Die Wärme kommt zum Beter

Martin Sandler hat eine Kirchensitzheizung entwickelt, die mit dem Wärmehaushalt des Menschen rechnet

Not lehrt Beten, sagt der Volksmund. Wer beim Beten aber friert, was lehrt den das? Es lehrt ihn Pfiffigkeit – wie Martin Sandler aus Kleinkemnat, einem Stadtteil von Kaufbeuren im Allgäu, beweist. Er sitzt im Kirchenverwaltungsrat seiner Heimatpfarrei St. Stephan. Über 200 Jahre ist die Kirche alt, die etwa 120 Besuchern Platz bietet. Im Winter ist es kalt dort. Und mit der Zeit blieben Besucher zu Hause, weil sie sich erkälteten oder die Blase unangenehm gereizt wurde. Und überhaupt, braucht eine Kirche nicht eine Heizung, fragten sich die Verantwortlichen. Es wurde kurz beraten, aber die Kosten schienen doch zu hoch, um eine komplett neue Heizung in das Gotteshaus einzubauen, die dessen Innenraum wärmt – zumal der Kirchenbau ungedämmt ist, und die Folgekosten dann auch einen beträchtlichen Batzen kosten. Also entschied sich der Rat dafür, nur die Sitze zu heizen und Martin Sandler versprach, sich um die Sache zu kümmern.

Jeder Mensch braucht in kalter Kirche rund 20 Watt Energie, um nicht zu frieren

„Ich dachte, ich hole mir einige Angebote ein, und dann entscheiden wir uns, aber ich stellte verblüfft fest, dass es eine solche Lösung, wie ich sie mir vorstellte, gar nicht auf dem Markt war“, erzählt Sandler. Also machte er sich selbst daran, eine solche Lösung zu finden. Er überlegte, wie er die Wärme direkt so zum Menschen in der Kirche bringen kann, dass der nicht friert, und gleichzeitig ein Minimum an Heizeinsatz möglich ist.

Der Tüftler ging von folgenden Überlegungen aus: Jeder Mensch erzeugt Wärme. Im Sitzen oder Stehen gibt eine durchschnittlich gebaute Person rund 100 Watt Energie an ihre Umgebung ab. Am wohlsten fühlt sich ein Mensch, wenn sich sein Wärmehaushalt im Gleichgewicht befindet – das heißt, wenn er genauso viel Wärme abgibt, wie er momentan gerade erzeugt. In einer kalten Kirche gibt ein Mensch nun in der Regel mehr Wärme ab, als er selbst erzeugen kann.

Bei einer Innenraumtemperatur von beispielsweise zwei Grad Celcius gibt eine winterlich bekleidete, durchschnittlich gebaute Person rund 110 bis 120 Watt an ihre Umgebung ab. Da der Mensch jedoch nicht mehr Energie abgeben kann als er produziert, tritt das automatische Wärme-Notprogramm in Aktion: Die Durchblutung sämtlicher nicht lebensnotwendiger Körperteile wird drastisch reduziert: Füße, Beine, Arme und Hände kühlen aus und der Mensch beginnt zu frieren.

Daraus zog nun der Diplom-Ingenieur im Kirchenvorstand einen wichtigen Schluss: Damit der Besucher in der kalten Kirche nicht mehr friert, muss sein Wärmehaushalt ausgeglichen sein. Wenn er selbst nur 100 Watt erzeugt, jedoch 110 bis 120 Watt an seine Umgebung abgibt, dann fehlen ihm also zehn bis 20 Watt an Energie.

Seine Heizung verursacht laut Martin Sandler jährliche Betriebskosten von 30 Euro

Und weil der Gottesdienstbesucher oft sitzt, galt es nun, ihm diese Energie während des Sitzens über das Gesäß und/oder den Rücken zuzuführen, wobei das Gesäß der wichtigste, weil dessen Haut eine der am meisten durchblutete Energieabnehmer des Menschen ist. Es galt also, über die Sitzgelegenheit den Gottesdienstbesuchern rund zehn bis 20 Watt an Energie zuzuführen, damit deren Wärmehaushalt ausgeglichen ist.

So war die Idee der Kirchensitzheizung geboren, die für Martin Sandler im Gegensatz zu einer Fußboden- oder Wandheizung, einer Bankheizung durch Heizstrahler oder einer Warmluftheizung des gesamten Kirchenbaus allein für die Kirche in Kleinkemnat in Frage kam. Martin Sandler ließ also die neuen Sitzauflagen für die Kleinkemnater Kirche in der Art eines beheizbaren Autositzes bauen. Diese Auflagen sind von unten nach oben zuerst mit einer Sitzpolsterung ausgestattet, darauf liegt die dünne Heizebene und darauf wiederum wird eine weiche Dämmschicht aufgebracht. So bleibt zuerst die mit Niederspannung von 24 Volt erzeugte Wärme – sollte ein Gottesdienstbesucher mit einem spitzen, metallenen Gegenstand wie einem Auto- oder Türschlüssel ins Sitzkissen einstechen, kann ihm bei dieser geringen Spannung nichts passieren, zumal die Kirchensitzheizung mit mehreren Thermosicherungen pro Sitz ausgestattet ist – in der Sitzauflage gespeichert. Setzt sich nun ein Gottesdienstbesucher auf das Kissen, drückt er die weiche Dämmschicht zusammen, und die Heizenergie wärmt die Person, die sitzt.

Eine Kirchensitzheizung hat laut Martin Sandler überragende Energiewerte. Für das Modellbeispiel einer gotischen Kirche mit 200 Sitzplätzen, einer Grundfläche von 360 Quadratmetern und einer Raumhöhe von 15 Metern nennt der Diplom-Ingenieur folgende Zahlen: Danach betrage die Invesititonssumme für Material und Einbau zwischen 20 000 und 25 000 Euro. Bei einer installierten Heizleistung pro Sitzplatz von 30 Watt und einer empfohlenen Vorheizzeit von zwei bis drei Minuten entstünden bei zwei Gottesdiensten pro Woche jährliche Betriebskosten von rund 30 Euro. Die CO2-Belastung bei Betrieb mit Strom betrage rund 76 Kilogramm pro Jahr. Dabei verändere die Kirchensitzheizung weder Temperatur noch Luftfeuchtigkeit im Inneren einer Kirche.

Sandler beschäftigt zwölf Mitarbeiter und arbeitet mit Behindertenwerkstätten

Zwölf Mitarbeiter beschäftigt Martin Sandler in seiner Firm EFG (Energie für Gebäude). „Wir arbeiten aber auch mit Behindertenwerkstätten zusammen, gerade arbeiten wir daran, die Fertigung in diesen Werkstätten noch behindertengerechter gestalten zu können, um mehr Behindertenwerkstätten in die Produktion einbeziehen zu können“, erklärt Sandler. Er finde es wichtig, Einrichtungen der Kirche auch in den Produktionsprozess solcher Heizungen einzubeziehen. Mittlerweile habe seine Firme über 100 Kirchen mit seinen Kirchensitzheizungen ausgestattet, sagt Sandler. Darunter seien zwei Kirchen in Portugal, eine Kirche in Danzig, aber auch Kirchen in Norwegen und Rumänien. „Derzeit sind unsere Auftragsbücher bis Februar ausgelastet, wer bis Weihnachten noch seine neuen Kirchensitzheizungen haben möchte, sollte sich bei uns bis spätestens die kommenden 14 Tage melden“, so der Firmenchef. sei