Der Wille zum Miteinander der Völker immunisierte gegen Rassenwahn

Der Fugu-Plan: Heinz Eberhard Maul über die Judenpolitik Japans zwischen 1933 und 1945

Die jüdische Diaspora ersteckte sich nicht bis Japan. Auf den japanischen Inseln siedelten bis zur Öffnung des Kaiserreiches nur wenige Juden; seit der Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden im Zuge der Ausweitung internationaler Handelsbeziehungen kleine jüdische Gemeinden in Yokohama, Nagasaki, Tokio und Kobe. Doch erst mit der japanischen Expansion auf das russisch-chinesische Festland seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts begannen Japaner sich intensiver mit Juden und Judentum zu beschäftigen.

Bezeichnenderweise etablierten sich vor allem führende japanische Militärs als „Judenexperten“. Deren mühsam erworbenes „Expertenwissen“ stellte allerdings kaum mehr dar als ein krauses Konglomerat aus Versatzstücken europäischer Literatur, antisemitischer Pamphlete und militärisch-hegemonialstrategischer Zwecküberlegungen. Juden strömten auf der Flucht vor der russischen Revolution in das nordchinesisch-russische Grenzgebiet; aber auch gegenrevolutionäre, „weiße“ russische Armeen sammelten sich in Nordchina. In deren Gefolge erreichte antisemitische Propaganda Japan. 1924 erschien die erste japanische Übersetzung der „Protokolle der Weisen von Zion“; aber auch andere antisemitische Hetzschriften, etwa Henry Fords „Der internationale Jude“ und auch bereits Adolf Hitlers „Mein Kampf“ fanden in Japan und den japanisch dominierten Gebieten des Festlandes bereits in den 1920er Jahren Verbreitung.

Panasiatische Träume

Trotz dieser judenfeindlichen Einflüsse blieb die Haltung der meisten Japaner den Juden gegenüber eher indifferent, mit Tendenz zu pragmatischer Aufgeschlossenheit mehr denn zu Ablehnung; der Antisemitismus konnte in Japan nicht wirklich Fuß fassen. Dies hing sehr wesentlich – wie Heinz Eberhard Mauls Buch zeigt – mit dem für japanisches Welt- und Menschenverständnis kennzeichnenden Rassendenken zusammen, das zwar von einer Superiorität der eigenen, der Yamato-Rasse ausging, jedoch nicht von einem andauernden Überlebenskampf mit rivalisierenden Rassen, sondern von einer unter dem „Dach Japans“ zu realisierenden „universellen Brüderlichkeit“ aller asiatischen Rassen in einer großasiatischen Wohlstandssphäre. Japanisches Rassendenken zielte damit auf einen Zustand der Harmonie ab und nicht, wie die Ideologie des Nationalsozialismus, auf Auslese und Vernichtung. Allein aus diesem Grund empfanden viele Japaner den eliminatorischen nationalsozialistischen Rassenantisemitismus als Barbarei.

Daneben bestimmte Pragmatik die Pläne der japanischen „Judenexperten“. Die japanische Expansion der 1930er Jahre, die Gründung eines Vasallenstaates in der Mandschurei (Mandchukuo) und die Besetzung des südöstlichen China brachte einige zehntausend Juden direkt oder indirekt unter japanische Herrschaft. Warum, so dachten die „Judenexperten“, sollte dieser Teil der Bevölkerung, dem intensive Beziehungen zu US-amerikanischen Finanzkreisen nachgesagt wurden, nicht gewinnbringend dazu eingesetzt werden können, die panasiatischen Träume Japans zu verwirklichen? „Jüdisches Kapital“ und „internationale jüdische Netzwerke“ sollten dazu beitragen, die Wirtschaftsmacht und damit die politische Stärke Japans auf dem asiatischen Kontinent zu heben. In einer spezifischen Mischung aus fragmentiertem Wissen über die Realitäten jüdischen Lebens und ausgeprägter Naivität gingen die „Judenexperten“ sogar so weit, eine großangelegte Neuansiedelung von Juden in der Mandschurei und in China anzuregen, den Aufbau eines jüdischen Staates in Asien unter japanischer Hegemonie zu propagieren, mit dem Ziel, die wirtschaftspolitischen Verbindungen zu den Vereinigten Staaten zu verbessern. Der Kerngedanke dieses sogenannten „Fugu-Plans“ lag darin, den „giftigen Kugelfisch“ (jap. Fugu) „Juden“ so zu präparieren, dass am Ende ein für Japan genießbares, ja gar wohlschmeckendes, sprich: vorteilhaftes Produkt dabei herauskäme.

Die sukzessive Annäherung des expansiven, nationalistischen Militärstaates Japan an das nationalsozialistische Deutschland brachte den Fugu-Plan zu Fall. Seit November 1936 verband der ideologische, gegen die kommunistische Sowjetunion gerichtete Antikominternpakt die beiden Mächte; seit dem Beitritt zum „Dreimächtepakt“ im September 1940 war Japan Partner der faschistischen „Achse“ Berlin-Rom. Verstärkte Offenheit für die NS-Ideologie ließ alle Ansiedelungspläne in den Hintergrund treten; die „Judenexperten“ verloren an Einfluss. Gleichwohl beschränkte sich rassenantisemitischer Fanatismus auch jetzt auf Einzelne, wie den General Shioden, dessen nationalsozialistisch infizierter Polemik besonnenere politische Denker, wie Koyama Takeo, mit dem Hinweis auf die Unvereinbarkeit dieses Antisemitismus mit dem japanischen Grundverständnis der universellen Brüderlichkeit aller Völker entgegentraten.

Seit dem Beginn der Ausweisungspolitik im nationalsozialistisch besetzten Österreich und schließlich in Deutschland selbst (Frühjahr/Herbst 1938), spätestens aber seit dem Beginn des europäischen Krieges durch den Überfall Hitlers auf Polen änderte sich die „judenpolitische“ Situation Japans grundlegend. Japan rückte in den Rang eines Ziellandes vor allem für polnische jüdische Flüchtlinge, die entweder auf einer strapaziösen Landreise quer durch Russland über Wladiwostok die japanische Hafenstadt Kobe erreichten oder – auf dem Land- wie Seeweg – das japanisch besetzte Shanghai ansteuerten. 17 000 bis 18 000 Juden flohen bis Dezember 1941 allein nach Shanghai.

Belastet durch die eigene Kriegssituation – seit Juli 1937 lag Japan im Krieg mit China, seit Dezember 1941 mit den USA – versuchte Japan, den Flüchtlingsstrom zu steuern und zu begrenzen. Visa sollten von den Konsulaten und diplomatischen Vertretungen, wenn überhaupt, lediglich als Transitvisa, nicht als Einreisevisa mit dem Ziel dauernden Aufenthalts ausgegeben werden. Den japanischen Generalkonsul im litauischen Kaunas, Sugihara Chiune, beeindruckte diese Begrenzungspolitik nicht. In Absprache mit den Niederländern stellte er unbeirrt und so lange wie möglich japanische Transitvisa mit Zielort Curaçao – der Pazifikinsel unter niederländischer Kolonialverwaltung – aus, wohl wissend, dass an eine Weiterreise vorerst nicht zu denken war, nachdem die Flüchtlinge Japan erst einmal betreten hatten. Auf diese Weise rettete der „japanische Oskar Schindler“ mehr als 2 000 Juden das Leben.

Freiheit durch Kapitulation

Des ungeachtet verschlechterten sich die Lebensbedingungen für die Juden in Japan und in den von Japan besetzten Gebieten Chinas während des Krieges. Die jüdische Gemeinde in Kobe wurde nach Shanghai evakuiert, und in Shanghai selbst mussten alteingesessene Juden wie neuankommende Flüchtlinge in einen abgegrenzten Stadtteil ziehen; freilich: dieses „Ghetto“ von Shanghai war weit von den katastrophalen Zuständen in den europäischen Ghettos entfernt. Allerdings versuchte der nationalsozialistische Apparat auch in Japan Fuß zu fassen. Mit der Ankunft des SS-Standartenführers Josef Albert Meisinger als Polizeiverbindungsoffizier der SS und der Gestapo an der deutschen Botschaft in Tokio stieg auch für die Juden in Japan die Gefahr. Aus den Quellen lässt sich zwar, wie Maul darlegt, nicht mit letzter Sicherheit, aber doch mit hinlänglicher Plausibilität nachweisen, dass der als „Schlächter von Warschau“ berüchtigte Meisinger daran arbeitete, die Juden Shanghais deportieren und ermorden zu lassen. Nicht zuletzt durch die fehlende Unterstützungsbereitschaft der japanischen Militärbehörden konnte dieser Plan vereitelt werden. Die japanische Kapitulation im August 1945 brachte den Juden Shanghais die Freiheit.

Heinz Eberhard Maul schreibt die einer größeren Öffentlichkeit wenig bekannte Geschichte der japanischen Judenpolitik zwischen 1933 und 1945 quellengestützt und auf der Basis breiter eigener Erfahrungen mit japanischen Denk- und Handlungsweisen. Leider fehlt seinem Buch jeglicher wissenschaftliche Apparat. Ein abschließender Essay über „Japan und die Juden in der Literatur“ kann diesen Mangel nicht beheben. Das von Maul offensichtlich herangezogene umfangreiche japanische Quellenmaterial bleibt unbezeichnet, Zitatnachweise fehlen. Darunter leidet der wissenschaftliche Wert des Buches, der ja gerade in der Erschließung der japanischen Quellen liegen soll und liegen müsste. Der Geschichtswissenschaft hat Maul also noch Arbeit auf diesem Themenfeld übriggelassen. Zu erster gründlicher Information eignet sich sein Buch jedoch vortrefflich.

Japan blieb, so lautet das Fazit des Autors, den Juden gegenüber pragmatisch-distanziert eingestellt, mit einem Rest an Fremdheit diesem ihm rätselhaften Volk gegenüber. Ihre eigene Philosophie vom Miteinander der Völker (zum Besten Japans!) immunisierte die Japaner gegen den mörderischen Rassenwahn der Nationalsozialisten, hielt sie davon ab, den Genozid zu unterstützen. Das Handeln einiger Mutiger, wie des Konsuls Sugihara, trug sogar dazu bei, tausende europäischer Juden vor der Vernichtung zu bewahren.