Die Rückkehr der Mythen

Wer nur von Werten spricht, ohne Gott zu nennen, bereitet dem Heidentum den Weg. Von Guido Horst

Caspar-David-Friedrich-Ausstellung
Das Bild "Wanderer über dem Nebelmeer" des Malers Caspar David Friedrich wird im kommenden Jahr im Folkwang-Museum Essen ausgestellt (undatiertes Handout). Das Folkwang-Museum präsentiert vom 13. Mai bis zum 20. August 2006 eine umfangreiche Ausstellung mit Meisterwerken des Male... Foto: Folkwang-Museum/Elke Walfo (Folkwang-Museum)

Die Krise des Gottesbildes, die Entchristlichung der westlichen Kultur und die völlige Säkularisierung des öffentlichen Lebens sind ein Umstand, über den man trefflich jammern kann. Allein das soeben gefeierte Weihnachtsfest hat es wieder gezeigt: Ist es für die Christen das Gedenken an die Inkarnation, an die stille Menschwerdung und Erscheinung Gottes vor zweitausend Jahren in einer Grotte bei Bethlehem, vollzog es sich in der Öffentlichkeit als laute und umtriebige Zeit des Konsums, als Geschenkorgie und einen überanstrengten Austausch der bunt verpackten Gaben. Allein die Umwandlung des Christkindes, des Kindes in der Krippe, in einen fetten und bärtigen Weihnachtsmann ist Ausweis jener längst schon vollzogenen Säkularisierung, über die man als gläubiger Mensch nur klagen kann.

Ein diffuser Teismus ohne historische Inkarnation

Aber es geht nicht um das Jammern. Es geht darum, die Entchristlichung zu verstehen, denn genau sie ist der Umstand, unter dem die Kirche des Westens und der einzelne Gläubige ihr Christsein leben und vorschlagen müssen – wenn man sich denn nicht in geschützte Wagenburgen und kleine Restmilieus zurückziehen will. Dort stirbt man aus. Denn die nachwachsenden Generationen erliegen immer mehr dem Reiz einer schillernden und faszinierenden schönen neuen Welt, die auf wunderbare Weise ohne Gott auskommt und sich dennoch da, wo Friede und Wohlstand herrscht, prächtig weiterentwickelt. Medizinischer Fortschritt, technische Neuerung, nahezu unbegrenzte Möglichkeiten der sozialen Kommunikation, immer fantastischere Möglichkeiten, sich abzulenken und zu entspannen und allen zu zeigen: Es geht auch ohne Gott.

Bis in die zweite Hälfte des letzten Jahrhunderts war es möglich, Restbestände christlicher Werte und eines christlichen Menschenbilds auch öffentlich noch hochzuhalten, die Erinnerung an die grausamen Ideologien des Kommunismus und Nationalsozialismus waren frisch und mahnten zum Widerstand gegen ein gottloses Heidentum. Doch spätestens seit dem Ende des Kalten Kriegs dominiert das, was Kardinal Jorge Mario Bergoglio, jetzt Papst Franziskus, einen „hedonistischen Atheismus“ nennt, einen „diffusen Teismus ohne historische Inkarnation“. Bergoglio beruft sich dabei auf einen guten Freund, den uruguayanischen Philosophen Alberto Methol Ferré, mit er sich oft in Buenos Aires getroffen hat, bevor dieser 2009 im Alter von achtzig Jahren verstarb.

In einem Interview-Buch aus dem Jahr 2007, das der italienische Journalist Alver Metalli herausgegeben hat, gab Kardinal Bergoglio das Denken seines Freundes Methol Ferré so wieder: „Der hedonistische Atheismus mit seinen neo-gnostischen Zügen ist – nach dem Ende des messianischen Atheismus marxistischer Prägung – die beherrschende Kultur mit einer globalen Vision und Verbreitung geworden. Er macht den Geist der Zeit aus, in der wir heute leben, das neue Opium für das Volk. Das ,einheitliche Denken‘ hat, abgesehen davon, dass es sozial und politisch totalitär ist, gnostische Strukturen. Es ist nicht menschlich, es schlägt verschiedene Formen des absoluten Rationalismus vor, mit denen sich der hedonistische Atheismus ausdrückt, den Methol Ferré beschrieben hat. Es dominiert ein zerstäubter Teismus, ein diffuser Teismus, ohne historische Inkarnation. Im besten aller Fälle die Schaffung eines freimaurerischen Ökumenismus.“ Wenn Papst Franziskus bei Audienzen oder in Interviews vom „Spray-Gott“ spricht, meint er genau das.

Alle Päpste der jüngsten Zeit haben diesen Siegeszug eines diffusen Atheismus, eines Teismus ohne Inkarnation erkannt. Johannes Paul II. hat darunter gelitten, hatte er sich nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Systeme in Mittel- und Osteuropa doch eine Renaissance des Christlichen erhofft. Kurz nach der Wende glaubte er wirklich daran, dass Europa wieder lernen könne, aus seinen genuin christlichen Lungen des Ostens und Westens zu atmen. Später musste er erkennen, dass der praktische Materialismus stärker war.

Auch Joseph Ratzinger hat den neuen Atheismus scharfsinnig erfasst. Die Wahlmänner des Konklaves von 2005 überzeugte er mit dem Begriff von der „Diktatur des Relativismus“, aber schon als junger Theologe hatte er in den fünfziger Jahren das Eindringen eines neuen Heidentums in die Kirche sauber analysiert. Denn schließlich war es in weiten Teilen die Kirche selber – in ihren Hirten, ihren Intellektuellen oder ihrem „Management“ –, die den Siegeszug des hedonistischen Atheismus oder der Diktatur des Relativismus den Boden bereitet hatte, indem sie vielerorts die christlichen Werte zwar gepredigt, sie aber von ihrem inneren Kern losgelöst hatte. Das ist nicht Thema dieser Beilage, aber die geniale Beschreibung dieses Phänomens durch Kardinal Henry de Lubac sei hier zitiert. Er schrieb in dem Buch „Die Tragödie des Humanismus ohne Gott“ (1950), dass bei vielen Bemühungen der modernen Menschen „so manche Werte christlichen Ursprungs lebendig (blieben). Aber da sie diese Werte von ihrem Quellgrund abgeschnitten hatten, waren sie unfähig, sie in ihrer Vollkraft, ja in ihrer unverfälschten Echtheit zu bewahren. Geist, Vernunft, Freiheit, Wahrheit, Brüderlichkeit, Gerechtigkeit: Diese großen Dinge, ohne die wahre Menschlichkeit nicht ist, die die heidnische Antike geahnt und die das Christentum begründet hatte, werden gar rasch unwirklich, sobald sie nicht mehr als Ausstrahlung Gottes erscheinen, sobald sie der Glaube an den lebendigen Gott nicht mehr mit seinen Säften nährt.“

Werte allein sind grau, blass und langweilig

Hält man nur noch christliche Werte hoch, ohne von Jesus Christus zu sprechen, von einer Person, von der Menschwerdung Gottes mitten in der Geschichte der Menschheit, werden diese Werte blass. Schlimmer noch: „Sie werden dann leere Form“, wie de Lubac weiter schreibt, „sie sind bald nur mehr ein Ideal ohne Leben“, denn „ohne Gott ist die Wahrheit selbst ein Idol, ist die Gerechtigkeit selbst ein Idol. Und diese Idole sind zu blass, zu rein, angesichts der Götzen von Fleisch und Blut, die heute wieder aufstehen; diese Ideale sind zu abstrakt, angesichts der großen kollektiven Mythen, die die mächtigsten Urinstinkte wecken.“

Wie man ihn auch nennt, einen hedonistischen Atheismus, eine Diktatur des Relativismus, einen Teismus ohne Inkarnation: der Siegeszug des neuen Heidentums ist in der Gesellschaft des Westens gewaltig. Wenn man in der Vorweihnachtszeit durch ein modernes, großes deutsches Einkaufszentrum ging, konnte man mit Händen greifen, wie sehr dieser neue Atheismus mit seinen Mythen und Idolen in der Lage ist, die Urinstinkte der Menschen zu befriedigen. Da war nicht nur der fette Weihnachtsmann als Inbegriff der Auslöschung der Inkarnation, sondern auch das glitzernde Angebot eines Marktes, der alle Sehnsüchte zu befriedigen scheint: nach Schönheit, nach körperlicher Kraft und eleganter Geschmeidigkeit, nach sexueller Vielfalt und Ausleben von Lüsten und feinen Geschmäckern. Eine Welt ohne Gott, die dennoch faszinierend ist, weil sie kleinen Göttern, Götzen und Idolen die Rückkehr ermöglicht. Sie ist neu, diese Welt. Aber ist sie auch wirklich schön? Das soll die Frage der kommenden Seiten sein.