Gottes Antworten auf die Herausforderungen der Zeit

Von Pius XII. bis Franziskus – Gott weiß, was Kirche und Welt nötig haben. Von Stefan Rehder

Kann von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit nur noch in der Kirche geträumt werden? Foto: dpa
Kann von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit nur noch in der Kirche geträumt werden? Foto: dpa

Die Schuhe des Fischers sind jedem zu groß. Das war schon so, als es sich bei ihnen noch um Sandalen handelte und Christen keine Zeit damit verschwendeten, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, welche Farbe sie besitzen müssten. Nicht, dass Gott nicht maßschneiderte. Nur pflegt er beim Maßnehmen sich einzurechnen. So groß, das man in ihnen stolpern musste, wurden die Schuhe des Fischers deshalb nur für den in diesen Dienst Gerufenen, dem dies aus dem Blick geriet. In der mehr als 2 000-jährigen Kirchengeschichte ist dies häufiger vorgekommen. So oft, dass man den Eindruck gewinnen könnte, einer der zuverlässigsten Beweise der Existenz Gottes bestehe darin, dass das nahezu ständig von Außen wie von Innen gefährdete „Unternehmen Kirche“ noch nicht vor die Wand gefahren wurde.

Das gilt besonders für die Gegenwart und die jüngste Vergangenheit oder, wie man auch sagen könnte, für die Moderne. Denn so vielfältig bedroht wie in der Moderne war die stets verfolgte Kirche – sieht man einmal von ihren Anfängen ab – noch nie. Hielten zwei Weltkriege und die totalitären Ideologien des Nationalsozialismus und des Kommunismus sowie das während des Kalten Krieges einsetzende Wettrüsten und die mit ihm drohende atomare Katastrophe die Welt und die Kirche über weite Strecken des 20. Jahrhunderts pausenlos in Atem, so sind es heute andere -ismen, welche die Kirche vor womöglich noch größere Herausforderungen stellen. Denn in den vergleichsweise jungen Demokratien drohen Materialismus und Utilitarismus, Relativismus und Subjektivismus inzwischen längst das vom Christentum über Jahrhunderte angehäufte zivilisatorische Kapital ersatzlos zu vernichten.

Wo Haben mehr zählt als Sein und nur noch der Nutzen den Wert einer Sache bestimmt, werden zuletzt auch Personen zu Objekten degradiert. Wo bestritten wird, dass das Gute mittels der Vernunft erkannt werden kann, wird auch die Frage nach dem Allgemeinwohl unbeantwortbar. Wo nichts mehr „Wahrheit“ beanspruchen darf – mit Ausnahme der schon deswegen absurden Behauptung, dass es Wahrheit nicht gibt – wo ausschließlich individuelle Ansichten und Gefühle zählen, dort kann auch das „Recht“ nur noch auf Seiten derer gefunden werden, die zugleich die „Macht“ besitzen, es durchzusetzen. Johannes Pauls II. Rede von der „Kultur des Todes“, Benedikts XVI. Wort von der „Diktatur des Relativismus“ sind denn auch keine bloße Metaphern für mögliche drohende Gefahren, sondern messerscharfe Zustandsbeschreibungen von ins Trudeln geratenen Gemeinwesen, deren endgültiger Absturz immer unausweichlicher zu werden scheint.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – der Traum der Aufklärer, der im 18. Jahrhundert gegen das oft viel zu enge Bündnis von Thron und Alter geträumt wurde, kann – so scheint es – heute nur noch mit der Kirche geträumt werden. Nicht willkürliche Herrschaft, Aberglaube und Tradition, sondern political correctness, pseudo-wissenschaftlicher Szientismus und eine bloß noch instrumentell verstandene Vernunft verhindern heute, dass der Mensch einen „Ausgang“ aus „seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ findet und „sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen bedient“ (Immanuel Kant). Man kann es für einen Treppenwitz der Geschichte halten, zumindest ist es nicht ohne Ironie, dass das „unvollendete Projekt der Moderne“ (Jürgen Habermas) heute nirgendwo besser aufgehoben scheint, als bei der Kirche, die mit Thomas von Aquin die Überzeugung vertritt: „Gott hat dem Menschen nichts geboten, was nicht ohnehin von der Vernunft als das für den Menschen Zuträgliche erkannt werden kann.“

„Es gibt Weltkrisen, weil es an Heiligen fehlt“, war der Gründer des Opus Dei Josémaría Escrivá, ein moderner Heiliger, überzeugt. An Männern und Frauen, „die sich entschlossen haben, Christus zu folgen und in Liebe das Kreuz eines jeden Tages zu tragen“. An aus der Kirchengeschichte herausragenden Päpsten hat es der Kirche in der Moderne jedenfalls bislang nicht gemangelt. Man kann Pius XII., Johannes XXIII., Paul VI., Johannes Paul II., Benedikt XVI. und Franziskus auch als Gottes Antworten auf die mannigfaltigen Herausforderungen unserer Zeit verstehen. Einer Zeit, der nicht mehr in den Sinn kommt, was Romano Guardini in „Das Ende der Neuzeit“ festhielt: „Von der Macht des Menschen, die nicht durch sein Gewissen verantwortet wird, ergreifen die Dämonen Besitz. (...) Es gibt kein Seiendes, das herrenlos wäre. (...) Das alles hat die Neuzeit vergessen. (...) Sie hat gemeint, der Mensch könne einfachhin Macht haben und in deren Gebrauch sicher sein – durch irgendwelche Logik der Dinge, die sich im Bereich seiner Freiheit ebenso zuverlässig benehmen müssten, wie in dem der Natur.“