Die sechs Sünden wider den Geist

Über die Möglichkeit eines geistlosen Lebens. Von Burkhardt Gorissen

Eine Ikone der Moderne und Metapher für diese: Was hat der Buddha des Videokünstlers Nam June Paik, der sich selbst im Fernsehen betrachtet, mit dem Heiligen Geist zu tun? Nichts. Und genau das ist sein Problem. Foto: IN
Eine Ikone der Moderne und Metapher für diese: Was hat der Buddha des Videokünstlers Nam June Paik, der sich selbst im F... Foto: IN

Neben den anderen gibt es die Sünde gegen den Heiligen Geist. Nach katholischem Verständnis trifft die Unmöglichkeit der Vergebung nur zu, wenn jemand bis zum Tod in dieser Sünde verharrt und sich der vergebenden Barmherzigkeit Gottes verschließt. Nicht einfach zu verstehen in einer Zeit, in der alles relativ ist und die Sünde eher toleriert wird als gelebtes Christentum.

Bei den heutigen Computerspielen ist es kein Problem, sich durch Epochen zu beamen. Wagen wir also eine Zeitreise. Wir bewegen uns um das Jahr 800. Die Erde schmeckt noch nach Erde und der Himmel ist noch weit. Die einfachen Menschen führen ein bescheidenes, genügsames Leben. Zum Joch des Tages gehört harte Arbeit, die unabhängig von Wetterunbilden ausgeführt werden muss, denn der „Zehnte“, die Tributpflicht, muss erwirtschaftet werden. Die Menschen ernähren sich hauptsächlich von Milch und Fleisch. Die Ernährung der höheren Stände ist ebenfalls einfach. An Gerichten findet man meist: Fisch, gekochte Früchte und Schüsseln mit Brei, das Gebet gehört zum täglich Brot. In dieser Zeit verfasst Rabanus Maurus, Abt des Klosters Fulda, seine aus zweiundzwanzig Büchern bestehende Enzyklopädie „De universo“. Am bekanntesten ist uns jedoch sein Pfingsthymnus: „Veni creator spiritus“ („Komm, Schöpfer Geist“). Diese Epoche, die wir heute gern in Verkennung der Fakten finsteres Mittelalter nennen, war geprägt von einer Einfachheit, die eine unverfälschte Klarheit mit sich führte, wie sie nur vertrauender Gottesfurcht entspringt und einer Demut, die sich aus tiefwurzelnder Gläubigkeit speiste. Eine Sünde wider den Heiligen Geist kam wohl kaum im Denken jener vor, die im Schweiße ihres Angesichts ihr Brot verdienten, geschweige denn einem Frommen über die Lippen.

Beamen wir uns in die Gegenwart zurück. Zu den größten Sünden anno 2013 gehören Modesünden. Wir leben in Freiheit! Es gibt sogenannte No-Gos: Einfache Hosen und ein Gammelpulli. Wer nicht stilechte Schuh-, Kleider- und Handymarken trägt, ist abgeschrieben. „Auf die Straße kann man nur in Markenklamotten“, sagt Bianca, 14, wenn sie von der Playstation aufblickt und mit falschem Wimpernaufschlag jedes Wort kontrolliert, damit der Lippenstift nicht verläuft. Bianca diskutiert stundenlang mit ihren Freundinnen über spießige Lehrer und krasse Noten. Beim Aussehen erübrigt sich jede Diskussion. Egal, wie viel Fehler im Diktat angestrichen sind, der Lidstrich muss perfekt sein.

Auch Maik, 16, ist trendy. Ohne Markenkleidung traut er sich nicht auf die Straße. „Es ist einfach uncool, in Supermarktklamotten rumzulaufen.“ Vornehm geht die Welt zugrunde. In den alten Zeiten, wo das Denken noch geholfen hat, kam es auf die inneren Werte an. „Wie jetzt innere Werte?“, fragt Bianca. „Uncool!“, Maik drückt sich die Stöpsel ins Ohr und rappt ab. Das akustische Psychopharmaka nennt sich „Bilder im Kopf“, von Sido: „...ich weiß noch, als wir das erste Mal gechillt haben im Loft, ich bewahr mir diese Bilder im Kopf.“ Das ist die neue Volksmusik, vorn konvex und hinten konkav. Das Versmaß hängt bis in den Knien, wie die Rapper-Jeans. Bestimmte Frequenzen und repetitive Rhythmen wirken direkt auf das Zentralnervensystem und verursachen ohne chemische Hilfsmittel Hochgefühle oder Beklemmungen. Aber das war bei Elvis Presley auch nicht anders, als die Großeltern von Bianca und Maik ihre Halbstarkentänze aufführten. Immerhin hat die Emanzipation Fortschritte gemacht. In den Teenie-Postillen stehen Schminktipps für Jungs. Maik achtet genau darauf, dass seine Augenbrauen sauber rasiert sind und fummelt an den regenbogenbunten Armbändern mit den glitzernden Strasssteinen herum. „Shamballa-Armbänder haben einen glücksbringenden-mystischen Ursprung in der tibetisch-buddhistischen Lehre“, verspricht die Werbung. Was hat das mit dem Heiligen Geist zu tun? Nichts. Eben! Die aufgeklärte Moderne füttert ihre Kinder mit Aberglauben und Irrwitz. In den östlichen Importreligionen, im Kult von Meditation und Yoga, werden entsprechende Lösungen offeriert. Wer daran keinen Gefallen findet, sucht sich früher oder später ein Alibi und bastelt sich eine Patchworkreligion zurecht. Alle sind aufgeklärt, doch keiner weiß Bescheid. Soviel zum geistlosen Leben.

Im Relativismus lebt es sich nur scheinbar sündenfrei

Wie sollen Bianca und Maik etwas von Sünde wissen? Geschweige denn von den Sünden wider den Heiligen Geist, wenn sie nicht einmal das Vaterunser kennen. An ihrem Pop-Himmel laufen Musikclips und Computerspiele, aber niemand lehrte sie je beten. Gott muss heute nicht mehr umständlich für tot erklärt werden, wie die falschen Propheten der Aufklärung es unternahmen. ER existiert im Universum der I-Phone-Generation gar nicht mehr. Man glaubt an UFO’s, Star-Wars-Krieger und Aliens, aber Gott? Doch wer Gott nicht kennt, kennt auch kein Gebot. Müssen wir uns als Gläubige nicht fragen, ob wir nicht auch gegen den Heiligen Geist verstoßen, weil wir nicht auf die Menschen zugehen, um – frei nach Paulus – das Wort Gottes zu verkündigen, komme es gelegen oder ungelegen? Führt uns die Trägheit des Herzens dazu, in einer Konsensgesellschaft alles hinzunehmen und harmonisieren zu wollen, um dem Mainstream zu entsprechen? In Zeiten des Relativismus lebt es sich scheinbar sündenfrei.

Aber der Schein trügt. Je geistloser das Leben, desto abgestumpfter der Mensch. Solange es geht, wird das schlechte Gewissen mit überbordendem Konsum beruhigt. Wer ein seelisches Grummeln spürt, findet Zerstreuung. Das Verdrängungsyoga funktioniert bestens, hier eine Daily Soap, dort eine Stand-up-Comedy. Auf allen Ebenen unserer atheistischen Gesellschaft wird versucht, das Christentum zu zerstören. Die Auswirkungen greifen immer mehr Raum. Religionen haben Konjunktur, die Eigenverantwortung auf Null fahren. Schuldbekenntnis? Nein, danke! Beichten war gestern. Scheinbar empfinden viele Menschen es heute als angenehmer, zigmal wiedergeboren zu werden, als einmal gottesfürchtig zu leben. Allein der Begriff Gottesfürchtigkeit erzeugt bei etlichen Zeitgenossen ein Stirnrunzeln, das bestenfalls temporär durch schönheitschirurgische Eingriffe geglättet werden kann. Doch die innere Unruhe bleibt. Was die seelischen Befindlichkeiten anbelangt, übernehmen Krankenkassen psychologische Beratungen, Selbstfindungskurse und Glückspillen. Notfalls muss die Schuldfrage vor einem Gericht geklärt werden; man hat ja eine Rechtsschutzversicherung. Dumm nur, dass die beim Jüngsten Gericht wertlos sein wird. Ein Grund, weshalb Highlife-Zeitgenossen unter muskelkaterverursachenden Superleistungen weglaufen, vor dem Gewissen, vor sich selbst und letztlich vor dem Tod. Allenthalben gibt es einen Freispruch dritter Klasse: Der Mensch als Maß aller Dinge vergibt sich, aber findet keine Vergebung.

Ist die Psychologie deshalb überflüssig? Überhaupt nicht, aber die Beichte erst recht nicht. Es ist ein schmaler Grat zwischen Selbstkritik und Selbstmitleid. Dabei ist eigentlich alles ganz einfach. Wer einmal das beseligende Erlebnis einer Beichte genossen hat, weiß, sie ist Therapie und Gnadenerfahrung in einem. Wer hat eigentlich ein Interesse daran, dieses wunderbare Sakrament zu diskreditieren? Natürlich hatten wir gehofft, mit dem Kommunismus sei der Materialismus ausgerottet worden. Weit gefehlt, der Turbokapitalismus ist die Kehrseite der Medaille. So stolpern wir den Abhang des Relativismus herunter. Die zehn Gebote wurden durch die Menschenrechte ersetzt. Unleugbar ist die Welt dadurch nicht besser geworden. Und wenn Abtreibung und Euthanasie als Menschenrecht gelten, dann gnade Gott. Auch die sieben Todsünden sind von Religionssanierern wegrationalisiert worden. Stattdessen versucht man eine Wohlfühlreligion zusammenzuschrauben, die daherkommt wie ein schlechter Rap: vorn konvex und hinten konkav.

Im Zustand allgemeiner Glaubensverunsicherung will an die Sünden wider den Heiligen Geist kaum noch jemand denken. Aber es gibt sie. Wegzaubern lassen sie sich nicht. Im Mittelalter benennt erstmals ein Geistlicher die sechs Formen der bewussten Ablehnung Gottes. Es handelt sich um den scholastischen Theologen Petrus Lombardus. Benedikt XVI. sagt über dessen Werk: „Ich möchte hervorheben, dass die organische Darstellung des Glaubens eine unverzichtbare Erfordernis ist. Auf diese Weise erleuchten die einzelnen Glaubenswahrheiten einander, und in ihrer einheitlichen Gesamtschau erscheint die Harmonie des göttlichen Heilsplans und die Zentralität des Christusgeheimnisses.“

Die Sünden wider den Heiligen Geist entstammen nicht allein menschlicher Schwäche oder mangelnder Erkenntnis, sondern einer Seelenhaltung, die sich bewusst über Gottes Gnadenangebot hinwegsetzt. Nach katholischem Verständnis tritt die Unmöglichkeit der Vergebung dann ein, wenn ein Mensch in seiner Sündhaftigkeit gegen den Heiligen Geist widerstrebend bis zum Tod bleibt. Im Katechismus heißt es zusammenfassend: „Wer sich absichtlich weigert, durch Reue das Erbarmen Gottes anzunehmen, weist die Vergebung seiner Sünden und das vom Heiligen Geist angebotene Heil zurück. Eine solche Verhärtung kann zur Unbußfertigkeit bis zum Tod und zum ewigen Verderben führen.“

Die Unbußfertigkeit bis zum Tod ist lebensgefährlich

Es lohnt sich, die sechs Sünden einzeln zu betrachten. „Vermessene Hoffnung auf das Heil ohne Verdienste“, lautet die erste. Gravierend in unserer Gesellschaft ist die Selbstbedienungsmentalität. Wir leben auf Kosten der Dritten Welt und aalen uns im Wohlstand. Luxus ist selbstverständlich. Das macht viele körperlich, vor allem geistig träge, denn was für den satten Bauch gilt, gilt ebenso für den erschlaffenden Geist. Maschinen ermöglichen es uns, bequem unser Brot zu verdienen. Auf diese Art verwöhnt, leben wir in der Erwartung, dass uns nicht nur das Heil der Welt zusteht, sondern ebenso Gottes Heil. Dass Christus für uns am Kreuz starb, gilt uns als Selbstverständlichkeit. Dass es sich dabei um ein beispielloses Liebesopfer handelt, nehmen viele kopfnickend oder schulterzuckend zur Kenntnis, und Allzuviele sehen völlig darüber hinweg. Opferbereitschaft gilt als unmodern in einer Zeit, die von Schaufensterverheißungen lebt. Gebunden an diese Sichtweise, führt es geradezu zu einer „Verzweiflung am Heil“, der zweiten Sünde gegen den Heiligen Geist. Judas ist das Urbild des humanistischen Denkens, das das Schicksal der Welt selbst bestimmen will. Entspricht es nicht der heute verlangten Kritikfähigkeit, das Vertrauen gegenüber der göttlichen Allmacht und Vergebung zu verweigern? Getrieben vom Machbarkeitswahn glauben auch die Architekten der Neuen Weltordnung nicht an Gottes Heilsversprechen, sondern entwerfen eigene Weltrettungspläne. In allen Bereichen werden kausale Erklärung gesucht, die Realität des Bösen soll ausradiert werden. Doch christlicher Glaube erweist sich mit der österlichen Erfahrung gerade im geduldigen Warten auf die Gnade. Auch die „Zurückweisung der erkannten Wahrheit“ ist uns Heutigen sehr vertraut. Wie oft verweigern Menschen den Glauben aus Bequemlichkeit oder wider besseren Wissens. Sie haben Jesus erkannt, aber der Weg des Glaubens ist ihnen zu mühsam.

Natürlich glauben auch Atheisten an Gott, sonst müssten sie keinen derart absurd missionarischen Ehrgeiz entfalten, ihn zu verleugnen. Damit nicht genug, zur Rechtfertigung negieren sie die Glaubenswahrheit der Heiligen Schrift. Damit verbunden ist nicht selten der „Neid auf die Gnadengabe eines anderen“. Die vierte Sünde gegen den Heiligen Geist drückt sich oftmals durch Hohn und Spott aus. Satire, seien es Wilhelm Buschs „Fromme Helene“ oder die verächtlichen Papstbilder des Magazins „Titanic“, versucht, den Glauben zu kompromittieren; mehr noch, ihn ins Lächerliche zu ziehen. Diese primitive Form der Selbstrechtfertigung lebt von einer geistigen Umweltverschmutzung. Je weiter sie fortgeschritten ist, desto schwerer fällt es, den Irrtum einzugestehen, weshalb die „Verstockung in den Sünden“ automatisch eintritt. Die Vermessenheit besteht darin, leichtgläubig auf Gottes Barmherzigkeit zu setzen und zu sündigen, in der Ansicht, Gott müsse alles verzeihen. Diese Form relativistischen Denkens passt in unsere Gummiwelt, doch Gottes Gebote lassen sich nicht in alle Richtungen dehnen. Wenn heute Freiheit mit Beliebigkeit verwechselt wird, entbindet uns das nicht von Tatsachen, die das Leben schafft, und dazu gehört der Tod. Selbst wenn technischer Fortschritt und moderne Medizin die Illusion nähren, unser irdisches Leben währte ewig, bleibt es ein Wahn. Vielen, die im Leben nicht zum echten Glauben gefunden haben, fällt es am Ende schwer, sich auf Gott auszurichten. Auf welch abschüssige Bahn begibt sich eine Wissenschaft, die uns vorgaukelt, wir könnten uns mit einer Zyankali-Kapsel ins Jenseits hinüberträumen? Dem Gericht Gottes entkommen wir nicht. Darin liegt eine tiefe Gerechtigkeit. Die „Unbußfertigkeit bis zum Tod“ ist eine Form menschlicher Erstarrung, die bezogen auf das Ewige Leben buchstäblich lebensgefährlich ist. Deshalb müssen wir nicht in Panik verfallen, aber eben auch nicht leichtfertig mit der Gnade Gottes umgehen. Die Sünde wider den Heiligen Geist besteht darin, das Wirken des Geistes zurückzuweisen. Darin offenbart sich die hochfahrende Weltsicht des „homo faber“, des Menschen, der „alles selbst macht“, der ganz allein mit sich ist, im Einsamkeitsgerüst existenzialistischer Philosophie gefangen. Ein Niemand, der sich nicht wesentlich vom Tier unterscheidet, sondern nur über eine ausgeprägtere praktische Intelligenz verfügt und ein höheres handwerkliches Geschick aufweist. „Der Mensch ist das weiseste der Tiere, weil er Hände hat“, lehrte Anaxagoras um 450 v. Chr. Banale menschliche Erklärungsversuche, von Humanisten und postmodernen Philosophen als geistiges Bungee-Springen weitergeführt. Ein heilloser Irrtum. Allein, er ändert nichts an den Heilsverheißungen Gottes.

In dieser Zuversicht können wir zu Bianca, Maik oder anderen der I-Phone-Generation gehen. Pfingsten bietet jedes Jahr Anlass, sich dem Heiligen Geist zu öffnen. Wir können sogar eine wunderbare Erleichterung spüren, wenn wir uns von den Erschwernissen unserer Unbußfertigkeit erlösen lassen. Zeit, den wunderbaren Gesang anzustimmen, den ER uns durch Rabanus Maurus geschenkt hat: „Komm Heiliger Geist, der Leben schafft, erfülle uns mit deiner Kraft.“