„Die Liebe bekehrt, wen sie will“

Mutter Teresa und die Neuevangelisierung: „Man muss den anderen den Glauben nicht einbläuen, man sollte ihn einfach leben“, weiß Leo Maasburg. Von Rudolf Gehrig

Nicht nur in ihrer Wahlheimat Indien, sondern weltweit ist Mutter Teresa heute eine auch von der Jugend verehrte Ikone der Nächstenliebe. Foto: dpa
Nicht nur in ihrer Wahlheimat Indien, sondern weltweit ist Mutter Teresa heute eine auch von der Jugend verehrte Ikone d... Foto: dpa

Man sagt, dass sie die Fähigkeit hatte, in einer Menschenmenge immer den Ärmsten aufzuspüren. Auch dann, wenn sie sich unter den Reichen und Schönen befand. Ganz besonders dann. „Unter den Millionären der USA“, sagte sie einmal, „habe ich die Ärmsten der Armen gefunden.“ So auch dieses Mal, als ein Amerikaner, ein Multimillionär, begeistert auf sie zukam und ihr einen Scheck in die Hand drückte. Sie las die große Summe, die darauf stand. Dann nahm sie die Hand des Millionärs, legte den Scheck dort hinein zurück und schloss sie wieder. Ohne die Hand loszulassen, blickte sie ihn an und sagte: „Gehen Sie nach Hause und lieben Sie Ihre Frau.“

Monsignore Leo Maasburg – der Mann, der diese Anekdote erzählt – war der langjährige Begleiter und Beichtvater von Mutter Teresa, der wohl populärsten Heiligen dieses Jahrtausends. Auf Einladung der Jakob-Christian-Adam-Stiftung ist er Mitte November nach Bonn gekommen, um im Don-Bosco-Haus über das Thema „Mission heute“ zu sprechen. „Mission“ ist ein Wort, das auch in Kirchenkreisen nicht besonders beliebt ist. Viele denken dabei an die brutale „Indianer-Mission“ des Cortéz oder daran, wie Karl der Große die Sachsen „bekehrte“. Doch sich immer weiter leerende Kirchenbänke und steigende Austrittszahlen zeigen der deutschen Kirche vor allem eines: Mission ist heute überlebensnotwendig geworden.

Von Christus kommen und zu Christus gehen

Wie das funktionieren kann, zeigt Mutter Teresa. Ein Mensch, so ihr Auftrag, soll sich nie als Abfallprodukt der Gesellschaft empfinden. Maasburg berichtet, dass sie jedem Menschen so begegnete, als habe sie einen König und gleichzeitig einen Bettler vor sich. „Sie hat die christliche Botschaft nicht gepredigt, sie hat sie gelebt.“ Anderen das Evangelium aufzudrängen stand nicht in ihrem Sinn. So sorgte Mutter Teresa dafür, dass jeder, der in eines ihrer Hospizhäuser aufgenommen wurde, nach dem jeweiligen Ritus seiner Religion bestattet wurde, der er angehörte, ganz gleich, ob er Christ, Muslim oder Hindu war. Dieser respektvolle Umgang war ausschlaggebend dafür, dass sich so viele Menschen nicht nur zu Mutter Teresa hingezogen fühlten – sondern auch zu jener Religion, die sie repräsentierte.

„Wir kommen von Christus und gehen zu Christus“ – diese Losung, an die Mutter Teresa ihre Schwestern immer wieder erinnerte, ist die Grundvoraussetzung jeder Mission. Gott begegnen – erst in der Anbetung des Allerheiligsten Sakraments, dann im Dienst an den Ärmsten der Armen. „Was ihr anderen getan habt, das habt ihr mir getan“, sagte Jesus seinen Jüngern und Mutter Teresa setzte dies auf radikale Weise um. Denn Mission ist nichts anderes als gelebte Nächstenliebe. Stück für Stück arbeitete sie die Werke der Barmherzigkeit ab. Sie wusste, dass es noch mehr Probleme zu bekämpfen gab als die materielle Armut. Vor allem der ungestillte Hunger vieler Menschen nach Liebe und die Tatsache, dass viele von ihnen Gott noch nicht kannten, trieb sie immer wieder an, ihren göttlichen Auftrag, ihre Berufung als „Engel der Armen“, zu erfüllen.

„Ich bin doch nicht Mutter Teresa!“

Zugegeben, nimmt man Mutter Teresa als Maßstab für gelingende Missionierung, liegt die Latte ziemlich hoch. Alles stehen und liegen lassen, sich eine Kutte überwerfen und dann ab nach Kalkutta? Nicht ohne Grund ist der Ausdruck „Ich bin doch nicht Mutter Teresa“ sprichwörtlich geworden für bis an die Grenzen gehende, das eigene Vermögen übersteigende Nächstenliebe. Doch Mission beginnt nicht erst vor der Haustür. Um den Armen zu helfen, muss man gar nicht so weit gehen. „Ihr braucht nicht nach Kalkutta zu kommen“, sagte sie, „sucht sie in eurer Familie!“ Ein wenig erinnert dies an die Aussage eines Vater, der einmal über die „Jugend von heute“ urteilte: „Da leben die Kinder jahrelang bei ihren Eltern, ohne im Haushalt auch nur einen Finger krümmen zu müssen. Dafür fahren sie dann später lieber für ein Jahr nach Australien, um auf einem Bauernhof bei wildfremden Menschen zu arbeiten.“ Jeder kann jederzeit Missionar sein. Ein offenes Ohr, eine ausgestreckte Hand, eine Umarmung kann oft mehr bewirken als ein minutenlanger ausgefuchster theologischer Vortrag. Ein Christ, der seinen Glauben authentisch lebt, hat mehr Überzeugungskraft als teure Hochglanz-Broschüren.

Mystische Erfahrungen und spektakuläre Ekstasen sind zwar ganz aufregend, aber eher selten. Ein Christ hat in der Regel schon genug damit zu tun, den kleinen Fallstricken des Alltags auszuweichen, die einen von Gott wegbringen wollen. Hier ein fieser Tratsch über einen Arbeitskollegen, an dem man sich gerne beteiligen würde. Dort eine Internetseite, die einen mit fragwürdigen Inhalten weiter in den Sumpf locken will. Der ständige Kampf mit sich selbst, das Hinfallen, das Aufgerichtet-Werden, der Neustart in dem Bewusstsein der unbedingten Liebe Gottes – das ist es, was den normalen christlichen Alltag ausmacht. Wenn man versucht, diesen Kampf anzunehmen und in sein Leben zu integrieren, ohne sich in die Richtung eines frömmlerischen Pharisäertums zu verrennen, hat man schon viel erreicht.

Denn trotz aller Verdorbenheit hat der Mensch den Sinn für das Wahre, Schöne und Gute nie verloren. Jeder hat einen Sensus für das, was echt ist. Deshalb sagt auch Augustinus: „Es muss in dir brennen, was du in anderen entzünden willst.“ Bei Mutter Teresa hat man dieses Feuer gespürt. Wie sonst ist es zu erklären, dass diese kleine, runzelige albanische Frau mit den Falten tief wie Mondkrater und den Augenringen beinahe so groß wie Untertassen so viele Menschen so tief berührt hat? Es war ihr Lächeln, das aus einer tiefen Quelle kam, die nicht von ihr selbst stammte. Obwohl sie jahrzehntelang mit einer inneren „Dunkelheit der Seele“ zu kämpfen hatte und verzweifelt um Gottesnähe rang, bildete das, was sie tat und das, was sie ausstrahlte, eine Einheit. Weil sie ihre Berufung gefunden hatte, war sie wie ein Rennfahrer, der endlich im richtigen Auto sitzt. Die Leute sehen den Fahrer auf der Rennstrecke und freuen sich, weil sie merken, dass alles zusammenpasst. Schließlich wünscht sich sogar der ein oder andere insgeheim, selbst einmal in diesem flotten Schlitten über die Straße zu heizen…

Glaube ist auch immer Gnade, erinnert Leo Maasburg, dessen Buch über Mutter Teresa in vielen Sprachen zum Bestseller wurde. Damit hängt es nicht vom Missionar alleine ab, ob der andere zu Gott findet oder nicht. Allerdings kann jeder Christ seinen missionarischen Auftrag erfüllen, indem er seinen Mitmenschen zeigt was passiert, wenn man Gott in sein Leben lässt. „Man muss den anderen seinen Glauben nicht einbläuen, man sollte ihn einfach leben.“ Damit ist die Saat schon gelegt. Den Rest jedoch macht jemand anderer. Dessen war sich auch Mutter Teresa bewusst, als ihr einmal ein deutscher Journalist vorwarf, sie wolle die Kranken nicht nur pflegen, sondern auch bekehren. „Ja, ich will bekehren“, erwiderte sie und fügte hinzu: „Doch die Liebe bekehrt, wen sie will.“