Die Umgangsformen noch verbessern

Erinnerung an vergessene Gesten. Von Ingo Langner

Ein Beichtstuhl mit Türen, wie sie sich Buchautor Alexander Pschera in Zukunft wieder häufiger wünscht. Foto: IN
Ein Beichtstuhl mit Türen, wie sie sich Buchautor Alexander Pschera in Zukunft wieder häufiger wünscht. Foto: IN

Wie radikal die säkulare Moderne in den europäischen Kernländern gesiegt hat, ließe sich an vielen Beispielen exemplifizieren. Doch was ihr Ziel war, ist nirgendwo sonst so knapp auf den Punkt gebracht, wie in der „Internationale“, dem sogenannten Kampflied der sozialistischen Arbeiterbewegung. „Es rettet uns kein höh'res Wesen“, heißt es da in der zweiten Strophe, „kein Gott, kein Kaiser noch Tribun, uns aus dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun!“

Damit ist eigentlich alles gesagt. Was weg muss, sind die christliche Religion und das Gottesgnadentum der gesalbten Könige. Einem solchen König haben die Jakobiner in der siegreichen Französischen Revolution ab 1789 den Garaus gemacht. Ludwig XVI. wurde am 21. Januar in Paris mit einer Guillotine geköpft.

Alexander Pschera empfiehlt, Gott zu siezen

Als es in Europa keine königlichen Alleinherrscher mehr gab, konzentrierten sich die Abräumer ganz auf die Eliminierung des Christentums. So wurde die Geschichte der Moderne zu einer Geschichte der Verluste.

Womit wir bei unserem eigentlichen Thema angekommen wären, nämlich bei einem Buch von Alexander Pschera, das den rätselhaften Titel trägt „Vergessene Gesten. 125 Volten gegen den Zeitgeist“. Rätselhaft jedoch nur auf den ersten Blick. Denn was Pschera darüber auf 186 Seiten zu sagen weiß, ist ein höchst amüsant geschriebenes kulturgeschichtliches Kleinod der besonderen Art. Doch nicht nur das. Je näher man sich an die Hundertermarke der „Volten“ herangelesen hat, desto mehr entpuppt sich Pschera nicht bloß als scharfblickender, zeitgeistkritischer Mitbürger, sondern auch als katholischer Geisteskopf, der mahnend seinen Finger in jene Wundmale legt, die ein aggiornamento-seliges Kirchenvolk fünfzig Jahre nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil hinterlassen hat.

Doch der Reihe nach. Bereits im ersten Satz der ersten Volte, sie heißt „Den lieben Gott siezen“, schlägt Pschera eine Tonart an, der er bis zum Schluss treu bleiben wird: „Die Welt ist mittlerweile derart gefühlsmäßig verduselt, dass man Duzen schon für einen veritablen Akt höchster emotionaler Authentizität hält. Wer ,Du‘ sagt, der scheint einen Sinn für Gefühle zu haben und daher muss er, so schließt man, ein rundum guter Mensch sein. Das ist ein unumstößliches Gesetz, und zwar nicht nur an der Kasse von Ikea.“ Dieser Auftakt ist deshalb so gut, weil Pschera hier in nuce alle Ingredienzien versammelt, die wir eingangs zum Ausdruck bringen wollten. Was hier nämlich subkutan mitschwingt, ist der republikanische Dreiklang „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, allerdings herabgedimmt auf exakt das erbärmlich tiefe Niveau, das Opfer des Französischen Gleichheitswahns luzid prophezeit haben. Sichtbar macht Pschera mit dem Hinweis auf das schwedische Möbelhaus auch, um was es bei der freimaurerisch inspirierten „Disruption“ von Pariser Kaufleuten im Kern gegangen ist: um Profit. Schlussendlich erschöpft sich im schnöden Mammon ohnehin alles, was dem Materialismus hörig ist.

Bei Pschera geht es danach mit Volten weiter, die nur scheinbar launig „Ohne Helm radeln“, „Einen Stammtisch besuchen“, „Gedichte auswendig lernen“, „Einer Dame die Hand küssen“, „Seinen Kaffee schwarz trinken“, „Einen Krawattenknoten binden“ oder „Zum Abschied mit dem Taschentuch winken“ heißen und stets treffend und knapp Unwiederbringliches betrauern. Dann jedoch ansatzlos Titel, die nicht mehr aufs Hier und Jetzt, sondern aufs Jenseits verweisen und „Sich auf den Tod vorbereiten“, „Mit gefalteten Händen beten“ und „Sich bekreuzigen“ heißen.

In der Volte „Einen Beichtstuhl betreten“ schreibt Pschera: „Beim Beichten begegnet man seinem anderen Ich, man begegnet auch seiner Scham, und die ist im Dämmerlicht besser zu ertragen. Nur wurden die alten Beichtstühle in den meisten Gotteshäusern stillgelegt. Ihre Türen wurden ausgehängt, und nun stehen die amputierten Gebilde als bestenfalls kunsthistorisch bedeutsame Relikte nutzlos in den Seitenschiffen der Dorfkirchen herum. Die Beichte ereignet sich in diesen Kirchen seit langem schon im Beichtgespräch, das eher einer psychotherapeutischen Sprechstunde als einem sakramentalen Vorgang gleicht. Es findet meist im Dienstzimmer des Priesters statt, der schnell noch sein Telefon umstellt, bevor er sich mit der Seele beschäftigt, die sich ihm anvertraut. Kann das gutgehen? Es kann, aber es muss nicht. Auch der Priester wird durch die äußere Form der Gesten und des Raumes gestützt, und das gilt nicht nur für die Beichte. Ich bin also dafür, dass die Türen in den Beichtstühlen schleunigst wieder eingehängt werden.“

Was ließe sich dem noch hinzufügen? Höchstens noch dies: Pscheras „Vergessene Gesten“ kaufen, lesen und weiterverschenken.

Alexander Pschera: Vergessene Gesten. 125 Volten gegen den Zeitgeist. DVB Verlag 2018, 192 Seiten, ISBN-13: 978-390324-400-9, EUR 22,–