Erzählungen von der Gebrechlichkeit der Welt

Wolfgang Frühwald erinnert an die Frömmigkeit in der deutschen Literatur

In dem im Hause Suhrkamp 2007 gegründeten Verlag der Weltreligionen ist das detailreiche Werk des Literaturwissenschaftlers Wolfgang Frühwald über Religion und Literatur in Deutschland, „Das Gedächtnis der Frömmigkeit“, erschienen. Im Editorial der Frühjahrserscheinungen 2008 vermerkt Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwitz, dass „das Konzept des Verlags der Weltreligionen den Erfordernissen der Zeit entspricht“. Diese Feststellung basiert auf der überwältigenden Resonanz, die die bisherigen Publikationen bei Lesern und Kritik gefunden haben. So wurde die „verlegerische Großtat“ (Uwe Wittstock) gelobt, die einen „zeitgemäßen Diskurs über die Religion“ (J.H. Claussen in „Der Spiegel“) ermöglicht.

Den renommierten Forscher über insbesondere die Literatur der Romantik und der Gegenwart für die Verlagsreihe gewonnen zu haben, ist sicher ein großer Gewinn. Frühwald (Jahrgang 1935), emeritierter Professor für Neuere Deutsche Literaturgeschichte, Mitglied unter anderem im Stiftungsrat des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels und seit 1999 Präsident der Alexander-von-Humboldt-Stiftung, hat in seinen Arbeiten vielfach auf religiöse Bezüge der Literatur verwiesen. Wie wichtig es ihm ist, dass der Aspekt der Frömmigkeit in Kunst und Gesellschaft verankert ist und bleibt, zeigt nicht nur das vorliegende Buch, sondern auch seine öffentliche Kritik (2006) zum Abbau von theologischen Professorenstellen: „Wenn es uns nicht gelingt, dieses Nutzenkalkül aufzubrechen, hat die Universität als der Ort des freien selbstbestimmten Denkens keine Zukunft mehr.“

Wie nun ist der Titel „Das Gedächtnis der Frömmigkeit“ zu verstehen? Frühwalds Ansatz ist nicht so sehr, frommen Spuren in der Literatur zu folgen, als vielmehr der Literatur die Funktion des Gedächtnisses zuzuweisen. Ihre vornehmliche Aufgabe in seinem Verständnis ist, von der Gebrechlichkeit der Welt zu erzählen. Erzählte Mythen aus der Urzeit, noch in Rudimenten vorhandene Gebärden und Rituale magisch-religiöser Handlungen, die der Bewältigung und Strukturierung menschlichen Zusammenlebens dienen, werden erst durch die Verwandlung in Literatur aufbewahrt und im Erinnern jederzeit neu aufrufbar und interpretierbar. In der Literatur sieht Frühwald die Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen archaisch-frommen Ausdrucksweisen, ihrer verfolgbaren Wandlung in der Zeit hin zu einer Eschatologie, die apokalyptisch, das heißt auf der Offenbarung des Johannes fußend, im Christentum dem Frommen ein Sein verspricht, in dem „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein“.

Was Frühwald in seinem Exkurs durch die Geschichte der Literatur vom Barock bis in die Gegenwart vorfindet, sind nämlich die „Untröstlichkeiten“, die er als Klammer um die Stationen von Frömmigkeit setzt: Hausfrömmigkeit, Weltfrömmigkeit, Mythische und Ästhetische Frömmigkeit, Frömmigkeit in Schmerz, Widerstand und Passion.

Dichter und Schriftsteller aller Zeiten vermögen meist tiefer ins Innere der menschlichen Natur zu blicken als Psychologen und Wissenschaftler und haben ihre Trauer und ihr Entsetzen über die Verbrechen an der Menschheit formuliert in Gedichten und Romanen. Aber nie haben sie billigen Trost zu spenden versucht. Von der „Cautio Criminalis“ des Jesuiten Friedrich von Spee, der die Verbrechen der Hexenverfolgung anprangerte und der Gattung der zu Hexen erklärten Frauen ein individuelles und deshalb in Trauer nachvollziehbares Antlitz verlieh hin zu den modernen Schriftstellern, die vor den Unmenschlichkeiten des nationalsozialistischen Regimes erst warnend ihre Stimme erhoben wie Reinhold Schneider, später ihre Empörung über die Grausamkeiten des Krieges (Albrecht Goes) und Erschrecken und Scham über die Ermordung der Juden auszudrücken versuchten, zieht sich die Spur der Untröstlichkeiten, die nach Heinrich Böll ein konstituierendes Element von Literatur sind.

Den durch die Zeiten unterschiedlichen Formen der Frömmigkeit widmet Frühwald jeweils mit einem oder wenigen Vertretern sein besonderes Augenmerk. Als Stellvertreter der „Hausfrömmigkeit“ stellt er den Dichter Matthias Claudius vor. Dessen hervorragendstes Markenzeichen war die Wahrhaftigkeit, die Übereinstimmung von Denken, Empfindung und Sprache. Die Botschaft seiner Dichtung ist, von der Vergänglichkeit des Lebens zu sprechen und zugleich von der Zuversicht, die aus einem unzerstörbaren Glauben an Gott resultiert, auch wenn dieser wie bei Hiob nicht unangefochten bleibt. Eins der schönsten, auch heute noch anrührenden Gedichte des Matthias Claudius ist sein „Abendlied“, in dem sich Natur, Haus, Familie, Nachbarn und Freunde zu einer großen Gemeinschaft vereinen unter einem Firmament, welches Sehnsuchts- und Verheißungsort ist, „als Ausdruck jener Verlagerung des Perspektivpunktes in die Unendlichkeit“. Frühwald kennzeichnet Claudius aber nicht so sehr als Naturmystiker, als bereits einen in die Moderne verweisenden Dichter. Den Wahrnehmungen einer beginnenden Entfremdung von Mensch und Natur und der Betonung der Rationalität setzt Claudius die Erfahrung der Ganzheit des Daseins entgegen.

Dem Vergessen entreißen

Johann Wolfgang von Goethe in seiner von Frühwald als „Weltfrömmigkeit“ bezeichneten weltanschaulichen Ausrichtung in alle Verästelungen folgen zu können, betrachtet der Autor von vornherein als unmögliches Unterfangen, sei Goethe doch in Religionsfragen äußerst verschwiegen gewesen. „Es ist also kaum möglich“, schreibt Frühwald, „allen Schattierungen dieser lebenslangen, nachdenklichen und angestrengt tätigen Beschäftigung mit Religion überhaupt, mit den unterschiedlichen Religionen der Welt und vor allem mit dem Christentum nachzuspüren“. Frühwald findet in Goethes Werk ausreichend Belege für seine These: „Für Goethe war Christentum tätiges Handeln in der Welt und für die Welt.“ Goethe befand sich in der „Sattelzeit der Moderne“, dem Wechsel vom 18. ins 19. Jahrhundert, in der Zeit eines enormen Modernitätsschubes, bei dem „alle scheinbar statischen Wertbereiche dynamisiert wurden“. Goethe erteilt der engen pietistischen Frömmigkeit eine Absage und öffnet sich der Welt, wobei er Religion eher als eine kulturelle Aufgabe sah: die Erhaltung der Erde und die Freude an der Schöpfung.

Der Kunst der Romantik ordnet Frühwald die Begriffe Ästhetik, Säkularisation und Naturmystik zu. Ihre Vertreter sind Clemens Brentano, Joseph von Eichendorff, Achim von Arnim, E.T.A. Hoffmann und der Maler Caspar David Friedrich. Ihnen allen ist gemeinsam, was die Romantiker auszeichnet – die Sehnsucht und die Zuversicht auf ein Leben über das Leben hinaus. Und gleichrangig das Gedächtnis, das Vergangenes in der Erinnerung bewahren will. Die Märchensammlung der Gebrüder Grimm, die Liedersammlung „Des Knaben Wunderhorn“ von Clemens Brentano und Achim von Arnim sind danach bestrebt, Verlorenes dem Vergessen zu entreißen und eine Vergangenheit zu entwerfen, nicht wie sie war, sondern wie sie erinnert wird.

Die Gewissheit des Herzens

Adalbert Stifter befindet sich in einer radikalen Umbruchphase der Zeitgeschichte: dem Wandel von der Glaubenssicherheit eines Schöpfungsglaubens zu einer evolutionistisch interpretierten Naturgeschichte und dem Einbrechen eines naturwissenschaftlich begründeten Atheismus. Stifter war Mathematiker und Physiker, akzeptierte die neuen Erkenntnisse der Naturwissenschaften, ohne jedoch vom Glauben seiner Jugend abzufallen. Jean Pauls berühmte „Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei“ hinterließ bei den Zeitgenossen ein Gefühl von Desillusion und grenzenloser Einsamkeit im Kosmos. Stifter setzt in seinen Erzählungen dieser neuen Erfahrung seine private Gewissheit des Herzens entgegen, dass ein Gott ist. Nicht als Besserwisser, sondern als homo quaerans. Er führte schon damals die Gottesdebatte, die bis heute nicht verstummt ist.

Alfred Döblin war als Jude zum Katholizismus konvertiert. Er wie auch die katholische halbjüdische Schriftstellerin Elisabeth Langgässer stießen auf Ablehnung, weil sie versuchten, das Kreuz und die Erlösung aus dieser Heilstat als Grundfiguren menschlicher Existenz zu akzeptieren. Nach den Schrecken der Shoa musste eine solche Haltung vielleicht auf Ablehnung stoßen.

„Ohne Unglück“, heißt es in Döblins Spätwerk Karl und Rosa, „wird dir nichts zuteil“. Elisabeth Langgässer hat in ihrem Roman „Das unauslöschliche Siegel“ Grauen und Elend der Vernichtungslager beschrieben. Dabei hat sie versucht, diese heilsgeschichtlich zu interpretieren. Auch für sie gilt, dass sie weiß, dass der Mensch gefallen ist, „aber nicht verlassen wurde. Er wurde aufgehoben, ja, in ganz besonderer Weise nahm sich dieser Gestalt des Menschen der schöpferische Urgrund an“, wie es bei Döblin an einer Stelle heißt.

Auch die Schriftsteller Reinhold Schneider und Albrecht Goes versuchten in ihrem Leben und Werk unter der Nazi-Schreckensherrschaft, dem Leiden einen Sinn abzuringen. Nachdem ihre Warnungen vor der Nazi-Diktatur ins Leere gelaufen waren, gaben sie ihrem Erschrecken und ihrer Empörung über die Grausamkeiten von Verfolgung und Krieg in ihren Werken Ausdruck.

Und so meint Frühwald, „ob nicht gerade in der Kunst der ,neunten Stunde‘ die Gestalt der Gnade eindringlicher und überzeugender anwesend ist, die Frage nach dem Sinn des Leidens intensiver gestellt wird als in allen theologischen und philosophischen Schriften der neueren Zeit“.