Die Warnung ernst nehmen

Im „Tagespost“-Interview würdigt Papstbiograf George Weigel die revolutionäre Leistung des Wojtyla-Pontifikates und fürchtet einen neuen Totalitarismus in Europa. Von Martin Kugler

Kann die Glaubensbegeisterung der jungen Generation den alten Kontinent retten? – Begegnung beim Weltjugendtag in Paris. Foto: dpa
Kann die Glaubensbegeisterung der jungen Generation den alten Kontinent retten? – Begegnung beim Weltjugendtag in Paris. Foto: dpa
Warum wird Johannes Paul II. als „der Große“ bezeichnet? Was wird in hundert Jahren am meisten von ihm in Erinnerung bleiben?

Die Welt wird sich seiner als Schlüsselfigur für den Zusammenbruch des Kommunismus in Europa erinnern. Die Kirche wird sich seiner als eines ihrer bedeutendsten päpstlichen Lehrer erinnern. Alle Menschen sollten sich seiner als eines zutiefst bekehrten Jüngers Christi erinnern, eines der wichtigsten christlichen Zeugen seiner Zeit.

Sein Name und der Name dreier anderer Persönlichkeiten (Walesa, Gorbatschow und Reagan) werden immer mit dem Sturz des Kommunismus in Verbindung gebracht: Welchen besonderen Beitrag hat Johannes Paul II. als Denker, Hirte, Bischof und als Papst zur Überwindung der letzten weltweiten totalitären Bedrohung geleistet?

Als „weltweite totalitäre Bedrohung“ würde ich China nicht unberücksichtigt lassen. Und wenn sich in Europa die Diktatur des Relativismus durchsetzt, könnten wir sogar mit einer neuen Form von Totalitarismus konfrontiert werden: einem „Totalitarismus mit einem lächelnden Gesicht“. In jedem Fall hat Johannes Paul II. während seines Pastoralbesuchs in Polen im Juni 1979 eine Revolution der Gewissen ausgelöst. Diese Revolution der Gewissen hat den Polen und anderen Völkern im Warschauer Pakt neue Mittel zum Widerstand geliefert: einen auf der Kultur beruhenden Widerstand, einen Widerstand „in der Wahrheit“, der schließlich zu neuen Formen politischen Widerstands wie Solidarnosc führte.

Wie würden Sie den Einfluss Johannes Pauls II. auf die polnische Gesellschaft – besonders durch seine „Theologie der Arbeit“ und seine Aufforderung „über Arbeit zu arbeiten“ – bezeichnen?

Ich denke nicht, dass seine Überlegungen zur Arbeit sich nur auf Polen beziehen. Sie haben sicherlich die Entstehung von Solidarnosc gefördert, aber die Vorstellung von der Arbeit als unserer Teilhabe an Gottes ewiger Schöpferkraft in der Welt ist auch für die Weltkirche ein wichtiges Thema.

Ist es sinnvoll, seine Haltung im Hinblick auf radikale Elemente bei Solidarnosc mit seinem Urteil über die Befreiungstheologie zu vergleichen? Heute wissen wir zum Beispiel, dass er Popieluszko (der vom KGB als Radikaler betrachtet wurde) nach Rom kommen lassen wollte, um sein Studium zu beenden. Und seine Reaktion auf das Kriegsrecht 1981 war sehr vorsichtig.

Er war um Popieluszkos Sicherheit besorgt. Was den Dezember 1981 betrifft, so hat er vor dem Ergreifen konkreter Maßnahmen zunächst klug abgewartet, bis er genau informiert war. Doch er hat Jaruzelskis Kriegsrecht sofort und unerbittlich verurteilt.

Welches sind die Hauptgründe seiner Anziehungskraft auf junge Menschen in aller Welt? Kann man ihn als einen Meister medialer Inszenierung betrachten?

Er hat die jungen Menschen aus zwei Gründen angesprochen. Erstens: Er war auf erkennbare Weise ehrlich, und das spricht junge Menschen an, die Falschheit leicht erkennen. Zweitens: Er hat die Jugendlichen in Kulturen, die sich ihnen anbiedern, herausgefordert; diese Aufforderung zu geistlichem und moralischem Heldentum war ebenfalls sehr anziehend. Die Jugendlichen wussten, dass er wusste, welche Empfindungen sie in dieser Lebensphase durchmachten.

Zu seiner Frömmigkeit: Ich kenne kaum einen Menschen in der Kirchengeschichte, der eine solch extrovertierte Persönlichkeit und Begabung mit so starken geistigen Fähigkeiten und solch mystischer Tiefe vereinigt. Würden Sie dem beipflichten, dass er gerade aufgrund seines heroischen persönlichen Gebetslebens ein „Riese“ in seiner pastoralen und politischen Einflussnahme war?

Ganz und gar. Alles, was er in der Kirche und in der Welt geleistet hat, hat er als zutiefst bekehrter Jünger Christi geleistet.

Wie würden Sie die Merkmale seines Vorgehens gegenüber den Orthodoxen zusammenfassen? Er ist in alle Länder mit einer orthodoxen Mehrheit gereist (außer Russland, wo man es ihm nicht erlaubte) und hat eine neue Strategie der Ökumene verfolgt.

Ich denke, dass er 1978 wirklich glaubte, mit einer genügend großen Anstrengung könnte die Spaltung zwischen Konstantinopel und Rom durch das große Jubiläumsjahr 2000 überwunden werden, so dass Petrus und Andreas gemeinsam die Schwelle zum dritten Jahrtausend überschreiten würden. Andreas Brüder im Osten waren dazu jedoch nicht bereit.

Glauben Sie, dass es der KGB war, der versucht hat, ihn im Jahr 1981 (durch den bulgarischen Geheimdienst) umbringen zu lassen?

Mir sind die verschiedenen Verbindungen in diesem komplizierten Gewirr nicht bekannt, doch ich zweifele keine Sekunde daran, dass alle Fäden schließlich zur Lubjanka und zum KGB führen.

Würden Sie es als politischer Bürger der USA für legitim halten, sich auf Johannes Paul II. als Zeugen für eine mögliche „Koalition“ von Wirtschaftsliberalen und glaubensbezogenen Konservativen/Christen zu berufen?

Was Europäer unter „Wirtschaftsliberalen“ verstehen, bezeichnet ein Phänomen, das es außerhalb der Wirtschaftsfakultäten gewisser amerikanischer Universitäten nicht gibt. Die wirkliche Auseinandersetzung hat mit dem Umfang des adäquaten rechtlichen und regulierenden Rahmens zu tun, in den die Märkte eingebunden werden. Die Soziallehre von Johannes Paul II., mit ihrer Betonung der Kreativität des Unternehmertums, hat sicherlich viele Menschen in den Vereinigten Staaten – Christen und Nicht-Christen – angesprochen.

Können Sie etwas zu seiner besonderen Beziehung zu den Juden sagen?

Karol Wojtyla hatte besonderes Verständnis für das Leiden der Juden im zwanzigsten Jahrhundert. Daher konnte er den Juden und dem Judentum auf eine Weise die Hand reichen, dass die Grundlagen für einen neuen theologischen Dialog im 21. Jahrhundert gelegt wurden.

Woran sollten wir uns Ihrer persönlichen Meinung nach in Deutschland und/oder im heutigen Europa hinsichtlich seines Lebens und seiner Lehre stärker erinnern?

Jeder Europäer, dem es mehr um die Zukunft Europas geht, als darum, den derzeitigen europäischen Wohlfahrtsstaat für sein Leben zu bewahren, sollte „Ecclesia in Europa“ (2003) von Johannes Paul II. lesen, einen Text, der sowohl eine Ermutigung als auch eine äußerst ernste Warnung darstellt.

Übersetzung aus dem Englischen von Claudia Reimüller