Hindernisse hoch wie Achttausender

Die Himalaja-Mission der Pallottiner im Nordosten Indiens schenkt Menschen Hoffnung durch Glaube, Bildung und Soziales. Von Nicolas Schnall

Pater Siju Jose mit seinen Schäfchen vor einer Kirche in einer der Außenstationen der Pfarrei. Foto: pd
Pater Siju Jose mit seinen Schäfchen vor einer Kirche in einer der Außenstationen der Pfarrei. Foto: pd

Glauben stärken, Bildung fördern, Gesundheit erhalten: Mit diesen Vorsätzen ist Pater Augustine Kolencherry als erster indischer Pallottiner auf Einladung des Bischofs von Itanagar im Bundesstaat Arunachal Pradesh angetreten, im Nordosten des indischen Subkontinents christliches Leben einzupflanzen. Für sein „Unternehmen“ hätte er sich vor drei Jahren durchaus ein leichteres Gebiet auswählen können.

Denn schon allein die Tatsache, dass einige der zur Pfarrei in Siyum gehörenden Außenstationen in den östlichen Himalaya-Bergen einen zwölfstündigen Fußmarsch entfernt liegen, veranschaulicht die große Herausforderung, der sich der damals 72-jährige Missionar an diesem Flecken Erde stellte. Ein wenig mehr als eine Million Bewohner auf zwanzig große und 110 kleinere Stämme mit ebenso vielen Dialekten verteilt, bilden auf einer Fläche, die so groß ist wie Bayern und Sachsen zusammen, einen bunten Vielvölkerstaat.

Auch in religiöser Hinsicht trifft man hier auf ein breites Spektrum: Doch Hinduisten und Buddhisten leben hier neben Animisten – eine religiöse Form, die zumeist von indigenen Völkern praktiziert wird – und Christen in friedlicher Koexistenz. Ganz im Gegensatz zu anderen Regionen Indiens.

Entscheidend dabei war, dass sich die politische Situation in den vergangenen zwölf Jahren deutlich stabilisierte. Denn noch bis 1999 waren im gesamten indischen Bundesstaat, der im Norden an Tibet, im Westen an Bhutan und im Osten an Myanmar grenzt, jegliche missionarischen Aktivitäten unter Strafandrohung verboten. Und dennoch gab es schon seit den 1960er-Jahren mutige Priester, die Kontakt zu Einheimischen suchten und sie dazu aufriefen, ihre Kinder in Missionsschulen im benachbarten Bundesstaat Assam zu schicken oder selbst dorthin zu ziehen.

Erst die Wahlen zur Jahrtausendwende, bei denen Christen erstmals in das Parlament einzogen und sogar Ministerposten erhielten, verbesserten das Klima. Vor allem die junge christliche Gemeinde vor Ort hat in den vergangenen Jahren rapide zugenommen. Vor allem auch durch den aufopferungsvollen Einsatz der einheimischen Mitbrüder.

Pallottiner aus Indien für Indien: Eine Erfolgsgeschichte, die Mitte des 20. Jahrhunderts, genauer gesagt im August 1949 ihren Ausgang nahm. Damals bot die vatikanische Kongregation „Propaganda Fide“ – heute Kongregation für die Evangelisierung der Völker – der Gemeinschaft die Region um Raipur, im östlichen Teil der Diözese Nagpur, als Missionsgebiet an. So setzten mit den beiden Patres, Lorenz Scheu und Werner Hunold, vor sechzig Jahren die ersten Pallottiner ihre Füße auf indischen Boden. Sechs überaus produktive Jahrzehnte sind seither vergangen. Zahlreiche Schulen, Internate und Hochschulen entstanden. Bildungshäuser, Leprastationen und Kirchen geben noch heute vielen Menschen eine Heimat im Glauben und in der sozialen Not.

Was seinerzeit mit zwei deutschen Pallottinern begann, hat inzwischen – für die Pioniere von einst wohl unvorstellbar – reiche Früchte getragen: Aus der kleinen pallottinischen Einheit (Delegatur) Indien sind inzwischen zwei große Provinzen und eine Regio mit mehr als 500 Mitbrüdern geworden. Zudem wurde bei der letzten Generalversammlung der Pallottiner 2010 in Ariccia mit Pater Jacob Nampudakam der erste Inder zum Generalrektor gewählt.

Ohne das jahrzehntelange Engagement deutscher Pallottiner in Indien wäre solch eine Entwicklung kaum vorstellbar gewesen. Die ihnen von ihren Mitbrüdern aus Deutschland lange Zeit vorgelebte Haltung haben die indischen Pallottiner längst verinnerlicht.

So war es für die zwei jüngeren Patres Siju Jose und Anto Thomas eine Selbstverständlichkeit, den Samen, den Pater Augustine vor drei Jahren pflanzte, in der Missionsstation in Siyum weiterzupflegen. Als Pfarrer und Kaplan traten sie gerne in die großen Fußstapfen ihres Vorgängers: „Seine Pionierleistung erfüllt jeden Pallottiner mit Stolz und überzeugte uns davon, seine Arbeit auch in Zukunft fortzusetzen“, erklärt P. Siju.

Mitte letzten Jahres übernahm er die Verantwortung für die Pfarrei St. Vinzenz Pallotti in Siyum, die heute aus 2 200 Katholiken – verteilt auf 370 Familien in 16 Stationen – besteht. Und mit der ihm eigenen Art des Zupackens, wo Hilfe gefragt ist, weiß der junge Pater genau, was er will. Nachdem sich die Hauptgemeinde in Siyum bereits aus einfachen Materialien eine eigene Kirche baute, in der sie Gottesdienst feiert, stehen für ihn als Pfarrer derzeit drei Projekte im Vordergrund: Die Ausbildung von Katechisten, die das Evangelium auch zu jenen bringen sollen, die es bisher noch nicht erreichte. Ein Internat, das 200 Kindern aus abgelegenen Bergdörfern den Schulbesuch ermöglicht. Und eine Krankenstation mit Schwesternkonvent, die für eine gute Erstversorgung unausweichlich ist.

„Erst wenn all dies in die Tat umgesetzt ist, ist effektive Missionsarbeit möglich“, schildert Pater Siju die teils prekäre Situation vor Ort. Finanzielle Unterstützung sei von den Dorfbewohnern nicht zu erwarten, aber schon durch ihre Tatkraft zeige sich der unter diesen Menschen stark ausgeprägte Gemeinschaftssinn, so der Pater. Vor der Herausforderung zu fliehen, komme für ihn schon deshalb nicht in Frage.

Möglicherweise sind es gerade die vielen Hindernisse, die sich vor den beiden Patres in den abgelegenen Bergregionen Indiens – im wahrsten Sinne des Wortes – wie Achttausender auftürmen, die diese Aufgabe für die beiden jungen Pallottiner besonders reizvoll macht.