In der Schule des Auferstandenen

Um dem Leben eine neues Fundament zu geben, braucht es mehr als nur gute Vorsätze. Von Claudia Kern

Der Auferstandene erscheint seinen Jüngern. Die Apostel gingen in die Lebensschule des Herrn. Heute geben Evangelisationsschulen jungen Erwachsenen die Möglichkeit, sich in die Schule Jesu zu begeben. Foto: Archiv
Der Auferstandene erscheint seinen Jüngern. Die Apostel gingen in die Lebensschule des Herrn. Heute geben Evangelisation... Foto: Archiv

Seit einigen Jahren nimmt ihre Zahl kontinuierlich zu – die Zahl sogenannter Jüngerschafts- oder Evangelisationsschulen im deutschsprachigen Raum. Getragen von verschiedenen geistlichen Gemeinschaften oder kirchlichen Strukturen haben sie eines gemeinsam: Sie wollen jungen Erwachsenen die Möglichkeit eröffnen, sich ganz konkret in die Schule Jesu zu begeben.

Doch warum überhaupt gibt es solche Initiativen? Ein Beispiel: Als Luc aus Frankreich vor circa drei Jahren im Rahmen eines Jugendtreffens eine intensive Erfahrung mit Gott gemacht hatte, wusste er: „Ich will mein Leben neu auf Gott ausrichten.“ Schon bald merkte er, dass es nicht so einfach ist. Alte Gewohnheiten und Bindungen brachten seinen Eifer bald zum Erliegen. Da hörte er von der Möglichkeit einer Evangelisationsschule und wusste „da muss ich hin“. Um dem Leben ein neues Fundament zu geben, braucht es mehr als nur gute Vorsätze. Es braucht konkrete Hilfen, um mehr über den Glauben zu erfahren und sich in ein Gebetsleben einzuüben. Genau diese Beobachtung war das Startsignal für die Gründung der ersten Evangelisations- und Jüngerschaftsschulen moderner Zeit. Schon in der Nachfolge Jesu hatten die Jünger einst diese Gelegenheit, mit Jesus zu leben und so ganz konkret von ihm zu lernen, auf ihn zu schauen, zu hören und sich dadurch in ihrer Persönlichkeit formen zu lassen.

Glaubenswissen wird in einer Gesellschaft, in der oft schon die Elterngeneration nur noch diffuse Vorstellungen von Gott hat, kaum noch selbstverständlich weitergegeben. Dafür ist Halbwissen, vermischt mit Vermutungen, weit verbreitet. Auch eine lebendige Glaubenspraxis ist alles andere als selbstverständlich. Wie in einem Gemischtwarenladen bastelt man sich verschiedene spirituelle und pseudoreligiöse Ausdrucksformen zusammen. Für junge Leute, die einen Sinn in ihrem Leben suchen, die Gott kennenlernen und ihm mit ihrem Leben antworten wollen, ist Orientierung in dieser Gemengelage mehr als nötig. In Jüngerschafts- und Evangelisationsschulen finden sie eine solche Möglichkeit. Das Zusammenwirken verschiedener Faktoren, eine ausgewogene Mischung aus geistlicher, intellektueller und gemeinschaftlicher Nahrung lässt sie zu Persönlichkeiten heranreifen. Sie erlernen Werte und üben sie ein. Sie entdecken, was es heißt, für andere Menschen da zu sein. Nach einem solchen Jahr haben sie ein gutes Rüstzeug, um die Kirche und die Gesellschaft in ihren jeweiligen Berufen und Lebensständen mitzugestalten.

Was heißt es, ein österliches Leben zu erlernen? Papst Franziskus sagte bei der Begegnung mit Seminaristen, Novizinnen und Novizen am 6. Juli 2013: „Zu einer guten geistlichen Ausbildung gehören vier Säulen: Die geistliche, die intellektuelle, die apostolische und die gemeinschaftliche Dimension.“ Genau diese vier Säulen bilden auch die Grundstruktur für das Leben und Lernen in der Emmanuel School of Mission Altötting (ESM). Ihr Beispiel kann hier exemplarisch aufzeigen, was es heißt, in der Schule des Auferstandenen zu leben. Ein internationales Zusammenleben (der aktuelle Jahrgang vereint 14 Studenten aus zehn Nationen von vier Kontinenten), Unterricht, Initiativen der Evangelisation sowie ein geistliches Leben sind die entscheidenden Elemente. Zitate und Beobachtungen aus dem Alltag dieser Schule veranschaulichen, was es heißt, österlich zu leben.

Eine Erfahrung, die zutiefst mit dem Geheimnis von Tod und Auferstehung Jesu verbunden ist, ist die der Barmherzigkeit. Die jungen Erwachsenen, die sich für eine solche Schule entscheiden, suchen einander nicht aus. Und so treffen die verschiedensten Kulturen, Sprachen, Gewohnheiten, Bildungsstände und Temperamente aufeinander. Den Jüngern Jesu muss es einst ganz ähnlich ergangen sein. In den ersten Wochen ist diese unglaubliche Vielfalt vor allem eines: spannend und aufregend. Man will einander kennenlernen, man bewundert die Talente der anderen und man will seinen Platz innerhalb der Gruppe finden. Im Spiegel einer solchen Fülle an Talenten und Gaben wird zugleich auch deutlich, was man selbst alles nicht so gut kann. Für die einen ist es die Grenze der Sprache. Sich nicht gut ausdrücken zu können, missverstanden zu werden und selbst nicht zu verstehen, ist unglaublich mühsam. Für andere ist es hart zu sehen, dass die Mitstudenten scheinbar so mühelos beten können, gut musizieren oder tolle Organisatoren sind. Und so ist man schon bei einem ersten Punkt, der herausfordernd ist: mit sich selbst barmherzig sein, sich nicht vergleichen, sich so annehmen, wie man ist. Dreh- und Angelpunkt für diesen Weg der Selbstannahme ist die lebendige Beziehung zu Christus. Denn seinem Ruf sind sie in diese Schule gefolgt. Also will er sie genau hier und mit den Schwächen und Stärken, die sie haben. Sie sind für ihn kein Hindernis. Er hat all dies mit ans Kreuz genommen.

Gemeinschaft, geistliches Leben, Ausbildung

Und natürlich lehrt eine solche Vielfalt auch Geduld mit den anderen. Denn nach den ersten Wochen der Bewunderung stellt sich auch der Alltag ein. Und in diesem Alltag merkt man, dass einen die eine oder andere Eigenart des Nächsten nervt. Dann sieht man nicht mehr nur das Talent der Mitstudentin, sondern erlebt auch, dass sie den Arbeiten im Haus lieber aus dem Weg geht oder immer so viel redet, dass man gar nicht zu Wort kommt (obwohl man inzwischen viel besser Deutsch kann!). Weglaufen wäre zwar möglich, ist aber nicht der ideale Weg. Nach der Erkenntnis, dass Jesus mich selbst in dieser Schule wollte, kommt die Ahnung hinzu, dass er auch die anderen so annimmt, wie sie sind – und dass er mich einlädt, die anderen mit seinen Augen zu sehen. Ob ich glauben kann, dass die Hingabe Jesu am Kreuz nicht nur meine eigenen Schwächen angenommen hat, sondern auch die der anderen, wird im Alltag sehr bald sichtbar. Denn der ist sehr schnell sehr konkret. Ein Bonmot zahlreicher Exstudenten spiegelt diese Erfahrung wieder: „Das schönste an der ESM ist das Gemeinschaftsleben. Das schwierigste an der ESM ist das Gemeinschaftsleben.“

Gelingt dieses Ineinander von Selbst- und Nächstenliebe, so kann aus dem Gemeinschaftsleben etwas Besonderes wachsen, das dann wiederum auch nach außen ausstrahlt. Bei zahlreichen Begegnungen im Rahmen unserer Evangelisationseinsätze hören wir immer wieder, wie sehr das Miteinander der Studenten Zeugnis von der Liebe Gottes gibt. Man hat gelernt, mit den eigenen Verletzungen und denen der anderen zu leben.

Der gemeinsame Blick auf Gott ist es, der die Basis für ein gelingendes Zusammenleben schafft. Und so hat das geistliche Leben einen zentralen Stellenwert im Programm der ESM. Lobpreis, persönliche Gebetszeit, die Feier der Heiligen Messe sowie ein Abendgebet strukturieren den Tag. Hinzu kommen regelmäßige „Wüstentage“ in Stille, Schweigeexerzitien mit dem Wort Gottes, Kurz-Exerzitien sowie eine persönliche Begleitung (extern). Für manche ist es ein dankbares Eintauchen in die Nähe Gottes, für andere ist es eine gänzlich neue (und nicht selten herausfordernde) Erfahrung. Es bleibt in der Verantwortung des Einzelnen, wie er diese Möglichkeiten lebt. Doch jeder merkt schon sehr bald: Dieses Verweilen bei Gott ist letztlich unverzichtbar. Jesus selbst hat die Apostel ja in seine Nachfolge berufen, „die er bei sich haben wollte“ (Mk 3,14). In dieses Mit-Jesus-Sein gilt es hineinzuwachsen. Die ESM will den Studenten ein Fundament für das ganze Leben mitgeben. Im Berufs- und Familienalltag jedoch wird es später den wenigsten möglich sein, ein solch intensives geistliches Programm zu verwirklichen. Dennoch ist das geistliche Leben in diesem Jahr nicht realitätsfern. Für eine begrenzte Zeit haben die Studenten die Möglichkeit zu entdecken, was ihnen hilft und was ihnen wichtig ist. Das bietet die Chance, dass die Beziehung zu Jesus so stark wird, dass sie nachher auch unter anderen Bedingungen lebendig bleibt und trägt. Eine Ex-Studentin formulierte es so: „Ich hab Jesus am Anfang des Jahres gebeten, dass meine Beziehung zu ihm so intensiv wird, dass ich es nachher auch ohne den Rahmen der ESM schaffe, treu zu bleiben. Und diese Bitte hat er erfüllt.“

Der Verstand ist ein kostbarer Teil des Menschen und soll daher auch angesprochen werden. Gerade in den scheinbar endlosen Debatten über die Sinnhaftigkeit kirchlicher Glaubens- und Moralvorstellungen ist es gut, zu wissen, was die Kirche wirklich sagt und wie sie zu ihren Aussagen kommt. In vielen Ländern ist die katechetische oder schulische Vermittlung religiösen Wissens nicht ausreichend, um einen wirklichen Halt und eine Orientierung zu geben. Und so ist auch der Unterricht ein wichtiger Bestandteil des Alltags. Neben klassischen theologischen Einheiten der Dogmatik, Bibelwissenschaften oder Moraltheologie spielen dabei auch immer mehr Disziplinen eine Rolle, die die Persönlichkeit entwickeln und lebenspraktische Hilfen geben: Kommunikation, Bioethik, Theologie des Leibes oder Mann- und Frausein, um nur einige Beispiele zu nennen. Hier ist das Mitdenken der Studenten gefragt. Sie sollen nicht nur hören, sie sollen verstehen. Daher sind Fragen und Diskussionen erwünscht. Auch eigene Referate ergänzen das Programm. All dies hilft ihnen, ihren Glauben besser zu verstehen, die Kirche zu lieben, Gott besser kennenzulernen.

Die eigene Komfortzone verlassen und evangelisieren

„Wovon das Herz voll ist, davon spricht der Mund“, so heißt es schon in Mt 12,34. Und so ist die Evangelisation eine logische Folge eines Lebens mit Gott, der in diese Welt gekommen ist und sein Leben für die Menschen hingegeben hat. Die Studenten erleben Gott in einer sehr konkreten Form und sie hören auch die Sehnsucht Jesu, dass seine Botschaft „in der ganzen Welt“ verkündet werde. Verschiedene Initiativen führen sie in die Begegnung mit ganz normalen Menschen – sei es mit den Nachbarn, mit Jugendlichen bei einem Wochenende oder auch mit Schülern, Pfarrmitgliedern, Weihnachtsmarktbesuchern. So lernen sie, ihre eigene Komfortzone zu verlassen, nicht nur um das eigene Wohlbefinden besorgt zu sein, sondern auch in die Sorge und Liebe Gottes für diese Welt einzutreten. Sie machen sich den missionarischen Auftrag des Auferstandenen zu eigen. Die konkreten „Aktionen“ sind dabei eine Schule, um in eine Haltung hineinzuwachsen, die den anderen in den Blick nimmt und zugleich aufmerksam dafür bleibt, dass die Welt Gott braucht.

Leben in der Schule des Auferstandenen – das kann man nicht einfach durch ein Studium erlernen. Es erfordert den Einsatz der ganzen Person. Evangelisations- und Jüngerschaftsschulen wollen ihren Schülern und Studenten helfen, in eine solche Haltung hineinzuwachsen. Doch ist es in jedem Lebensalter und auch außerhalb solcher Einrichtungen möglich, sich in die Schule Jesu zu begeben. Es geht darum, die Liebe Gottes zu empfangen und sie weiterzugeben. Sich mit Herz und Verstand in Gott verankern, im Vertrauen zu ihm wachsen, seine Liebe verkünden – all dies ist letztlich eine lebenslange Schule.

Die Autorin ist, im gottgeweihten Leben in der Gemeinschaft Emmanuel, Mitarbeiterin im Leitungsteam der ESM Altötting (www.esm-altoetting.de)