheitswochen für Geistliche oder die Begleitung durch die Fastenzeit, noch expliziter. Die Schwestern leben so als Franziskanerinnen ein wichtiges Element der Spiritualität des Poverello, der auch vom Leib als von seinem Bruder sprach, dem im Gefüge der Schöpfung ein ehrenvoller Platz zugewiesen ist. Eine solche Haltung ist nicht nur geistlich bedeutsam und wertvoll, sondern im Horizont bioethischer Fragestellungen und Herausforderungen ein unveräußerliches Proprium christlicher Humanitas von hoher Aktualität und Verpflichtung, fernab von Körperkult und Gesundheitswahn, denen die Glaubensperspektive echter Ganzheitlichkeit und umfassender Heilserfüllung strukturimmanent verwehrt und verschlossen bleiben muss.