Ideologie einer neuen Weltdeutung

Rainer Bucher legt Hitlers „theologische“ Antwort auf die Moderne frei

„Von Beginn bis zum Schluss seiner öffentlichen Tätigkeit begreift Hitler sein politisches Projekt als theologisch fundiert.“ Der Grazer katholische Pastoraltheologe Rainer Bucher hat sich die Frage gestellt, wie diese theologische Fundierung aussah und ob nicht genau in ihr ein Schlüssel liege, Hitlers Macht, der fast „das ganze Land [...] bis in den Untergang folgte“, zu erklären. Wie war Hitler möglich? Bucher formuliert eine Antwort aus der Perspektive des Theologen und legt damit eine außerordentlich anregende und aufrüttelnde Studie vor, deren Lektüre Beunruhigung hinterlässt, vermag sie doch auch die Vermutung nicht ganz auszuschließen, dass Mechanismen, die Hitler nutzte, jederzeit wieder nutzbar sein könnten. „Der zivilisatorische Boden unter unseren Füßen [ist] dünn.“

Dass Hitler sich selbst als „gottgläubig“ sah, dass er allüberall „die Vorsehung“ im Munde führte, zu deren Werkzeug und Erfüller er sich stilisierte, ist bekannt. Dass der Nationalsozialismus, wie andere totalitäre Systeme auch, rituelle Formen, Mythen und Symbole der religiösen Welt, der katholischen Kirche vor allem adaptierte, ist ebenfalls nichts Neues. Aber Bucher befasst sich nur am Rande mit der Frage, wie der Nationalsozialismus in Ästhetik und Formgebung als „politische Religion“ funktionierte. Im Zentrum seiner Überlegungen steht Hitler selbst, dessen Schriften und Reden von der Frühzeit bis zum Untergang präsentiert und analysiert werden.

Neuheidnische Vorsehung

Bucher kommt aus theologischer Sicht zu einem Ergebnis, zu dem von anderen Ausgangspunkten her auch Historiker, Politikwissenschaftler und Psychologen gekommen sind: Hitler war ein Phänomen der Moderne, kein Rückfall in vorzivilisatorische Barbarei, kein Revisionist, schon gar kein „Betriebsunfall“; Hitlers Nationalsozialismus „war etwas wirklich Neues“, und zwar eine spezifische Antwort auf die „Her-ausforderung durch die Moderne“. Moderne ist anspruchsvoll; Individualismus, Pluralismus, Relativismus, „der Verlust der Mitte“, erzeugen „Zumutungen“, Ängste, Verwerfungen, psychologisch formuliert eine „Sehnsucht nach Kränkungslinderung“, theologisch formuliert, nach Erlösung. Aber wer kann die Menschen erlösen, wenn sie durch den Prozess der Moderne vereinzelt, entgrenzt, auf sich selbst gestellt sind? Den Universalismus der Kirche als Heilsinstanz hatte die Moderne erledigt; der Liberalismus mediatisierte das ehemals Universale und stellte, um ein Lieblingswort Buchers zu gebrauchen, nur noch „politische Projekte“ gleich-gültig nebeneinander. Das Zentrum der Macht, die Mitte, blieb leer, ja musste leer bleiben, weil eben der Kern der modernen pluralistischen Demokratie darin besteht, „dass die [...] Zivilgesellschaft ihren Dissens so organisiert, dass er bestehen bleiben kann und sie dennoch entscheidungsfähig wird.“

Die Krise der alten universalen Weltdeutungsmacht (kurz: der Kirche), bestand darin, in dem Dilemma zwischen nach wie vor aufrecht erhaltenem universalistischen Anspruch und faktisch bestenfalls nur noch partikularer Geltung zu versinken und die Schuld dafür weitgehend hilflos dem „zersetzenden Liberalismus“ zuzuschreiben. Hitler griff nun – so Bucher – bei der scharfsichtigen Diagnose dieses modernen Dilemmas an. Er wechselte die Vorzeichen, gründete sein „politisches Projekt“ auf einen radikalen Partikularismus und setzte diesen Partikularismus gleichzeitig in universale Geltung. Damit schlug er mehrere Fliegen mit einer Klappe: Er konnte die ehemals universale Macht (Kirche) als überwunden und im Grunde lächerlich denunzieren, konnte den Liberalismus als nicht „wahrheitsfähig“ abstrafen und konnte zuletzt seiner von der Moderne verletzten Klientel eine neue Mitte, eine neue Heilsoption bieten. Hitler stand für dynamische Modernisierung, ohne Modernisierungsverluste; er verhieß den Desorientierten Orientierung, indem er den Pluralismus verabschiedete. Sozialhistorisch wäre dieser Argumentation Buchers noch hinzuzufügen: er gab den Verlierern der Modernisierung Heimat, indem er die Globalisierung geißelte und auf die Scholle setzte. Hitlers, von Bucher hier beschriebener politisch-weltanschaulicher Anti-Universalismus wird nach der wirtschaftstheoretischen Seite hin ergänzt durch strikte Anti-Globalisierung.

Die Umwertung von Universalismus und Partikuralismus gelang Hitler mit dem bekannten fatalen „Erfolg“, indem er sie, wie Bucher zeigt, durch eine Theologie absicherte. Durch den ständigen Rückbezug auf die „Vorsehung“ positionierte sich Hitler im Rahmen einer Geschichtstheologie; Hitler legitimierte sich und seine Macht, indem er sich als notwendiges Werkzeug einer von der „Vorsehung“ präfigurierten Geschichte präsentierte. Die Vorsehung „segnete“ entweder das Handeln Hitlers und des Nationalsozialismus, wenn es erfolgreich war, oder sie „prüfte“ es, wenn es nicht erfolgreich war; wie auch immer, sie verlieh seinem partikularen Projekt stets universale Legitimation. Hinter der „Vorsehung“ stand „Gott“ als zentrale Appellationsinstanz und „reines Gegenüber“ Hitlers. Gott weist dem „deutschen Volk“ seine Aufgabe zu: Wiederum wird das Partikulare zur Universalität erhoben. Zuletzt bleibt der Einzelne, das Individuum: Es verharrt nicht in Isolation, sondern gliedert sich in das große Werk ein – durch Glauben und bedingungslose Hingabe.

Theologie dient Hitler dazu, seine in einem Höchstmaß aggressiven, menschenfeindlichen, rassistischen – partikularen – politischen Ziele universal zu fundieren. Reinerhaltung des Blutes und Eroberung von Lebensraum für die arische Rasse rücken damit in den Rang von Heilsnotwendigkeiten, die zu erkämpfen Hitler und mit ihm das deutsche Volk berufen sind. In dieser Perspektive lässt sich schließlich auch der Judenmord „theologisch“ begründen.

Die Juden stören als teuflische Widersacher diese göttliche Ordnung. Zu den brillantesten Passagen der Abhandlung Buchers zählt zweifellos diejenige, in der er zeigt, wie Hitler das eigene Universalismus-Partikularismus-Spiel auf die Juden projiziert und die Juden dann genau aufgrund dieser vermeintlichen Disposition zur Elimination bestimmt: Weil die Juden als „Rasse“ und unter Universalisierung ihrer partikularen Interessen nach „Weltherrschaft“ strebten, so Hitler, bedrohten sie die göttliche Ordnung auf besonders „perfide“ Weise. Deshalb sei es „göttlicher Auftrag“, sie zu vernichten.

Hitlers Umwertung des Partikularen zum Universalen qua „Theologie“ zu verstehen, heißt auch, einen neuen Blick auf die Faszination zu gewinnen, die der Nationalsozialismus auf einzelne Vertreter der katholischen Kirche temporär ausübte. Natürlich verurteilte das kirchliche Lehramt kompromisslos die „neuheidnische Ideologie“ des Nationalsozialismus; andererseits blieb vielfach ein mehr oder weniger verhohlener Respekt Hitler gegenüber, dem es gerade in den Anfangsjahren seiner Herrschaft gelungen schien, dem allesauflösenden Liberalismus eine neue, feste Gemeinschaft entgegenzustellen. Nicht von ungefähr hoben sogar hohe kirchliche Würdenträger Hitler lange Zeit als „echt gläubig“ gegenüber den völkischen Ideologen der zweiten Reihe ab, und nicht von ungefähr versuchten „Brückenbauer“ die katholische Theologie unter Rückgriff auf Versatzstücke nationalsozialistischer Ideologie, wie „Erleben“, „Gemeinschaft“, ja sogar „Volk“ und „Blut“ zu erneuern oder gar den Nationalsozialismus durch Infiltration katholischer Essenzen zu „läutern“. An Karl Adam, Michael Schmaus und Joseph Lortz führt Bucher kurz aber eindrucksvoll vor, welch erschreckende Blindheit gegenüber der Theologie Hitlers notwendig war, um solche Gedankengebäude zu verfertigen. Hitlers Gott, so Bucher, war ein durch „theologischen Totalitarismus“ verfügbar gemachter Gott, ein in den Dienst des Rassismus gestellter, unbarmherziger Vollstrecker, ohne Gnade, ohne Geheimnis, ohne Liebe. Hitlers Gott war nicht der Gott der Christen, sondern ein „numinoses Monster“.

Verständlich ist, dass Bucher, theologisch sozialisiert von der Aufbruchsstimmung des Zweiten Vatikanums, sein Urteil über das Verhalten der Kirche dem Nationalsozialismus gegenüber mitunter nicht allein auf dem Boden seiner nüchternen Analysen gründet, sondern an der „nachkonziliaren, stärker an einer Menschenrechtsoption orientierten pastoralen Aufgabenbeschreibung der Kirche als ,universalem Heilssakrament‘“ misst. Damit fällt das Urteil moralisch härter, historisch jedoch vielleicht nicht angemessener aus. „Die katholische Kirche unternahm als gesamte und unter der Führung ihrer Bischöfe nie den Versuch, die nationalsozialistische Herrschaft zu stürzen oder auch nur ihre Konsolidierung in den Anfangsjahren zu verhindern.“

Ein Buch, das Augen öffnet

Aber sie hat doch auch, ausgehend vom römischen Lehramt und, wie wir seit Öffnung des Archivs der römischen Glaubenskongregation wissen, unter sorgfältiger Analyse der Schriften Hitlers die Kernsätze seiner Theologie verurteilt. In der Enzyklika „Mit brennender Sorge“ wurde diese Verurteilung am Palmsonntag des Jahres 1937 öffentlich von allen Kanzeln Deutschlands verlesen, und sie war nicht nur für katholische Ohren bestimmt. Ein Jahr später folgte mit dem „Rassensyllabus“ der päpstlichen Studienkongregation eine weitere explizite Zurückweisung des gesamten Hitlerschen Welt- und Menschenbildes. Die katholische Kirche hat also Hitlers Theologie in ihrer Eigenart und Gefährlichkeit durchaus wahrgenommen und nicht mit jenen Formen völkischer Spintisiererei verwechselt, die Hitler selbst als nicht an die Moderne „anschlussfähig“ verspottete.

Wie auch immer die Wertung letztlich ausfallen wird; die Kirche hat sich – dies hebt auch Bucher abschließend hervor – zum Bündnis mit dem westlichen Liberalismus weiterentwickelt und damit zum Anwalt der Freiheit. Die Bedrohungen aber, denen die Moderne auch lange nach dem Untergang Hitlers und seines Nationalsozialismus, in ihrer zweiten, dritten oder „Post“-Variante, unverändert ausgesetzt ist, können erwachen: wenn kollektive Kränkungen zu Hass mobilisiert werden, wenn der Alltag nicht (mehr) in Demut zu ertragen ist und Heilsversprechen nach Heroismus rufen oder immer dann, wenn Menschen meinen, sich selbst erlösen zu können. Bücher wie das von Rainer Bucher tragen dazu bei, für solche Gefährdungen die Augen zu öffnen.