Die Armen von Papst Franziskus

Die päpstliche Vision einer „armen Kirche für die Armen“ empfängt ihre Kraft aus dem Glauben an die Barmherzigkeit Gottes. Von Leo Maasburg

Für Mutter Teresa war der physische Kontakt ein ganz wesentlicher Schritt, um die Armen kennenzulernen. Franziskus beruft sich auf sie und tut es ihr gleich. Foto: dpa
Für Mutter Teresa war der physische Kontakt ein ganz wesentlicher Schritt, um die Armen kennenzulernen. Franziskus beruf... Foto: dpa

Wenn Papst Franziskus, das Oberhaupt der Kirche, der dynamische Kommunikator, der Magnet der Massen, der Jesuit sagt: „Ich wünsche mir eine arme Kirche für die Armen“, so dürfte unsere erste Reaktion die Frage sein: „Was heißt das?“ Und eine aufkommende Nachdenklichkeit sollte nicht überraschen. In den Kirchen mit Kirchensteuer oder Kirchenbeitrag mag sich die Reaktion auch als ein leichter Schock gezeigt haben. Nicht so in den armen Missionsdiözesen der Welt, die immerhin etwa ein Drittel der Kirche umfassen. Wer aber sind „die Armen“ für den Papst? Und was kann er mit einer „armen Kirche“ meinen?

Wenn heute über die Armut oder die Armen gesprochen wird, dann tauchen sehr unterschiedliche Vorstellungen auf: hungernde Kinder in Afrika, schreckliche Wohnbedingungen in ärmlichen Randgebieten großer Städte, Lepra- und Aidskranke. Aber auch politische Verteilungsparolen in westlichen Wohlstandsländern sprechen von Armut, wenn etwa von Mindestgehältern für arme Schichten der Bevölkerung die Rede ist. Mindestgehälter, deren Höhe für Milliarden von Menschen – ein Sechstel der Weltbevölkerung lebt unter der absoluten Armutsgrenze von einem US-Dollar am Tag – unvorstellbar sind.

„Arm“ ist schließlich in der Liste der Reichsten der Welt auch ein Mark Zuckerberg, der Gründer von Facebook, im Vergleich zu Bill Gates, weil dieser auf einem um etliche Milliarden höheren Dollarberg sitzt. Armut hat also im heutigen Sprachgebrauch seine klaren Konturen verloren.

Wer sind die Armen, von denen Jesus spricht, wenn er sagt: „Die Armen werdet ihr immer bei euch haben“? (Joh 12,1) Eine klare Antwort auf diese Frage ist wichtig, ja vielleicht entscheidend für unsere ewige Bestimmung. Man hört förmlich das Schlagen des väterlichen Herzens, und man ahnt, was für Gott entscheidend ist, wenn Jesus sagt: „Wenn jemand Vermögen hat und sein Herz vor dem Bruder verschließt, den er in Not sieht, wie kann die Gottesliebe in ihm bleiben?“ (1 Joh 3,17). Hier geht es nicht um eine Nebenfrage. Hier entscheidet sich, ob Gottes Liebe in einem Herzen Raum findet oder ob sie ausgeschlossen bleibt. Es ist also wirklich entscheidend, richtig zu verstehen, wer diese „Armen“ sind, die Gott so in sein Herz geschlossen hat, dass, wer sie (nicht) aufnimmt, auch im Herzen Gottes (keinen) Platz finden kann.

Die Stelle im Evangelium, die den Ernst dieser Frage widerspiegelt, ist keine geringere als die Erzählung Jesu über das Jüngste Gericht (Mt 25,31–46). Dort wird die Armut aus jeder oberflächlichen Betrachtung in die konkrete Lebenswirklichkeit gebracht: Ich war durstig, ich war hungrig, ich war fremd und obdachlos, ich war nackt, krank und gefangen (Mt 25,31). Hier geht es nicht um ein Mindestgehalt oder eine relative Armut, sondern um den Zustand von Menschen, die in ihrem Wert als Menschen, ja in der Voraussetzung für eine solche zu verletzt sind, um ihre Würde als Menschen und Kinder Gottes leben können.

Papst Franziskus ruft die Ikone der Armen, die Selige Mutter Teresa von Kalkutta, zusammen mit Franziskus von Assisi als Zeugin dafür an (EG 183), dass die Lehre der Kirche zur sozialen Frage eine konkrete Anwendung hat (EG 182). Mutter Teresa verdeutlichte die Worte Jesu zum Jüngsten Gericht mit ihrer weltweiten Erfahrung der verschiedensten Formen des Elends in einer Weise, die in ihrer Schärfe an eine Scheidung von Seele und Geist erinnert: „Hunger ist nicht nur der Hunger nach Brot, sondern der Hunger nach Liebe. Durst ist nicht nur nach Wasser. Durst ist die Sehnsucht nach Frieden, Bildung, Wahrheit, Gerechtigkeit, die Sehnsucht nach einem Ende der Gewalt und dem Löschen des Brandes des Krieges.“

Weiter sagt Mutter Teresa: „Fremd und obdachlos sind wir nicht nur, wenn wir kein Haus aus Ziegeln haben, sondern wenn uns ein Menschenherz fehlt, das uns versteht, das uns birgt, das uns liebt. Obdachlos zu sein heißt ausgegrenzt, nutzlos, ungeliebt zu sein – ein Abfall der Gesellschaft. Nackt sind wir nicht nur ohne ein Kleidungsstück, nackt sind wir ohne Würde als Menschen, ohne Respekt durch die anderen, unerwünscht als ungeborene Kinder oder rassisch diskriminiert.“

Mutter Teresa nennt die „krank und mittellos Sterbenden“ und sagt: „Gefangen ist nicht nur unser Körper, sondern auch unser Verstand und unsere Seele.“ Krank und gefangen waren in Mutter Teresas Augen auch „all jene, die Hoffnung und Glauben verloren haben, die Alkohol- und Drogenabhängigen, aber auch jene, die Gott verloren haben, jene, für die Gott war und Gott nicht ist“.

Diese und ähnliche Bilder, so glaube ich, stehen Papst Franziskus vor Augen, wenn er von den Armen spricht, für die da zu sein er von der Kirche verlangt. Aber er will diese Aufgabe nicht einer wohlhabenden Kirche verästelter Strukturen und einem Heer abgesicherter Bürokraten übertragen. Vielmehr schwebt ihm eine „arme Kirche für die Armen“ vor.

Ein weiterer Blick auf die zwei Zeugen, die der Papst in diesem Zusammenhang anführt, und die für viele Heilige stehen, die das kirchliche Wirken auf sozialer Ebene getragen haben, zeigt, dass ihnen allen eines gemeinsam ist: eine radikal gelebte Armut. Was haben diese Heiligen dem folgenden sich aufdrängenden Einwand entgegenzuhalten: Kann denn eine mittellose und arme Kirche den Armen überhaupt aus ihrem Elend heraushelfen, wenn es nicht einmal den reichen westlichen Industriestaaten oder den Vereinten Nationen gelingt, die Zahl der weltweit vegetierenden Armen in den Griff zu bekommen?

Die über Jahrhunderte anhaltenden Früchte ihrer Arbeit zeigen den Weg, denn alle materiellen, strukturellen und pädagogischen Hilfen, die eine Gesellschaft den Armen geben kann, bleiben doch immer nur ein Überbau von fraglicher Dauer, den korrodierenden und korrumpierenden Tendenzen des Herzens der Menschen ausgesetzt. Papst Franziskus möchte mit seiner „armen Kirche“ den Weg dieser Heiligen fortsetzen.

Als Mutter Teresa 1986 den Mächtigen der Sowjetunion anbot, ihre Schwestern in den Dienst der Ärmsten in Moskau zu stellen, wurde ihr entgegengehalten, dass es im „Paradies der Arbeiter“ keine Armen gebe und der Staat hier für alles Sorge trage. Sie wolle nur geben, was der Staat seinen Ärmsten nicht geben kann, meinte die kleine Ordensfrau. Auf die Frage, was sie und nicht der mächtige Sowjetstaat zu geben habe, sagte sie einfach: „Zärtliche Liebe und Fürsorge für die Ärmsten.“

Wie sieht eine Kirche aus, die „zärtliche Liebe und Fürsorge“ geben kann? Nur das geistige Auge wird ihr Wesen erkennen, denn sie empfängt ihre Kraft aus dem Glauben an die Barmherzigkeit Gottes. Hier wird auch die Grenze des Verständnisses sichtbar, mit dem Papst Franziskus in der Medien-Öffentlichkeit wohl rechnen muss: „Der irdisch gesinnte Mensch kann nicht erkennen, was vom Geist Gottes kommt. Torheit ist es für ihn, und er kann es nicht verstehen, weil es nur mit Hilfe des Geistes beurteilt werden kann“ (1 Kor 2,14).

Mit dem Blick auf Menschen und ihren Umgang mit den Armen meinte Mutter Teresa: „Viele schauen, aber sie sehen nicht.“ Sie sehen nur den Sozialfall, den Leprakranken, den Drogenabhängigen – aber nicht ihn, die Person, den Bruder, die Schwester, das Kind Gottes. Sie sehen nicht, wie sehr sich Christus mit diesen Armen identifiziert: „ICH war hungrig..., ICH war durstig… Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr MIR getan“ (Mt 25,35–40).

Im Verständnis des Glaubens geht es dabei nicht um eine anonyme Masse von materiell unversorgten Menschen, noch um besonders tragische oder emotionale „Fälle“, sondern im Kern geht es um eine Beziehung. Um eine persönliche Beziehung mit Christus, dem Sohn Gottes, der den Armen und Elenden bis hin zur Identifizierung mit ihnen ähnlich wird. Der Sohn Gottes wird eins mit den Armen, den Ausgegrenzten und Verfolgten, weil alle geliebte Kinder Gottes sind.

Mutter Teresa hat in ihrem Tun nur gelebt, was ihr ihre Beziehung zu Christus gezeigt und abverlangt, geschenkt und genommen hat. Ihr Tun hat sich nicht im Auf- oder Abbauen von Strukturen, Niederlassungen oder Sterbehäusern, aus Speisungsstätten oder Kinderheimen gezeigt. Das Motiv und die Kraftquelle ihres Wirkens kann man nicht verstehen, wenn man nur ihre sozial-karitativen Einrichtungen und Leistungen betrachtet. Wir erkennen sie nur in ihrer engen Beziehung zu Christus, in ihrer Sehnsucht und Liebe nach ihrem auferstandenen Herrn. Umgekehrt werden wir auch Christus nur erkennen, wer Er wirklich ist, wenn uns Seine Sehnsucht nach einer liebenden Beziehung zu jedem seiner Geschöpfe, zu jedem seiner Brüder und Schwestern aufleuchtet.

Nachdenklich habe ich mir überlegt, wie wohl dieser Wunsch des Papstes nach einer „armen Kirche für die Armen“ zu der Feststellung einer Mutter Teresa steht, die nicht müde wurde, ihren Schwestern zu erklären: „Wir müssen selbst arm sein, wenn wir die Armen verstehen wollen, denn nur wenn wir die Armen kennen, können wir sie wirklich begreifen und lieben. Dazu ist es vielleicht besser, nicht zu viel über die Armen, als vielmehr zu ihnen sprechen.“ Sie hat Besucher, ja Zuschauer an Straßenrändern regelmäßig eingeladen, doch selbst mit Hand anzulegen, wenn es darum ging, einen Behinderten oder Sterbenden zu transportieren, zu pflegen oder zu versorgen. Der physische Kontakt war für sie ein ganz wesentlicher Schritt, um die Armen kennenzulernen – hands on! Auf Lob ihrer Werke, wie auch auf neugierige oder interessierte Fragen über ihr Tun folgte mit Sicherheit die Einladung: „Come and see! – Komm und schau selbst“ (Joh 1,39).

Ist das der Weg zu einer armen Kirche für die Armen? Dass wir, jeder Gläubige für sich, beginnen, die Armen in unseren Familien, Pfarreien und Gemeinden nicht auszublenden und sie nicht in das Dunkel des Nicht-Bemerkens oder in die Anonymität einer Statistik zu schieben, sondern sie bewusst aufzusuchen und anzusprechen? Vielleicht gelingt es uns, den einen oder anderen mit einem zärtlichen Wort, einem Lächeln oder einer aufmerksamen Geste zu berühren und dadurch IHM näherzukommen. „Kleine Dinge, aber mit großer Liebe zu tun“, so forderte Mutter Teresa. Wenn wir die Chance ergreifen, zu entdecken, wie schwer es uns fällt, mehr als nur „etwas“ zu geben, wenn wir entdecken, wie wichtig uns unsere Zeit, unser Geld, unsere Art Dinge zu tun ist, dann kann uns diese Begegnung die Liebe Gottes in der Dankbarkeit der Menschen und in der Freude unseres Herzens zeigen. Wenn wir dabei vielleicht unsere eigene Hilflosigkeit entdecken, sind wir nicht mehr weit davon entfernt, unsere eigene Armut zu lieben, denn sie zieht die Kraft der göttlichen Zärtlichkeit auf uns herab und fügt uns ein in eine „arme Kirche für die Armen“.

Monsignore Leo Maasburg begleitete Mutter Teresa mehrere Jahre als Seelsorger und Sonderbeauftragter auf vielen ihrer Reisen. Heute ist er Nationaldirektor der Päpstlichen Missionswerke (Missio) in Österreich.