Gott spricht konsequenzialistisch

Was islamische Gelehrte zur modernen Biomedizin sagen

Wenn Europäer vom „Islam“ sprechen, denken sie zumeist an einen Islam, der ihnen, vermittelt von Moscheeorganisationen und Dachverbänden, in ihrer Heimat gegenübertritt und nicht selten den Anspruch erhebt, den „wahren Islam“ zu repräsentieren. Die Einsicht, dass dies zwar verständlich, aber auch töricht ist, gehört zu den Früchten, die der Leser des vorliegenden Buches gewissermaßen nebenbei erntet.

In erster Linie gewährt das Buch, das den Titel „Moderne Medizin und islamische Ethik“ trägt und in der von der Georges-Anawati-Stiftung herausgegebenen Reihe „Religion und Gesellschaft – Modernes Denken in der islamischen Welt“ erschienen ist, Einblicke in die Auseinandersetzung islamischer Gelehrter, mit den Problemen, welche die moderne Medizin überall auf der Welt aufwirft. Um diese zu ermöglichen, hat der deutsche Islamwissenschafter Thomas Eich fünfzehn Texte islamischer Gelehrter aus dem Iran, dem Nahen Osten, Nordafrika und den Vereinigten Staaten ausgewählt, übersetzt und kommentiert. Die Mehrzahl der Gelehrten, die dabei zu Wort kommen, zählen zu den Ulamâ. So werden in der islamischen Welt die Rechtsgelehrten genannt, deren Aufgabe es ist, den nach islamischem Verständnis im Koran geoffenbarten göttlichen Willen auf die sich ändernden Umstände und sozialen Kontexte zu übertragen und die zu diesem Zweck auch auf Anfrage Rechtsgutachten, so genannte Fatwas, erstellen. Neben dem Koran, der nach islamischem Verständnis die schriftliche Sammlung der wörtlichen Offenbarung Gottes darstellt, die der Erzengel Gabriel dem Propheten Muhammad bis zu dessen Tod im Jahre 632 über einen Zeitraum von 23 Jahren übermittelte, schöpfen die Ulamâ noch aus der Sunna, die aus sechs großen Sammlungen besteht, welche der Tradition nach die Aussprüche und Handlungen des Propheten beinhalten.

Weil wie nicht anders zu erwarten jedoch sowohl die künstliche Befruchtung als auch das Klonen weder im Koran noch in der Sunna Erwähnung finden, sind die Ulamâ genötigt, in kasuistischer Manier Analogien zu entwickeln, um eine Einschätzung abgeben zu können, ob eine bestimmte Handlung nach islamischen Recht als erlaubt oder verboten gelten muss.

Laut Eich, der in Bamberg, Damaskus und Freiburg Islamwissenschaften, Mittelaltergeschichte und Iranistik studierte und mit einer Arbeit über den Sufismus im spät-osmanischen Reich promovierte, zeigt dies, dass „die Scharia eben gerade kein statisches, spätestens im 3. Jahrhundert islamischer Zeitrechnung für alle Zeiten festgezurrtes Gebilde ist, wie oft irrigerweise vermutet wird“. Vielmehr stünde „die Notwendigkeit der permanenten Fortentwicklung des islamischen Rechts“ für die Ulamâ im Zentrum ihrer Berufsauffassung.

Der kasuistische Charakter der Rechtsfortbildung hat laut Eich einerseits zur Folge, „dass sich die Scharia als äußerst flexibel erweist“. Anderseits resultiere daraus eine Vielzahl von Meinungen, die oftmals als „geradezu verwirrende Kakophonie empfunden werden kann“; dies umso mehr, als die beiden großen Glaubensrichtungen, die Sunniten und die Schiiten, zudem noch jeweils eine ganze Reihe unterschiedlicher Rechtsschulen kennen. Dabei dürfte, so Eich weiter, eines jedoch nicht übersehen werden: „Der Prozess der Rechtsfortentwicklung im Islam hat ja nicht den oft postulierten Zustand der Kakophonie der Gelehrtenmeinungen zum Ziel, sondern strebt vielmehr danach, dass sich schließlich eine bestimmte Meinung als die akzeptabelste herauskristallisiert und allgemeine Anerkennung findet.“

Bei der Auswahl der Texte hat sich der Autor, der seit 2003 die islamische Bioethik erforscht, wie er darlegt, von folgendem Gedanken leitet lassen: „So sehr einerseits die Vielgestaltigkeit islamischer Diskussionen über bioethische Themen dokumentiert werden soll, will die Textauswahl andererseits ganz bewusst dem Eindruck entgegenwirken, im islamischen Recht sei alles beliebig und hänge nur vom Standpunkt des Betrachters oder Gutdünken der Rechtsgelehrten ab.“

Tatsächlich zeigt die Lektüre der einzelnen Beiträge, dass es eine Reihe von Prinzipien gibt, denen bei der Beantwortung der zur Rede stehenden Fragen maßgebliche Bedeutung zukommt.

Zu den fundamentalsten zählt die legitime Zeugung. Weil der Geschlechtsverkehr nur innerhalb der Ehe als legitim betrachtet wird, wobei sich die Ulamâ dabei meist auf Sure 30,21 berufen, werden etwa Eizellen- und Samenspende sowie die Leihmutterschaft im Islam einhellig abgelehnt. Dagegen wird die künstliche Befruchtung, sofern sie innerhalb der Ehe stattfindet und sichergestellt ist, dass für die künstliche Zeugung tatsächlich jeweils nur Erbmaterial der beiden Eheleute Verwendung findet, für erlaubt erklärt. Kinder, die auf anderen Wegen als den erlaubten gezeugt werden, haben gemäß der Scharia den Status eines Findelkindes. Empfängnisverhütung gilt im Islam grundsätzlich als erlaubt, einschließlich jener, die eine Frühabtreibung nach sich ziehen können. Dagegen sind Sterilisationen und Abtreibungen verboten. Ausnahmen vom Abtreibungsverbot werden in Fällen gemacht, in denen das Leben oder die Gesundheit der Mutter bedroht ist. Hier befürworten die Ulamâ offenbar überwiegend Abtreibung bis zum 120. Tag, dem Zeitpunkt, zu dem nach islamischer Vorstellung die Beseelung erfolgt.

Bemerkenswert ist, dass obwohl die islamischen Gelehrten in ihren Texten immer wieder den Koran zitieren und zur Urteilsfindung heranziehen, sie dies nicht daran hindert, zugleich in hohem Maße konsequenzialistisch zu argumentieren. So wird etwa in allen drei Texten, die sich mit Klonen von Menschen auseinandersetzen, vornehmlich die Frage erörtert, welche Auswirkungen das Klonen von Menschen für die Gesellschaft hat und je nachdem, wie diese eingeschätzt werden, das Klonen für erlaubt oder verboten erklärt. Dass eine Handlung abzulehnen sei, weil sie in sich schlecht ist, dies scheint zumindest in den ausgewählten Texten kein bedeutsames Kriterium für eine Urteilsfindung zu sein. Sogar Gott selbst werden von einigen Gelehrten hier und da konsequenzialistische Motive zugeschrieben. So hat etwa Gott laut Gâd-al-Haqq Ali Gâd-al-Haqq, dem früheren Obermufti Ägyptens, „die Ehe gegeben und die Unzucht verboten“, weil „die Bewahrung des Nachwuchses absolut notwendig ist“.

Der vom Christentum inspirierte Gedanke, dass die Ehe der Würde von Personen entspricht, während die Unzucht ihr widerspricht, ist offenbar keine Kategorie des islamischen Denkens.

Ethiken fragen nach dem Nutzen

Ähnlich konsequentialistisch wird auch bei den Fragen argumentiert, die erst zum Lebensende hin relevant werden, und von denen im dritten Teil des vorliegenden Buches die Euthanasie, der Hirntod und die Gewinnung von Organen behandelt werden. Sieht man einmal von der für westliche Leser eher fremden Herangehensweise ab, welche Antworten auf die zu erörternden Fragen zunächst aus dem Koran und der Sunna abzuleiten sucht, kann man sich des Eindrucks nicht entziehen, dass die Ergebnisse, zu denen die hier ausgewählten islamischen Gelehrten in ihren Texten kommen, mit utilitaristischen Ethikansätzen weitaus stärker konvergieren, als dies hierzulande gemeinhin für möglich gehalten werden dürfte.

Recht hilfreich sind auch die Zusammenfassungen und Kommentierungen, die Eich am Ende jedes Teils liefert und die auch wichtige politische und gesellschaftliche Aspekte, etwa die Bedeutung, welche unterschiedliche Medizin-Branchen für einzelne Regionen besitzen, beleuchten. Bedauern darf man, dass die jüngsten der hier versammelten Texte schon 2004 publiziert wurden, und ein Großteil der Beiträge aus den Jahren 2001 bis 2003 stammt.