„Katholische Schulen sind wichtige Orte kirchlicher Präsenz in der Gesellschaft“

Dennoch darf man von ihnen keine Wunder erwarten, meint „Schulbischof“ Hans-Josef Becker im Gespräch mit der „Tagespost“. Von Clemens Mann

Der Paderborner Erzbischof Hans-Josef Becker. Foto: pdp
Der Paderborner Erzbischof Hans-Josef Becker. Foto: pdp
Herr Erzbischof Becker, welchen Stellenwert haben katholische Schulen im deutschen Schulwesen?

Die katholischen Schulen in freier Trägerschaft spielen eine wichtige Rolle im Gesamtgefüge des deutschen Schulwesens. Mit insgesamt rund 370 000 Schülerinnen und Schülern, das sind 3,3 Prozent aller Schülerinnen und Schüler in Deutschland, bilden sie die größte Gruppe innerhalb der Schulen in freier Trägerschaft.

Welchen spezifischen Beitrag leisten sie?

Im Kontext unserer pluralen Gesellschaft zeichnen sich unsere kirchlichen Schulen dadurch aus, dass sie sich mit ihrem gesamten Konzept von Bildung und Erziehung auf die Basis des christlichen Glaubens, des Glaubens der katholischen Kirche beziehen. Damit erfüllen sie eine Aufgabe, die weder staatliche Schulen noch Schulen anderer freier Träger leisten können. Religiöse Bildung ist in unseren Schulen nicht nur ein Thema für den Religionsunterricht, sondern sie ist – wenn Sie so wollen – ein fächerübergreifendes Querschnittsthema. Die religiöse Dimension des Menschseins, die eine Grunddimension des Menschen ist, hat in den Bildungskonzepten unserer Schulen einen hohen Stellenwert. Und das hat nicht zuletzt Konsequenzen für die Wertschätzung jedes einzelnen Menschen als Geschöpf und Abbild Gottes, die sich wiederum im Stil des Umgangs zwischen Lehrern, Schülern und Eltern niederschlägt. Ich finde, es ist eine gute Bestätigung, dass unsere Schulen gerade auch wegen der besonders guten Atmosphäre, die in ihnen herrscht, bei Schülern und Eltern beliebt sind.

Mit welchen Schwierigkeiten haben katholische Schulen derzeit zu kämpfen?

In einer Reihe von Bundesländern haben die Träger unserer Schulen seit einigen Jahren mit deutlich schlechteren Rahmenbedingungen – insbesondere im Bezug auf die Höhe der staatlichen Refinanzierung – zu kämpfen. Da die Möglichkeiten der Bistümer und Schulträger, die entstehenden Finanzlücken mit eigenen Mitteln zu füllen, begrenzt sind, bleibt mitunter nur noch die Möglichkeit, Schulgeld einzuführen beziehungsweise das Schulgeld zu erhöhen. Das aber widerspricht dem Anspruch unserer Schulen, Schulen für alle und insbesondere auch für die Armen zu sein. Aufhorchen lässt in diesem Zusammenhang das erfreuliche Urteil des Sächsischen Verfassungsgerichtshofs aus dem vergangenen November. Es bescheinigt dem sächsischen Gesetzgeber, seiner Verpflichtung zur Förderung und Gleichbehandlung der Schulen in freier Trägerschaft nicht in ausreichendem Maß nachzukommen, und fordert erhebliche Nachbesserungen ein.

Religiosität schwindet scheinbar aus dem öffentlichen Raum. Kann eine katholische Schule hier dagegensteuern? Wo sehen Sie Grenzen beim Engagement katholischer Schulen?

In unserer zunehmend säkularen Gesellschaft sind katholische Schulen wichtige Orte kirchlicher Präsenz. Für eine größer werdende Zahl unserer Schülerinnen und Schülern sind sie die einzigen Orte, an denen sie mit der Kirche und damit auch mit Religion, mit dem Glauben und letztlich mit Gott in Berührung kommen. Gleichzeitig zeigt die hohe Nachfrage nach unseren Schulen, dass Eltern und Schüler das Angebot und die Qualität unserer Schulen schätzen. Für uns als Kirche birgt dieses starke Engagement im Bereich der Erziehung und Bildung große Chancen im Sinne einer nachhaltigen Mitgestaltung der Gesellschaft. Andererseits dürfen wir unsere Schulen auch nicht mit Erwartungen überfrachten. Sie sind Schulen, nicht mehr und nicht weniger. Für die religiöse Sozialisation und das Lernen des Glaubens sind nach wie vor die Gemeinden, die kirchlichen Jugendgruppen und allen voran die Familien von zentraler Bedeutung. Kirchliche Schulen müssen immer im Gesamtgefüge dieser verschiedenen Lern- und Erfahrungsorte gesehen werden.

Zahlreiche katholische Einrichtungen stehen vor der Herausforderung, ihr christliches Profil zu schärfen. Wo sehen Sie konkret Möglichkeiten und Optionen für katholische Schulen?

Die Arbeit am eigenen Erziehungskonzept im Sinne eines ausdrücklich katholischen Profils ist konstitutiv für jede katholische Schule. Und da eine Schule nichts Statisches ist, sondern ein lebendiger Organismus, kommt man mit dieser Arbeit auch nie an ein Ende. Um das katholische Profil unserer Schulen weiter zu stärken, wollen wir der Unterstützung unserer Lehrkräfte im religiösen Bereich eine noch stärkere Aufmerksamkeit widmen. Die Kommission für Erziehung und Schule der Deutschen Bischofskonferenz hat deshalb alle Träger katholischer Schulen zu einer Arbeitstagung Ende Februar eingeladen, bei der es um die theologische Qualifizierung und spirituelle Begleitung des pädagogischen Personals an katholischen Schulen gehen wird.

Auf dem Bundeskongress „Katholische Schulen“ haben Sie die Wahrung des vorrangigen Erziehungsrechtes der Eltern angemahnt. Wie können katholische Schulen dem Rechnung tragen?

Die primäre Verantwortlichkeit der Eltern für die Erziehung ihrer Kinder ist in der Tat ein wichtiger Akzent, den wir als Kirche in den gegenwärtigen bildungspolitischen Debatten immer wieder in Erinnerung rufen und stark machen müssen. Nach unserem Verständnis hat Schule einen subsidiären Charakter gegenüber dieser elterlichen Verantwortung. Katholische Schulen tragen diesem Selbstverständnis Rechnung, indem sie ihre Angebote auch besonders weitgehend an den Bedürfnissen der Eltern orientieren – und an den Bedürfnissen und dem Wohl der Schülerinnen und Schüler. Letzteres wird leider viel zu häufig übersehen. Auch die enge Zusammenarbeit der Schulleitung und der Lehrkräfte mit den Eltern im Schulalltag spielt für katholische Schulen eine wichtige Rolle.

Muss die katholische Kirche – Laien und Bischöfe – dem derzeitigen „Mainstream“ nicht mehr Widerstand leisten? Gerade angesichts aktueller Diskussionen über die Sexualerziehung im Bildungsplan in Baden-Württemberg oder Gender...

Ich würde nicht gerne von „Widerstand“ sprechen. Vielmehr denke ich, dass wir als Kirche in unserer zunehmend säkularen und pluralen Gesellschaft herausgefordert sind, eigene Positionen zu markieren und uns damit, wenn nötig, auch gegen den Mainstream zu stellen. Was uns dabei umtreibt und uns nicht zur Ruhe kommen lässt, ist das Evangelium, jene Botschaft des Lebens und der Freude, die wir von Christus empfangen haben und allen Menschen weitergeben wollen. „In der Treue zum Vorbild des Meisters ist es lebenswichtig“, so schreibt Papst Franziskus in Evangelii gaudium, „dass die Kirche heute hinausgeht, um allen an allen Orten und bei allen Gelegenheiten ohne Zögern, ohne Widerstreben und ohne Angst das Evangelium zu verkünden. Die Freude aus dem Evangelium ist für das ganze Volk, sie darf niemanden ausschließen.“

Als ein gewaltiges Thema innerhalb der bildungspolitischen Debatte gilt die Inklusion. Wie bewerten Sie dieses Thema? Besteht nicht die Gefahr, dass man Schule als Ort umfassender Bildung mit gesellschaftspolitischen Anliegen überfrachtet?

Ich unterstütze sehr nachdrücklich das Anliegen der UN-Behindertenrechtskonvention, sicherzustellen, dass das Menschenrecht auf Bildung für alle Menschen – mit und ohne Behinderungen – gleichermaßen und in vollem Umfang gilt. Die Bildung von Menschen mit Behinderung war immer schon ein Anliegen der Kirche und ein Bereich, in dem sie sich stark engagiert hat. Deshalb bringen wir uns mit unseren Schulen auch in den gegenwärtigen Prozess in Richtung „mehr Inklusion“ aktiv ein und suchen vor Ort nach tragfähigen Lösungen. Dabei muss unser Ziel immer die bestmögliche Bildung für jede einzelne Schülerin und jeden einzelnen Schüler sein. Was den zweiten Teil Ihrer Frage betrifft, so kann ich nur wiederholen, was ich gerade in anderem Zusammenhang schon einmal gesagt habe: Wir dürfen von der Schule keine Wunder erwarten. Die Inklusion von Menschen mit Behinderung, ihre gleichberechtigte Teilhabe und volle Akzeptanz in unserer Gesellschaft ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Die Schule kann hierzu nur einen Beitrag leisten – nicht mehr und nicht weniger.