Die sieben Gaben des Geistes

Über die Möglichkeit eines geistvollen Lebens. Von Hanna Barbara Gerl-Falkovitz

Pfingstnovene und Pfingsten
Pfingsten: Im Abendmahlssaal erfüllt der Heilige Geist im Beisein der Mutter Gottes die Apostel. Foto: IN
Pfingstnovene und Pfingsten
Pfingsten: Im Abendmahlssaal erfüllt der Heilige Geist im Beisein der Mutter Gottes die Apostel. Foto: IN

Niemand hat die Kraft, die Welträtsel zu lösen. Nicht Wissenschaft, nicht Philosophie, nicht Geheimwissen aller Art kommt hinter den Sinn des Weltlaufs. Frevelhaft-dumm ist aber die Behauptung, die Welt sei sinnlos, alles zerstäube am Ende ins Leere. Nein: Der Sinn des Ganzen, so sagt die Geheime Offenbarung, bleibt zwar jetzt siebenfach versiegelt. Aber nicht für immer. Denn das blutende Lamm kann die Siegel öffnen, und dann kommt ein Sturzbach an Erkenntnis, an Freude: an „herzsprengendem Entzücken“ über die geheimnisvolle Auflösung des Rätselhaften.

Denn dabei tut sich überraschend auf: Immer schon durchglüht der Geist Gottes das Undurchschaubare. Immer schon führt Er, auch im scheinbar Weglosen. Wo wir in Sackgassen enden, hat er noch sieben Lösungen, ja sogar: siebenmal sieben. Wir nennen sie in der alten Sprache die Gnadengaben; man könnte sie auch unerschöpfliche Anfangskraft nennen, mitten in der alt und müde gewordenen Welt. Wissen wir in der Tiefe, was solche Gnade ist?

Zu ihrem Charakter gehört, dass sie nicht zielgerichtet erkämpft werden kann wie vieles andere, das aus Übung und Zucht stammt. Sie kommt „von anderswo“ als reine Gabe und unerzwingliche Freude. Unerzwinglich auch darin, dass sie den Begabten wählt, nicht umgekehrt; sie zielt auf jemand Bestimmten. Und selbst wenn dieser Umwege, ja Gegenwege einschlägt, ruht sie nicht, bis das Zugedachte ausgehändigt – oder endgültig ausgeschlagen ist. Ihre Herkunft liegt im Verborgenen, kann auch nicht Schritt für Schritt erobert werden.

Dennoch ist Gnade nicht bedingungslos. Sie schenkt sich ganz und auf einmal, freilich nach sehnsüchtigem Warten. Denn sie bedarf der ganzen Vorbereitung: des Leibes und des Geistes und der ethischen Erprobung – immer muss auch eine Überwindung bestanden sein, die Überwindung des vorzeitigen Genusses. Doch ist diese Vorbereitung nichts gegen die plötzliche Gegenwart der Gnade, nichts gegen ihr herrliches Erscheinen und ihre unbesiegliche Dauer.

Von solcher Art sind die Gaben des Geistes. Gratis e con amore ist ihr Duft.

Wenn davon die Rede ist, tauchen halb vergessene, halb verstandene Wörter auf: Weisheit, Wissen und Einsicht, Rat und Stärke, Frömmigkeit und Gottesfurcht.

Die erste Dreiergruppe scheint dem Alltagsdenken nahezu ununterscheidbar – umso schöner ist ihre dreifache Auffächerung. Ein Blitzlicht darauf: Weisheit weiß vom Grundsätzlichen: vom schöpferischen Ruf als Ursprung des Daseins. Sie weiß von der göttlichen Abstammung des Menschen, das die Helden und die Kinder besser wahren als die Feigen und die Gescheiten. Sie weiß aber auch von der Selbstverschließung in Schuld und vom Fall; sie weiß von der mühsamen Lösung, sei es mit Hilfe eines Lösers, sei es kraft einer Demütigung oder auferlegter eigener Reinigung; sie weiß vom unerbittlichen Licht der Gerechtigkeit und dem eindeutigen Urteil am Ende. Wer sich zur Läuterung in das zugemutete, scheinbar unüberwindliche Abenteuer des Lebens einlässt, dem gelingt mit Hilfe der Weisheit auch die Voll-Endung, und darauf trauen heißt, dem endgültigen Wiederfinden des Verlorenen trauen.

Wissen dagegen vermag das nur Einzelne, das je Besondere, das Zufällige – das, was nicht so sein muss und auch anders sein könnte –, zurückzuführen auf eine Regel oder Ursache, vermag das Warum angeben (daher die Nähe zur Wissenschaft). Das beruhigt und macht die Augen klar für Zusammenhänge. „Sehen, was ist, ist eine große Gnade“ (Hans Carossa). Wissen führt zur Wahrheit. Erst daraufhin kann eine Entscheidung fallen, die ruhige Meisterung des unvermutet Auftauchenden: Das wiederum vollzieht die Einsicht. Sie sieht den Einzelfall zwar in seiner Einmaligkeit, kann ihn aber im Rahmen des Ganzen gerecht beurteilen und zum nötigen Tun anleiten. Einsicht steht der Tugend der Klugheit nahe: der Anwendung des Richtigen im Einzelfall.

„Dennoch ist die Gnade nicht bedingungslos. Sie schenkt sich ganz und auf einmal, freilich nach sehnsüchtigem Warten“

Rat ist die Kraft, einem anderen beim Knotenlösen zu helfen. Rat zählt unter die Werke der Barmherzigkeit, denn er setzt Blockaden frei. „Jedem aber wird die Offenbarung des Geistes geschenkt, damit sie anderen nützt.“ (1 Kor 12, 7) Raten mit Hilfe des Geistes kann man sogar dann, wenn man für sich selbst keine Lösungen weiß. Aber auf dem Umweg über den anderen mag der gute Rat sogar plötzlich Augenöffnung über sich selbst zu bewirken. Das Schöne am Rat ist, dass er Richtung und Lösung angibt, aber sie nicht abnimmt: Der andere muss und darf selbst die Kräfte einsetzen, bleibt also im eigenen Freiheitsraum. Autorität kommt von augere: wachsen lassen. Autorität und Rat des Heiligen Geistes lassen frei.

Stärke erinnert unmittelbar an die Tugend der Tapferkeit – wie überhaupt die Kardinaltugenden weniger die eigene Tüchtigkeit betonen, als sie Haltungen sind: eines Menschen, der sich halten lässt. Der Geist gibt Stärke in der Anfechtung: Je größer die Verwirrung, desto größer der Halt. Selbst in der Apokalypse ist nicht die Angst der Grundton, sondern das Bewusstsein, dass die Zeugen des Lammes unüberwindlich sind. Aus diesem Bewusstsein heraus hat das Christentum die widergöttlichen Reiche dieser Welt herausgefordert bis zum heutigen Tag. Noch die Martyrer sind Sieger. Dieses Gehaltenwerden hat an Pfingsten eingesetzt und wird unaufhörlich zugesichert. Selbst im flacheren Alltagsverständnis lässt sich das begreifen: „Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um.“

Frömmigkeit als Geistesgabe klingt selbstverständlich. Aber gemeint ist nicht die gesetzestreue Frömmigkeit des Christen, der seine Pflicht erfüllt (wogegen nichts zu sagen ist). Frömmigkeit beginnt dort, wo der Geist selbst antreibt und Gehorsam fordert. So kann er sein „ein scharfer, schneidender Wind, der uns das Zähneklappern beibringen kann. Auch ein sengendes Feuer, der manchem, wenn er als Flammenzunge auf ihn herabkäme, das Gehirn ausbrennen würde. Keine Partei fängt die himmlische Taube für sich ein. Sie kommt und geht. Sie schwebt herab, aber setzt sich nicht. „Der Geistbraus stürmt, wo er will.“ (Hans Urs von Balthasar) Solche Frömmigkeit hat in der wirklichen und wirksamen Tiefe mit Gehorchen zu tun: „gehen, wohin man nicht will“. (Aber, fügen wir hinzu, dort ankommen, wohin man immer wollte.)

Damit sind wir bei der Gottesfurcht, die wir vorwiegend mit dem Alten Testament verbinden. In allen alten Religionen gibt es die Angst vor den Göttern, vor ihrer undurchschaubaren Macht, ihrer dämonischen Zweideutigkeit: Gut und Böse, Leben und Tod werfen sie durcheinander, sie verstricken den Menschen in Schuld und strafen ihn dann ab. Dieser Angst antwortet das Opfer, um sie immer wieder mit kostbaren Gütern zu beschwichtigen, auch mit Menschenopfern – das ist die Grundgeste vieler Religionen.

„Der demütig Göttliche wirkt in seinen Gaben, aber er verbirgt sich als Urheber. Darin steckt ein wunderbares Geheimnis“

Aber Israel ist das Volk, das nicht ein blindes, sondern ein sehendes, erprobtes, durch Feuer und Wasser gegangenes Vertrauen gegen die Angst vollzogen hat. Denn die Macht des einen Allmächtigen wird durch Rechtheit und Barmherzigkeit bestimmt; die Wirklichkeit des Heilig-Guten und das Unwiderstehliche seines gerechten Gerichts enthält keine versteckte Bosheit mehr. Gott ist gut.

Allerdings: Auch Israel kennt Gott als furchtbar, und es erzieht seine Kinder zur Gottesfurcht, aber vor einem anderen Hintergrund. „Die Furcht des Herrn ist ein gesegneter Garten, und ist nichts so schön, wie sie ist“ (Jes Sir 40,28).

Zu fürchten ist nicht mehr das Unberechenbare und Willkürliche, sondern der furchtbare Schmerz der verletzten Liebe, der unbeugsamen Treue, die auf die Untreue des Volkes trifft. Er ist das Licht, das hier fordert, nicht die Bosheit, die verunsichert. Das Neue an Gott bedeutet nicht, dass er seine Stärke oder Unzugänglichkeit einbüßt. Seine Gutheit ist gerade nicht „zahnlos“; sie wird durchaus bedrängend erfahren. Aber die Strenge der Forderung lässt sich als Anspruch der Liebe erkennen: Jede Liebe, auch Seine Liebe, will wiedergeliebt werden. Und so fürchtet sich Israel, Gott zu beleidigen.

„Ganz da sein, alles

tragen, alles beleben

und sich doch nicht

aufdrängen – das ist

die Kunst des Heiligen Geistes“

Aber dieselbe Furcht nimmt im Neuen Bund noch zu. Denn „Gott ist Licht und keine Finsternis ist in ihm.“ (1 Joh 1,5) Damit ist alles „Neue“ zusammengefasst. Es gibt kein donnerndes Gericht, keinen rasenden Götterzorn. Aber das Licht bricht ein, auf seine leise Art zwingend. Es wird nicht gerichtet, es wird nur ans Licht geholt. Es wird nicht angeklagt, es wird gelöst. Dann kann sich „in stürzende Tränen ausschütten all dein Leid“ (Nietzsche!), das sonst unterdrückt wird. Dann lässt sich abladen und neu aufrichten, die eigene Scham vergessen. Die Osternacht ist zur Nacht uferloser Barmherzigkeit geworden. „Herzklopfend heimgekehrt“ kann man die Stunde der Umkehr nennen: in das lang Vergessene, an das Herz der Welt. Die göttliche Liebe selbst ist damals wie heute „abgestiegen“ in unsere nächtlichen Gassen, um uns zu holen. Der Geist führt in die einzige, tiefste Furcht, die bleibt: die Furcht, der Liebe wieder weh zu tun.

Solche Gaben sind den Kindern des Geistes versprochen, aber noch viel mehr. Denn über all dem steht noch ein Kennzeichen: Die Geistesgaben, die Charismen sind schön und sie machen ihren Träger leuchten (ohne dass er es weiß). Charis heißt Gabe, dann auch Dank, und weiter Anmut und Grazie. Der Heilige Geist gibt Anteil nicht nur an Macht, an Reinheit, an Lebendigkeit, am Neuen, er gibt auch Anteil an Schönheit.

Wer ist nun aber der Heilige Geist? Offenbar mehr als alle Gaben zusammen: Er ist ihre Quelle. Und deshalb ist es schwer, ihn wahrzunehmen. Der „demütig Göttliche“ (eine Formulierung Guardinis) wirkt in seinen Gaben, aber er verbirgt sich als Urheber. Darin steckt ein wunderbares Geheimnis. Denn wenn wir etwas schenken, gibt es zwei Fehlformen: Entweder schenken wir aus „Pflicht“ und bleiben dabei selbst gleichgültig, haben uns nur losgekauft. Oder umgekehrt: Wir setzen aufdringlich unsere „Duftmarke“ im Geschenk, damit man uns ja nicht übersieht. Das richtige Schenken sieht anders aus: In der Gabe gibt sich der Geber ganz, aber ganz selbstvergessen. Er ist so souverän, dass er in seinen Wirkungen „aufgeht“. Kyrill von Jerusalem (315–386) verwendet dafür das schöne Bild des durchsichtigen Wassers, das dennoch alle Farben hervorbringt: „Warum hat Christus die Gnade des Geistes Wasser genannt? Alles besteht nämlich aus Wasser, das Wasser bringt Pflanzen und Tiere hervor, das Wasser kommt im Regen vom Himmel herab. In einer einzigen Form kommt es zwar herab, auf verschiedene Art aber wirkt es. Ein und dieselbe Quelle ist es zwar, welche den ganzen Garten bewässert, und ein und derselbe Regen ist es, welcher auf die ganze Welt herabkommt. Aber weiß wird er in der Lilie, rot in der Rose, dunkelgelb in den Levkojen und Hyazinthen; in bunter Verschiedenheit zeigt er sich in den verschiedenartigen Dingen. Anders ist er in der Palme, anders im Weinstock. In allem ist er alles, obwohl er nur von einer Art und in sich selbst nicht verschieden ist. Nicht ändert sich der Regen und kommt bald so, bald anders hernieder, sondern er richtet sich nach der Beschaffenheit der Dinge, die ihn aufnehmen, und wird für das einzelne Ding das, was ihm entspricht. So ist auch der Heilige Geist zwar nur einer und von einer Art und ungeteilt, aber er weist jedem die Gnade zu, wie er will.“

Ganz da sein, alles tragen, alles beleben und sich doch nicht aufdrängen – das ist die Kunst des Heiligen Geistes. Die Heizung arbeitet ja unsichtbar im Keller; die Ölwanne steht nicht im Wohnzimmer. Wie souverän zeigt sich immer wieder, dass Er die Kirche insgeheim erwärmt, richtet und aufrichtet. Hat es sich nicht eben unerwartet bei der Wahl des neuen Papstes bestätigt? Von „Irgendwo“ kam ein Unbekannter – und schon nimmt das Schiff nach bangen Wochen und noch im Schmerz über Papst Benedikts Abschied wieder Fahrt auf. Ach, wir Kleingläubigen! Von diesem unverdienten göttlichen Schwung sagt die neue Kirchenlehrerin Hildegard von Bingen:

„O Feuer des Tröstergeistes,

Leben des Lebens aller Geschöpfe!

Heilig bist du –

du belebst die Gebilde.

Heilig bist du –

du reinigst die schwärenden Wunden.

Du mächtiger Weg,

der alles durchzieht in Höhen –

auf Erden – in allen Tiefen,

du fügest und schließest ja alles in eins.

Durch dich wogen Wolken

und fliegen die Lüfte,

träufeln die Steine,

und Bäche entströmen den Quellen,

lässt sprossen die Erde das Grün.

Du bringst auch stets Menschen

voll Einsicht hervor,

beglückt durch den Odem der Weisheit.

Und darum sei Lob dir,

du Stimme des Lobes,

du Freude des Lebens,

du Hoffnung und mächtiger Ruhm,

weil du

die Gaben des Lichtes verleihst.“