Der Priester ist ein Freund der Armen

„Umarmung werden“: Die Spiritualität der Gemeinschaft Sant'Egidio. Von Matthias Leineweber

Papst Franziskus lebt vor, was es heißt, ein Freund der Armen zu sein. Foto: dpa
Papst Franziskus lebt vor, was es heißt, ein Freund der Armen zu sein. Foto: dpa

Papst Franziskus hat seit Beginn seines Pontifikats nicht nur die Aufmerksamkeit der Kirche, sondern auch aller Menschen auf das Thema der Armen gelenkt. Er greift gewissermaßen den Traum des Hl. Johannes XXIII. auf, den er 1962 am Beginn des Zweiten Vatikanischen Konzils äußerte: „Die Kirche stellt sich dar, wie sie ist und sein möchte, als Kirche aller und vor allem der Armen“. Von Anfang an hat die Gemeinschaft Sant'Egidio seit ihrer Gründung 1968 diesen Traum durch eine besondere Verbundenheit mit den Armen gelebt, die nicht Betreute sind, sondern gleichberechtigte Mitglieder der christlichen Gemeinschaft. Als Papst Franziskus am 15. Juni 2014 Sant'Egidio besuchte, brachte er dies sehr schön zum Ausdruck: „Dass man bei euch diejenigen, die helfen, und die, denen geholfen wird, verwechseln kann. Eine Aufmerksamkeit, die langsam aufhört, Aufmerksamkeit zu sein, um Begegnung, Umarmung zu werden: Der Unterschied zwischen dem, der hilft, und dem, dem geholfen wird, verwischt sich. Wer ist der Protagonist? Beide, oder besser gesagt: die Umarmung.“ Die Umarmung bringt eine Freundschaft zum Ausdruck, bei der beide bereichert werden, und zeigt sozusagen in einem schönen Bild, was die christliche Gemeinschaft leben möchte.

Es ist selbstverständlich, dass dieser Wesenszug im Leben der Gemeinschaft Sant'Egidio in besonderer Weise auch die Priester und Priesteramtskandidaten prägen muss. Deshalb gehört eine regelmäßige und treue Beteiligung im Dienst an den Armen zum festen Bestandteil der Priesterausbildung und steht gleichberechtigt neben den theologischen Studien. Für Sant'Egidio ist die pastorale Kompetenz des priesterlichen Dienstes unbedingt mit einer festen Beziehung zu den armen Schwestern und Brüdern verbunden, seien sie Flüchtlinge, einsame alte Menschen, Obdachlose, Kinder aus sozial schwierigen Familien, Kranke oder Menschen mit Behinderung.

In Mt 25 werden beispielhaft verschiedene Gruppen von Armen aufgezählt, mit denen sich Jesus identifiziert. Der orthodoxe Theologe Olivier Clément hat sogar vom Sakrament des Armen gesprochen. Als angehender Priester ist es daher von besonderer Bedeutung, die Verbundenheit von liturgischem und diakonischem Dienst als zentralen Aspekt seines Dienstes kennenzulernen, da beides sakramentale Funktion besitzt und für einen Priester eine vorrangige Aufgabe darstellt. In seinem Buch „Die christliche Brüderlichkeit“ betont Joseph Ratzinger in den 70er Jahren die universale Botschaft von Matthäus 25.

Die Armen sind sozusagen Lehrmeister für den Dienst am Menschen. In ähnlicher Weise bringt der Kirchenvater Johannes Chrysostomus die Verbundenheit von Spiritualität und Begegnung mit den Armen in Verbindung und betont die theologische Gleichheit der beiden Dienste: „Ehre nicht Christus hier mit seidenen Gewändern, während du dich draußen auf der Straße nicht um ihn kümmerst, wo er vor Kälte und Blöße zugrunde geht. Gott braucht keine goldenen Kelche, sondern goldene Menschen“ (In Matthaeum hom. 50,3).

Diese theologischen Grundlagen verdeutlichen den hohen Stellenwert der Begegnung mit den Armen in der Priesterausbildung. Es geht um mehr als um eine diakonische Methode oder um eine caritative Haltung des Priesters. Im Grunde genommen ist für den Priester die Beziehung zu den Armen ein Wesenszug, weil sie auch ein Wesenszug des Christen allgemein ist. In dieser Hinsicht ist das Amtspriestertum aufgerufen, vorbildhaft zu leben, was grundlegender Bestandteil des allgemeinen Priestertums der Gläubigen ist. Papst Franziskus möchte in Evangelii gaudium diesen Aspekt im Leben der Kirche hervorheben, wenn er sagt: „Für die Kirche ist die Option für die Armen in erster Linie eine theologische Kategorie und erst an zweiter Stelle eine kulturelle, soziologische, politische oder philosophische Frage. Gott gewährt ihnen ,seine erste Barmherzigkeit‘. Diese göttliche Vorliebe hat Konsequenzen im Glaubensleben aller Christen, die ja dazu berufen sind, so gesinnt zu sein wie Jesus (vgl. Phil 2,5). Von ihr inspiriert, hat die Kirche eine Option für die Armen gefällt“ (Nr. 198).

In der Priesterausbildung geht es darum, diese von der Kirche gefällte Option für die Armen nachzuvollziehen, um sozusagen den Dienst in der Kirche angemessen vollziehen zu können, auf den sich der Kandidat vorbereitet. Die Kompetenz zu einem solchen Handeln kann im Grunde genommen nur durch ein ebensolches Handeln erworben werden, weil es nicht nur um eine theoretische Fertigkeit geht, sondern um eine existenzielle Haltung.

Wer sich in der Gemeinschaft Sant'Egidio auf das Priesteramt vorbereitet, ist daher mit anderen Gläubigen regelmäßig in einem der Dienste tätig. Dieser Dienst ist nicht nur eine soziale Tätigkeit, weil das Bedürfnis der Armen nicht nur körperlich ist, sondern ebenso auch seelisch und spirituell. Papst Franziskus weist besonders auf diesen Aspekt hin: „Die riesige Mehrheit der Armen ist besonders offen für den Glauben; sie brauchen Gott, und wir dürfen es nicht unterlassen, ihnen seine Freundschaft, seinen Segen, sein Wort, die Feier der Sakramente anzubieten und ihnen einen Weg des Wachstums und der Reifung im Glauben aufzuzeigen. Die bevorzugte Option für die Armen muss sich hauptsächlich in einer außerordentlichen und vorrangigen religiösen Zuwendung zeigen“ (EG 200). Beispielhaft wird dieses Bedürfnis bei alten Menschen deutlich. Daher bildet die Gemeinschaft Sant'Egidio mit ihnen Gemeinschaften, sei es in Stadtvierteln oder Heimen, denn häufig gelingt es ihnen nicht mehr, am Leben der Kirche teilzunehmen, wenn sie krank und gebrechlich werden. Viele Priesteramtskandidaten gehen regelmäßig in ein Altenheim, besuchen alte Menschen, führen Gespräche und begleiten sie in Krankheit und im Sterben. Das gemeinsame Gebet und der Gottesdienstbesuch sind dabei von besonderer Bedeutung. Oft kann man die große Kraft des Gebets der alten Menschen erleben, das ihnen nicht nur eine Aufgabe und einen Sinn in der Schwäche vermittelt, sondern wirklich einen tiefen Glauben zum Ausdruck bringt, wenn sie für den Frieden, für die Armen, für die Flüchtlinge beten. So vermitteln sie den jungen Freunden die vorrangige Bedeutung des Gebets im Leben des Christen, das immer sein erstes Werk bleibt.

Zudem machen die Mitglieder eine weitere wichtige Erfahrung, dass sie nämlich nicht nur Gebende sind, sondern auch oder in noch größerem Maße Empfangende. Denn die Armen sind auch die Lehrmeister der Christen, sie sind Träger der Verkündigung des Evangeliums und daher eine wesentliche Hilfe, um die Tiefe des christlichen Glaubens mehr erfassen zu können. Die Freundschaft mit den Armen ist für die Priesteramtskandidaten wie für jeden Christen daher weniger eine Pflicht, sondern eine große Chance und eine Schule des Glaubens.

Der Autor ist Kirchlicher Assistent der Gemeinschaft Sant'Egidio