Eine Kirche voll Überraschungen

Neuanfang durch Rückbesinnung – Jesus zeigt im Evangelium, dass das Herz nur bei den Armen zu finden ist. Von Cesare Zucconi

Jorge Mario Bergoglio. Foto: Reuters
Jorge Mario Bergoglio. Foto: Reuters

Der regnerische Abend des 13. März auf dem Petersplatz war voller Überraschungen. Vor einer unüberschaubaren Menschenmenge verkündete der Kardinal Protodiakon den Namen des Nachfolgers auf dem Stuhl Petri: der argentinische Kardinal Jorge Mario Bergoglio. Der erste lateinamerikanische Papst der Geschichte und auch der erste Jesuit.

Noch überraschender ist der Name, den der Papst gewählt hat: „vocabur Franciscus“. Der Name ist das Programm seines Pontifikats. Die Kirche geht wieder vom Evangelium aus. Das ist der Traum des Zweiten Vatikanischen Konzils von einer Kirche, die Freundin der Armen ist. Der Name Franziskus steht auch für die Friedensarbeit. Frieden und Liebe zu den Armen gehen Hand in Hand, denn die Armen sind oft die ersten Opfer der Kriege. In seiner Homilie in Buenos Aires zum 43. Gründungstag der Gemeinschaft Sant’Egidio charakterisierte Kardinal Bergoglio 2011 die Beziehung zwischen Liebe zu den Armen und Friedensarbeit:

„Erfolg ist für einen Christen nicht ein Streben nach Positionen, nach einem guten Ruf und Ansehen. Der Erfolg des Christen ist die „Erniedrigung“ in der Aufgabe eines Vermittlers. Erniedrigung ... wie sie Jesus in seiner Entäußerung und Erniedrigung bis zum Äußersten gelebt hat... Eine Charakteristik dieser Gemeinschaft, die heute ihr Fest begeht, ist die Verbundenheit mit den Peripherien der Existenz, den Armen, Ausgegrenzten und Verlassenen... Vielleicht schöpft sie daraus wie Jesus selbst die Kraft, sich zu erniedrigen und das Handwerk der Friedensarbeit voranzubringen.“

Im Programm von Papst Franziskus sind Liebe und Sorge um die Kleinsten zentral. Wenige Tage nach seiner Wahl erklärte Papst Franziskus bei einer Begegnung mit dem diplomatischen Korps: „Einer der ersten Gründe ist die Liebe, die Franziskus zu den Armen hatte. Wie viele Arme gibt es noch in der Welt! Und welchen Leiden sind diese Menschen ausgesetzt!

Nach dem Beispiel des heiligen Franziskus von Assisi hat die Kirche immer versucht, sich in jedem Winkel der Erde um die Notleidenden zu kümmern, sie zu behüten …“. In der Begegnung mit der Presse sagte Papst Franziskus auch: „Ach, wie möchte ich eine arme Kirche für die Armen!“ Es geht dabei nicht um pauperistische Selbstdarstellung. Bergoglio kommt aus Argentinien, einem Land mit einer schweren Wirtschaftskrise in den vergangenen 15 Jahren, mit Arbeitslosigkeit, vielen bedürftigen Familien, mit Überbevölkerung in den „villa miseria“, mit riesigen Barackenvierteln im Umkreis der Hauptstadt Buenos Aires. In seinen Jahren als Erzbischof hat er sich sehr um die Armen gesorgt, oft besuchte er Barackenviertel und schuf ein Vikariat für die „villa miseria“. Häufig beklagte der Kardinal eine Gesellschaft mit wenigen Privilegierten und großen Massen ohne Brot, Arbeit und Würde, die als „Abfall“ der Gesellschaft angesehen werden, da sie – wie er oft sagte – zu „Abfallmaterial“ degradiert werden. In einer berühmten Predigt auf der zentralen Plaza Costitución beklagte er 2009 die Existenz von Sklaven in Buenos Aires als einer regelrechten „Personengruppe“ von Illegalen, Prostituierten, Minderjährigen in der Welt der Drogen.

Er sagte: „Das ist unser Fleisch! Es ist unser Fleisch, das verkauft wird! Es ist dasselbe Fleisch wie bei mir und bei euch, und es wird verkauft! Hast du kein Mitleid mit dem Fleisch deines Bruders? ... Heute sagt Gott dieselben Worte zu uns, die er zu Kain sagte! Kain, wo ist dein Bruder? Und Kain antwortet ihm voller Zynismus: Ich weiß es nicht. Bin ich der Hüter meines Bruders? Diese Großstadt Buenos Aires antwortet häufig auf diese Weise! ... Wir sind hart geworden, wir haben das Herz verloren ... Heute schauen wir uns ins Gesicht…“.

Diese starke Botschaft richtet sich an alle, sie ist auch auf unserem europäischen Kontinent sehr aktuell, wo die Christen oft Gefangene eines Gefühls des Unmöglichen und eines tauben Pessimismus sind. Wir besitzen ein gemeinsames Schicksal, sagt Papst Franziskus, das uns mit unseren ärmeren Geschwistern vereint, mit den Geschwistern, die in anderen Teilen der Welt viele Schwierigkeiten und auch Verfolgungen ertragen müssen. Nur gemeinsam kann man sich retten. Nur wenn man das Kreuz der anderen auf sich nimmt, findet man das Glück, das Heil.

An der Seite der Armen wächst die Hoffnung inmitten einer hart und schläfrig gewordenen Menschheit, denn die Armen sind die ersten, die hoffen, dass die Welt und die Zukunft besser werden. Wenn man mit Liebe und Mitleid bei den Armen ist, findet man das Herz und schöpft neue Hoffnung. Das sind Worte von Kardinal Bergoglio 2004 bei der Einweihung eines Caritaszentrums in Buenos Aires. Er sagte, dass die Caritas keine große Nichtregierungsorganisation ist, sondern „eine mystische und kirchliche Größe, um die Liebe und das Mitleid Jesu zum Ausdruck zu bringen“. Es geht nicht nur darum, Hilfsgüter zu verteilen, wie es viele Nichtregierungsorganisationen lobenswerterweise tun.

Es geht darum, mit „Mitleid und Sanftmut“ dem Armen nahe zu sein und ihm zu helfen, einen Platz in der kirchlichen Gemeinschaft und in der Gesellschaft zu finden. Das ist charakteristisch für Franziskus von Assisi, der dem Aussätzigen nicht nur half, sondern ihn umarmte, küsste und die Trennung überwand, unter der er litt. Der Arme darf für die kirchliche Gemeinschaft nicht nur ein „Klient“ sein, der vielleicht Unterstützung empfängt, aber dabei außen vor bleibt, getrennt von ihr. Die Christen sollen die Mauern der Trennung einreißen, auf den Armen wie auf einen Bruder, wie auf eine Schwester zugehen als Glieder derselben Familie, um sie dadurch wiederherzustellen.

Der Autor ist Generalsekretär der katholischen Gemeinschaft Sant' Egidio und lebt in Rom.