„Es war eine Sehnsucht nach benediktinischem Leben“

Die Abtei Alexanderdorf bei Berlin feiert mehrere Jubiläen – Die Gründung verdankt sich Krankenschwestern, die Eucharistie und Stundengebet pflegen wollten

„Es war eine Sehnsucht nach benediktinischem Leben da“, erklärt heute Schwester Ruth Lazar, warum vor 90 Jahren die Gründung der Katholischen Rot-Kreuz-Schwesternschaft in Berlin ein besonderes Anliegen hatte: Die Schwestern wollten nämlich nicht allein kranken Menschen an Berliner Krankenhäusern dienen, sondern auch die Liturgie der Kirche – Eucharistie und Stundengebet – gemeinsam feiern. Diese Begeisterung für das monastische Leben verdankte sich nicht zuletzt der liturgischen Bewegung nach dem Ersten Weltkrieg. 1924 wurde dann diese Gemeinschaft als St. Hildegard-Schwesternschaft anerkannt. In den folgenden Jahren wurde die Praxis des klösterlichen Stundengebetes allmählich ausgebaut und das Gemeinschaftsleben mit Unterstützung verschiedener Benediktinerklöster bewusst nach der Regel Benedikts ausgerichtet. 1934 schließlich gründete die Gemeinschaft nach der Aufgabe der Krankenhäuser in Berlin das Kloster St. Gertrud auf dem Alexanderhof in Alexanderdorf, rund 30 Kilometer südlich der Hauptstadt zwischen ausgedehnten Wäldern, Seen und weiten Feldern gelegen.

1949 erlebte die Gemeinschaft mit der Gründung des Klosters St. Scholastika in Dinklage einen weiteren Aufschwung, nachdem 22 Schwestern zuvor in Alexanderdorf die erste kirchlich anerkannte Ewige Profess abgelegt hatten. Und 1984 konnten die Schwestern die Erhebung des Klosters zur Abtei feiern – zusammen mit der Weihe der Klosterkirche, die seit 1979 aus der ehemaligen Scheune entstanden ist, und mit der Wahl und Weihe der ersten Äbtissin der Abtei, Gisela Müller. In der doppelten Diaspora Brandenburgs werden in diesem Jahr also gleich ein halbes Dutzend Jubiläen gefeiert.

Im Rhythmus der Gebetszeiten des Heiligen Benedikt (480 –547) leben, beten und arbeiten heute 28 Nonnen auf dem ehemaligen Gutshof. Das einzige nachreformatorische Benediktinerinnenkloster in Brandenburg befindet sich am Rande der kleinen Gemeinde Alexanderdorf hinter einer gelblich-roten Backsteinmauer.

Unverputzte Ziegelsteine und Holz prägen den sakralen Raum

In der Klosterkirche werden die Psalmen im dialogischen Wechsel zwischen den sich gegenüberstehenden Bänken der Schwestern gelesen. Das Gotteshaus ist einfach und schlicht. Unverputzte Ziegelsteine und die wuchtige Holzbalkenkonstruktion verleihen dem sakralen Raum Natürlichkeit und Wärme. Er ist überschaubar und im Vergleich zu anderen katholischen Kirchen mit sehr wenig Inventar ausgestattet. Über dem Altar, einer einfachen Platte aus Sandstein, hängt ein kunstvolles Kruzifix. Auf der Vorderseite ist der thronende Christus in einem Kranz aus Edelsteinen dargestellt. An den Balkenenden des Kreuzes aus schwarzer Eiche und Silber befinden sich Bergkristalle mit Reliefs der vier Evangelisten, sowie eine Reliquie des heiligen Benedikt. Die Rückseite des Kruzifixes zeigt das Passionsgeschehen als Gravur.

Neben der Tür befindet sich ein Kupferkessel mit Weihwasser. Hinten links ist der Tabernakel in die Rückwand eingelassen. Wie der Altar ist er aus Pirnaer Sandstein gefertigt und seine versilberte Tür ist mit Halbedelsteinen verziert. Daneben brennt das ewige Licht. Rechts steht eine farbige Holzskulptur. Sie stellt die schmerzhafte Muttergottes mit dem vom Kreuz genommenen toten Christus in den Armen dar. Die Orgel an der linken Kirchenschiffwand hat 14 Register und zwei Manuale.

Die besondere Atmosphäre der Kirche ist nach einem ersten, bloß äußerlichen Blick kaum zu erahnen. Nur der kleine freistehende Glockenturm weist den Weg zum Eingang. Die Glocke ist ein Geschenk aus einer Berliner Kirche – und wie es der Zufall so wollte, steht auf ihrem Rand die Inschrift: ora et labora, bete und arbeite, das Motto der Benediktiner.

In den zwei Gästehäusern stehen 22 Zimmer für die Gäste bereit. Alles ist praktisch und einfach gestaltet, gleichwohl wohnlich eingerichtet: ein großes bequemes Bett, Nachttisch, Stehlampe, ein Sofa als weitere Schlafgelegenheit, ein Schreibtisch mit Lehnsessel aus den 30er Jahren, Kleiderschrank und Bücherregal gehören zur Ausstattung, sowie ein Bad und WC. An einer Wand hängt eine Kunstreproduktion hinter Glas, vis-a-vis an der anderen eine Reproduktion eines antiken Kruzifixes in Bronze mit den Evangelistensymbolen und über dem Bett ein original Ölbild mit einem Landschaftsmotiv. Große Fenster gestatten von den Zimmern aus einen Blick in den Innenhof des Klosters mit einem kleinen Teich und Goldfischen. Stille umfängt den Besucher. Der Tag beginnt mit dem Morgenlob um sechs Uhr, der Laudes. „Herr, öffne meine Lippen. Und mein Mund verkündet dein Lob“, ertönt es. Psalmengesänge, Hymnen und Gebete in deutscher und lateinischer Sprache wechseln sich ab. Die Psalmen handeln von Frevel, Schuld, Opfer und Sünde, aber auch von Freude, Reinheit, Gerechtigkeit, Gnade und Dank. „Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so lechzt meine Seele, Gott, nach Dir“ – die hohe Sprachkunst der Texte aus dem Alten Testament ist immer wieder beeindruckend.

Die Eucharistiefeier beginnt mit der Terz um 7.30 Uhr. Feierlich betreten die Nonnen in einer Zweierreihe das offene Kirchenschiff. „Lucerna pedibus meis verbum tuum et lumen semitis meis“ („Herr, dein Wort ist meinem Fuß eine Leuchte, ein Licht für meine Pfade“), beginnt der Gesang aus den Psalmen. Die dritte Stunde des Morgens (Terz) ist nach alter Überlieferung die Stunde, wo Jesus zum Tode verurteilt und ans Kreuz geschlagen wurde. Im alten Israel war die dritte Stunde der Opferdarbringung im Tempel vorbehalten und nach der Apostelgeschichte kam zur dritten Stunde der Heilige Geist auf die versammelten Apostel. Hier liegen die Ursprünge für die Terz. Nach der Morgenmesse treffen sich die Gäste im Hauptgebäude zum Frühstück. Bevor die Scheune zur Kirche umgebaut wurde und im Nebenflügel die Klausur eingerichtet, befand sich im jetzigen Speisesaal die Kapelle. Der Tisch ist reich gedeckt – es gibt frischen Kaffee oder Tee, zwei Sorten Brot, frische Brötchen, selbstgemachte Marmelade, Müsli, Quark, Wurst und diverse Käsesorten.

Schwestern erzählen vom Leben der Kirche in der DDR

Von den offenen, sehr hilfsbereiten Schwestern erfahren die Gäste höchst Wissenswertes aus ihrem jahrzehntelangen Klosterleben. So gibt es einige Schwestern, die den Zweiten Weltkrieg mit allen seinen Grausamkeiten noch miterlebt haben, die aus Schlesien oder der Neumark (im heutigen Polen) vertrieben wurden, und deren Väter nicht von der Front heimkehrten. Oder Schwestern, die während der Zeit des Kalten Krieges den ungewöhnlichen Weg von West nach Ost gingen – zwar im westdeutschen Dinklage noch die Ewige Profess ablegten, dann aber nach Alexanderdorf in die DDR gingen und so von vier Jahrzehnten Kirche in der DDR erzählen können. „Gerade in der DDR-Zeit waren wir für katholische Familien und Priester aus dieser Gegend ein wichtiger Anlaufpunkt. Hier konnte man vertraulich und frei reden, was anderswo so nicht möglich war“, sagt die Äbtissin Ursula Schwalke.

Je nach Alter und Erfahrung arbeiten die Benediktinerinnen neben ihrer Tätigkeit in Küche, Wäscherei oder Garten in einer Paramentenwerkstatt, wo liturgische Gewänder entstehen, oder in der Hostienbäckerei. Letztere beliefert fast alle katholischen Gemeinden Ostdeutschlands und zunehmend auch evangelische Kirchen. Damit finanzieren die Nonnen einen Teil ihrer Kosten. „Soweit wie möglich wollen wir von unserer Hände Arbeit leben. Vom Bonifatiuswerk erhielten wir immer wieder Zuschüsse, besonders für die Verwirklichung unserer Bauvorhaben. Es gibt aber auch über unseren Förderverein Spenden, um die seelsorgliche Arbeit leisten zu können. Der Freundeskreis des Klosters mit 180 Mitgliedern wächst und unterstützt unsere Arbeit auch ideell“, berichtet die Äbtissin.

Nach dem Mittagessen nach bester Hausmannskost läuten die Glocken zur Sext. Im Lukas-Evangelium, Kapitel 18 steht: „Jesus sagte ihnen durch ein Gleichnis, dass sie allezeit beten und darin nicht nachlassen sollten“ – diese Maxime gilt täglich bei den Benediktinerinnen. Das Gebet „heiligt den Tag“, ergänzt eine Schwester und „wird zur Begegnung mit Gott und dem Heil“. Die Nonnen singen dieses Mal in Deutsch in schönsten Tönen zum Lobe des Herrn: „Erhöre mich Herr, ich rufe von ganzem Herzen; Deine Gesetze will ich halten.“

Knapp anderthalb Stunden später rufen die Glocken erneut zum Stundengebet. Dieses Mal zur „Non“, der neunten Stunde, als durch Christi Blut die Sünden abgewaschen wurden. Insgesamt kommen die Schwestern sechsmal am Tag zum Gotteslob zusammen. Am Abend folgt noch die Vesper sowie Komplet und Vigilien. In bestimmten Zeiten des Jahres werden auch Besinnungstage, Exerzitien und „Ora et labora-Tage“ angeboten.