Die Suche nach dem Glück

Als Christen gut leben – was heißt das? Eine Betrachtung mit der Heiligen Schrift. Von Klaus Berger

A young pilgrim uses binoculars to look at Pope Benedict at the Marienfeld.
Eine junge Pilgerin. Foto: Reuters
A young pilgrim uses binoculars to look at Pope Benedict at the Marienfeld.
Eine junge Pilgerin. Foto: Reuters

Angesichts der grassierenden Glücks-Ratgeber und Handbücher zum Lebensglück erscheint so etwas für die Frage nach dem Glück bitter notwendig. In der älteren Generation haben es manche so erlebt: Nach neun Jahren Gymnasium im Sinne eines christlichen Humanismus und einer Mischung aus Goethe und härteren Poeten der Nachkriegszeit brachen in den sechziger Jahren alle Konstruktionen vom „Sinn des Lebens“ unter neuen marxistischen Theorien in sich zusammen wie nepalesische Vorstädte nach Erdbeben. Es blieben nur Bretter und Balken. Dem nur Erlernten fehlte jede Faszination. Genau die aber benötigte die Kirche, um missionarisch sein zu können.

Was Glück ist, sagt der römische Dichter Catull angesichts seiner Freundin in Carmen 51: „Jener Mensch scheint mir wie Gott oder, wenn es zu sagen erlaubt ist, noch seliger als Götter, der dir gegenübersitzt als Ohren- und Augenzeuge deines süßen Lachens.“ Nun ist die Faszination durch Charme und Sex nur eine aller möglichen. Wenn das Arsenal von Musik, Kunst, Liturgie und veritablen Heiligen, das die Kirche bereithält, verpufft ist, bleibt oft nur diese.

Aber das muss nicht so sein. Jeder Tabernakel erinnert an den Hymnus des heiligen Thomas von Aquin „Hier bet' ich auf den Knien verborg'ner Gott dich an“. An dessen Schluss heißt es: „um dich am Ende unverhüllt zu sehen und dass ich glücklich bin im Schauen deiner Herrlichkeit“. Und in jeder Liturgie, die diesen Namen verdient, liegt ein Stück dieser Faszination. Deshalb heißt es in der Bergpredigt: „Selig…, denn sie werden Gott schauen“.

Weder dürre Lebensregeln noch eher technische Dinge wie Rotwein oder Yoga werden die allfälligen Krisen überstehen. Und andererseits sind auch nicht Leiden und Tod die wirklichen Feinde des Glücks. Die wirklichen Feinde sind irrlichternde Faszinationen wie Neonazitum, Rassismus oder hemmungslose Sexualität.

Für tiefes Glück hingegen scheint die Herzensbindung an eine Person – und sei es Gott – unabdingbar. Sehnsucht und dem anderen in die Augen schauen wollen gehört dazu. Der Raum menschlicher Träume und persönlicher Sehnsucht will gefüllt sein, sonst wird er von verkorksten Ideen geflutet. Und solche enden stets im Katzenjammer.

Die entscheidende Frage wird schlicht gestellt in Psalm 34, 13–15: „Wer ist der Mensch, der Leben wünscht und glückliche Tage zu schauen begehrt?“ Und die nüchterne Antwort: „Bewahre vor Bösem deine Zunge und deine Lippe vor falscher Rede! Lass ab vom Bösen und tue das Gute, suche Frieden und strebe ihm nach! Die Augen des Herrn beachten die Frommen und seine Ohren ihr Schreien. Das Antlitz des Herrn droht den Übeltätern, um ihr Gedenken vom Lande zu tilgen. Rufen jene, so hört es der Herr und rettet sie aus all ihren Nöten. Nahe ist der Herr den geknickten Herzen, hilft allen, die zerknirschten Herzens sind. So zahlreich die Leiden des Gerechten auch sind, aus allen befreit ihn der Herr.“ Diese Auskunft von Psalm 34 besagt mehr als das übliche „Sei halt brav und friedlich“. Vielmehr teilt der Psalmist mit:

„Der Herr hat eine

Schwäche für

geknickte und

zerknirschte Herzen“

Erstens: Gott hat Augen und Ohren und ein Antlitz. Er ist also dabei, mitten in unserer Geschichte.

Zweitens: Der Herr hat eine Schwäche für geknickte und zerknirschte Herzen.

Drittens: An erster Stelle der Bedingungen für das Glück steht, was den Menschen angeht, das Achtgeben auf Zunge und Lippen. Das meiste zerstört der Mensch durch sein Gerede. Der Psalmist lenkt unseren Blick darauf, wieviel in der praktischen Alltagsreligiosität vom Gerede der Menschen abhängt. Das betrifft gerade auch die landläufige Rede von Kirche und Gott. Man nennt das die Mund-zu Mund-Propaganda.

Das antike Judentum hat davon in höchstem Maße Ahnung und wahrhaft „gesättigte“ Alltagserfahrung. Man bedenke nur, wie eng die Menschen in Städten und Dörfern „aufeinander“ wohnten. Dagegen ist jedes heutige Kloster ein weitläufiger Palast. Für den Psalmisten gilt daher: Glaube ist ansteckend wie Grippe, nur eben positiv! Und wenn man heute sagt: Hüte dich, dass du dich nicht um Kopf und Kragen redest, so gilt für das Reden der Christen: „Weil du aber lau bist, weder heiß noch kalt, will ich dich aus meinem Mund ausspeien. Du behauptest, ,Ich bin reich und wohlhabend, und nichts fehlt mir‘. Du weißt aber nicht, dass gerade du elend und erbärmlich bist, arm, blind und nackt.“ (Geheime Offenbarung 3, 16–17)

Neulich habe ich mit einem radikalen jungen Mönch ein Streitgespräch über das wahre Glück geführt. Er meinte, es bestünde darin, das Kloster zu verkaufen, auch die Zellen und die Bücher, und mit den Obdachlosen unter der Brücke zu schlafen – oder im Wald.

Meine Position dagegen ist: Den freudigen Geber hat Gott lieb und den dankbaren Empfänger hat Gott lieb. Zwischen Freude im Geben und Dankbarkeit im Nehmen spannt sich ein ganzes schlichtes Leben. Und vielleicht doch nicht darin, dass man sich und andere unter Druck setzt, weil es immer noch nicht reicht? Meine erste Begegnung mit radikalen Mönchen war die mit solchen, die in einem Rattenloch genannten Haus lebten und nachts zum Teil im Wald schliefen. Sie mögen ja hoffentlich glücklich geworden ein. Doch wir brauchen mehr als Radikalität, nämlich missionarisches Werben, das als Begeisterung ansteckend wirkt.