Die Gnostiker der Leibfeindlichkeit

Ein Gespräch mit dem Sozialethiker Manfred Spieker über die Ideologen des Gender-Mainstreaming. Von Guido Horst

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Eine anthropologische Revolution: Gender-Mainstreaming, womit nicht nur Ehe und Familie, sondern insgesamt die Geschöpflichkeit des Menschen in Frage stehen. Foto: Querdenken.tv
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Eine anthropologische Revolution: Gender-Mainstreaming, womit nicht nur Ehe und Familie, sondern insgesamt die Geschöpfl... Foto: Querdenken.tv
Wie konnte die Ideologie des Gender-Mainstreaming, die die sexuelle Identität der subjektiven Willensentscheidung des Einzelnen überlassen will, überhaupt entstehen – und wann ist das geschehen?

Dass die Dualität und Komplementarität der Geschlechter als eine Vorgabe des Schöpfers und der Natur des Menschen in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend in Frage gestellt und der subjektiven Selbstbestimmung unterworfen wurde, ist eine anthropologische Revolution, die in der Tat dem gesunden Menschenverstand widerspricht und die meines Erachtens schwerer wiegt als jede sozialistische Revolution der Eigentumsverhältnisse. Diese Entwicklung, für die der Begriff Gender-Mainstreaming steht, ist durch einige Ereignisse vorbereitet worden, für die sich auch Namen nennen lassen. Die Erfindung und weltweite Verbreitung der hormonalen Empfängnisverhütung durch Carl Djerassi Anfang der sechziger Jahre trennte die Sexualität von der Fortpflanzung. Die assistierte Reproduktion Ende der siebziger Jahre trennte dann die Fortpflanzung von der Sexualität. Das Kind ist nicht mehr die Frucht des gegenseitigen Sich-Schenkens und „Ein Fleisch-Werdens“ im Geschlechtsakt, sondern das Produkt des Reproduktionsmediziners, für den die Eltern die Ressourcenlieferanten sind. Diese Entwicklungen begünstigen ein Verständnis von Selbstbestimmung, das dem Menschen suggeriert, er könne sich selbst machen und auch sein eigenes Geschlecht wählen. Die Geschlechtlichkeit wird, wie bei Judith Butler und anderen feministischen Vertreterinnen des Gender-Mainstreaming, zum performativen Akt. Diese Entwicklungen begünstigen die Bereitschaft, der Urversuchung des Menschen nachzugeben, zu werden wie Gott.

Welche Möglichkeiten würden sich bieten, wenn man die Fortpflanzung dauerhaft von der Sexualität trennt – geht es da auch um Menschenzucht und eugenische Selektion?

Die Pioniere der assistierten Reproduktion und der Genetik wie Robert Edwards und James Watson haben nie einen Hehl daraus gemacht, dass es ihnen um die Optimierung des Menschen geht. Die Präimplantationsdiagnostik und der Praenatest bieten die Möglichkeit, Embryonen mit Krankheitsdispositionen oder Behinderungen vor der Implantation in die Gebärmutter weitgehend auszusortieren. Nicht ihre Entstehung wird verhindert, sondern ihre Geburt. Sie werden getötet. Eine ungetestete Schwangerschaft gilt dann als verantwortungslos. Die eugenische Mentalität wird nicht verheimlicht. Sie ist, wie Benedikt XVI. in seiner Sozialenzyklika „Caritas in Veritate“ 2009 schrieb, die eigentliche Gefahr der Menschheit, weil der Mensch den schonungslosen und zerstörerischen Umgang, den er mit der Natur im engeren Sinne, also mit Böden, Luft und Gewässern betrieb, und der heute allseits mit Recht beklagt wird, nun mit sich selbst betreibt. Dies zu erkennen, ist die Forderung einer „integralen Ökologie“, auf die die Päpste Johannes Paul II., Benedikt XVI. und Franziskus so großen Wert legten und legen. Eine müde Christenheit aber denkt beim Begriff Ökologie nach wie vor nur an Wasser, Luft und Erde. Das gilt leider auch für weite Teile der Theologie und der Sozialethik.

Welche Ziele verbinden die Beförderer des Gender-Maistreaming mit ihrer kulturellen Revolution?

Naive Förderer des Gender-Mainstreaming, die es auch in den Kirchen gibt, denken bei diesem Thema nur an die Gleichberechtigung der Geschlechter – ein absolut legitimes Ziel, das auch biblisch und verfassungsrechtlich begründet ist. Gleichberechtigung aber setzt gerade die Dualität der Geschlechter voraus, die im Gender-Mainstreaming in Frage gestellt wird. Weniger naive Förderer des Gender-Mainstreaming wollen, so hat es Uwe Sielert, einer der einflussreichsten Förderer, ausgedrückt, „Heterosexualität, Generativität und Kernfamilie entnaturalisieren“, weshalb die Sexualpädagogik der Vielfalt „Lust, Zärtlichkeit und Erotik als Energiequelle für Lebensmut und Wohlbefinden, auch unabhängig von Ehe und Liebe in allen Altersphasen“ vermitteln soll. Sielert und seine Schüler träumen immer noch von der Emanzipation der Sexualität. Es geht ihnen nicht nur um die Gleichstellung der Homosexualität mit der Heterosexualität, sondern um „Diversity“, um die Vielfalt der Geschlechter, die alle denselben Wert haben sollen. Das läuft auf die Zerstörung von Ehe und Familie hinaus. Die wichtigsten Förderer des Gender-Mainstreaming stellen aber nicht nur Ehe und Familie, sondern die Geschöpflichkeit des Menschen selbst in Frage. Sein Geschlecht ist nicht ein Sein, sondern ein Haben, ein Produkt des Gefühls und des Willens, das verändert, optimiert, vermietet und verkauft werden kann. Es soll eine unübersehbare Vielzahl von Geschlechtern geben. Genderisten sind vereint in der Ablehnung der natürlichen Geschlechtsvorgabe. Sie sind deshalb meines Erachtens eine leibfeindliche gnostische Sekte.

Wie kam es eigentlich, dass Gender nicht zuletzt in Deutschland so erfolgreich war, mit Professuren für Gender-Studies, Gleichstellungsbeauftragten in Verwaltungen und Firmen oder entsprechenden Lehrplänen?

Was politisch gerade Konjunktur hat, muss nicht in jedem Fall rational nachvollziehbar sein. Dass die Genderideologie einen derartigen Erfolg hat, liegt wohl daran, dass sie ihre Ziele mit dem Kampf gegen Diskriminierungen drapiert und dass sie die, die in diesem Kampf nicht mitmachen, als homophob, als krankhafte, therapiebedürftige oder gar kriminelle Menschenhasser denunziert. So kommt es nicht nur zu den rund zweihundert akademischen Stellen für Gender-Studies an deutschsprachigen Hochschulen, zu immer mehr Diversity-Beauftragten in Betrieben und Verwaltungen und zu immer mehr „gendersensiblen“ Lehrplänen für den Sexualkundeunterricht an staatlichen Schulen sogar in von der Union regierten Bundesländern, sondern zunehmend auch zu Gesetzen gegen Homophobie. Auch das Europaparlament und die EU-Kommission spielen hier eine unrühmliche Rolle. Kaum jemand wagt zu widersprechen, wenn neue Stellen für Gender-Studies und für Diversity-Beauftragte oder neue Lehrpläne für den Sexualkundeunterricht gefordert werden oder wenn das Bundesfamilienministerium seine finanzielle Unterstützung für Projekte davon abhängig macht, dass der Antragsteller Diversity-Erklärungen auf seiner Homepage platziert. Dass Widerspruch aber auch Erfolg haben kann, zeigen die am 15. Dezember 2016 in Kraft gesetzten neuen Richtlinien für die Familien- und Sexualerziehung an bayerischen Schulen, die nach dem Protest der Demo für Alle und bayerischer Eltern sowie konstruktiver Gespräche mit dem bayerischen Kultusministerium erheblich verbessert wurden. So verlangen sie beispielsweise nicht mehr „Akzeptanz“, sondern „Respekt“ vor verschiedenen sexuellen Orientierungen, wenngleich sie immer noch reichlich genderorientiert sind und weit hinter den Richtlinien von 2002 zurückbleiben.

Wie hat die katholische Kirche auf Gender-Mainstreaming reagiert?

Die katholische Kirche hat nie einen Zweifel daran gelassen, dass die Genderideologie ein Gift für glückende Beziehungen zwischen den Geschlechtern und für Ehe und Familie ist. Schon 2004 kritisierte der Päpstliche Rat für Gerechtigkeit und Frieden im Kompendium der Soziallehre der Kirche „Theorien, die die Geschlechtlichkeit lediglich als ein kulturelles und soziales Produkt der Interaktion zwischen Gemeinschaft und Individuum betrachten“. Die Päpste Benedikt XVI. und Franziskus haben sich wiederholt sehr kritisch zur Genderideologie geäußert und die Bischofssynode 2015 sowie das Apostolische Schreiben „Amoris laetitia“ in Ziffer 56 lassen keinen Zweifel, dass die Genderideologie die anthropologischen Grundlagen der Familie vergiftet. Ein beeindruckendes Dokument des ökumenischen Widerstandes gegen die Genderideologie ist die Salzburger Erklärung „Die heutige Bedrohung der menschlichen Geschöpflichkeit und ihre Überwindung“ vom September 2015.

Anders sieht die Lage aus, wenn nur die Kirche in Deutschland in den Blick genommen wird. Die Deutsche Bischofskonferenz ist hin- und hergerissen zwischen den päpstlichen und römischen Äußerungen und den Versuchen gendersensibler Theologinnen, die in verschiedenen Verbänden, Seelsorgereferaten und im Zentralkomitee der deutschen Katholiken versuchen, Gender katholisch zu definieren. Einige Bischöfe wie Voderholzer, Hanke, Oster, Hofmann, Renz und Algermissen haben zwar öffentlich die Genderideologie kritisiert, aber die meisten Bischöfe, die Deutsche Bischofskonferenz und ihr Vorsitzender schweigen weiterhin. Die im vielkritisierten Flyer der Bischofskonferenz „Gender – katholisch gelesen“ im Oktober 2015 angekündigte größere Publikation zum Thema „Gender“ lässt seit 15 Monaten auf sich warten. Höhepunkt der Anpassung an die Genderideologie und ihre Sexualpädagogik der Vielfalt war ein Papier des Caritasverbandes Berlin über die „Sexuelle Bildung in der Kita“ im Oktober 2016, das schon den dreijährigen Kindern beibringen wollte, zwischen dem sozialen Geschlecht und dem biologischen Geschlecht zu differenzieren und für die „gemeinsame Erforschung des Körpers (sogenannte ,Doktorspiele‘)“ bestimmte Regeln zu beachten. Auch hier zeigte der Protest von Eltern Erfolg. Nach wenigen Tagen musste das Papier zurückgezogen werden.

Können Sie ein bisschen spekulieren: Wie sähe denn die „schöne, neue Welt“ der Gender-Mainstreamer aus?

Vieles von dem, was Aldous Huxley 1932 in seinem Klassiker „Schöne neue Welt“ geschrieben hat, würde dann gar nicht mehr so fantastisch klingen: Die radikale Emanzipation der Sexualität würde einerseits zu einer Gesellschaft führen, die Sexualität als ein Konsumgut betrachtet, das, um noch einmal Uwe Sielert zu zitieren, Lust und Erotik als ehe- und altersunabhängige Energiequelle verheißt. Andererseits würde diese Emanzipation zu einer neurotischen Gesellschaft führen, in der Frustrationen überhand nehmen, weil die Menschen immer mehr spüren, dass Enthemmung und Verklemmung nahe beieinander liegen und Glück etwas anderes ist als Lust. Der totalitäre Staat, oder wie bei Huxley eine „Brut- und Normzentrale“, würde die Kriterien für die Optimierung der künstlich erzeugten Menschen definieren. Die unkontrollierte Zeugung im Geschlechtsakt sich liebender und gegenseitig schenkender Ehepartner würde, wie Huxley schrieb, als Relikt aus den „Zeiten roher Fortpflanzung“ in ein Reservat von Ureinwohnern in den Wilden Westen der Vereinigten Staaten verbannt. In der schönen neuen Welt würde aber wohl auch die Einsicht wachsen, dass die in der Theologie des Leibes verdichtete Sexualethik der katholischen Kirche doch nicht so verklemmt ist, wie gern behauptet wird. Die Enzykliken der Päpste Paul VI., Johannes Paul II., Benedikt XVI. und Franziskus zum Thema Liebe und Sexualität würden neu gelesen, besser verstanden und gerechter beurteilt werden.