Der „Papst der Freiheit“ wider die Expansion der „Kultur des Todes“

Die „conditio humana“ Teil II: Mit „Evangelium vitae“ legte der selige Johannes Paul II. die „Magna Charta“ des Lebensschutzes vor. Von Stefan Meetschen

War weltweit unterwegs im Auftrag des Herrn: Papst Johannes Paul II. Foto: Reuters
War weltweit unterwegs im Auftrag des Herrn: Papst Johannes Paul II. Foto: Reuters

Mit der Kultur hatte er es von Anfang an. Schon als Schüler des Gymnasiums in Wadowice, als er mit Begeisterung die Dramen und Gedichte William Shakespeares, Stanis³aw Wyspiañskis, Adam Mickiewiczs und anderer bedeutender Schriftsteller las. Als Philologie-Student an der Jagiellonen-Universität in Krakau, als Schauspieler eines experimentellen Theaters. Und auch als Papst war Karol Wojty³a, wie der amerikanische Papstbiograf George Weigel in seinem Buch „Witness of Hope“ (dt.: „Zeuge der Hoffnung“) schreibt, tief davon überzeugt, dass es die Kultur ist, welche das Leben der Menschen beeinflusst. Stärker noch als die Politik.

So verwundert es nicht, dass ausgerechnet dieser Papst, dessen Pontifikat zu den längsten der Kirchengeschichte zählt, einen Hauptakzent seines insgesamt so vielfältigen Wirkens auf die Kultur legte. Wusste der Mann, der früh seine Eltern verloren und zwei Diktaturen, die des Nationalsozialismus und die des Kommunismus, hautnah erlebt hatte, doch auch, dass der Begriff Kultur an sich – trotz des vielfach damit konnotierten Anspruchs und Niveaus – noch nichts über die Qualität einer Kultur aussagt. Kultur als Bündel von Ritualen, Bräuchen und Alltagspraktiken, als Rahmen und Basis von kreativen Erzeugnissen und Lebensstilen ist nicht per se gut. Auf den Inhalt kommt es an. Das zugrundeliegende Wert- und Glaubensfundament. Die Ausrichtung auf Gott. Fehlt diese, droht die Gefahr der Aushöhlung, der Degeneration, des Missbrauchs von Kultur durch zerstörerische Ideologien. Dann kann aus der Kultur sogar ein Medium für Anti-Werte werden, eine „Kultur des Todes“, wie es der Papst immer wieder, etwa bei der Botschaft zum Weltfriedenstag am 1. Januar 2001, in unnachahmlicher Deutlichkeit und Schärfe auf den Punkt brachte: „Eine Kultur, die es ablehnt, auf Gott Bezug zu nehmen, verliert ihre Seele, findet sich nicht mehr zurecht und wird zu einer Kultur des Todes.“

Was er damit im Detail meinte, hatte der polnische Papst und kundige Philosoph bereits im Jahre 1995 in der Enzyklika „Evangelium vitae“ (Evangelium des Lebens) ausgedrückt, die vom Wert und der Unantastbarkeit des menschlichen Lebens handelt, und bis heute als eine Art „Magna Charta“ des Lebensschutzes gilt. Ein großes Werk, ein großer Wurf, in dem der Papst in Kontinuität zum Zweiten Vatikanischen Konzil, das er durch seine Anmerkungen als junger Bischof entscheidend mitgeprägt hatte, die aktuellen Bedrohungen des Menschen beim Namen nannte: Mord, Völkermord, Abtreibung, Euthanasie und Selbstmord. Ferner: Verstümmelung, körperliche und seelische Folter, der Versuch, psychischen Zwang auszuüben, Verschleppung, Sklaverei, Prostitution, unwürdige Arbeitsbedingungen. In all diesen Übeln sah der Papst eine „Zersetzung der menschlichen Kultur“. Doch wer dachte (und vielleicht auch hoffte), dass dieses „beunruhigende Panorama“ lediglich das Werk kleiner Krimineller sei, das Resultat der regionalen Aktivitäten von dunkle Sonnenbrillen und protzige Goldketten tragenden Mafiabossen und Zuhältern, der wurde vom Papst eines Besseren belehrt. „Breite Schichten der öffentlichen Meinung rechtfertigen manche Verbrechen gegen das Leben im Namen der Rechte der individuellen Freiheit und beanspruchen unter diesem Vorwand nicht nur Straffreiheit für derartige Verbrechen, sondern sogar die Genehmigung des Staates, sie in absoluter Freiheit und unter kostenloser Beteiligung des staatlichen Gesundheitswesens durchzuführen.“

Der Papst ging also aufs Ganze. Das gesamte politische und mediale Establishment der westlichen Demokratien, bestehend aus arrivierten Nadelstreifenträgern und Vertretern der besten Familien, griff er in der Enzyklika an und unterstellte diesem eine systematische „Verschwörung gegen das Leben“. Dabei sah er, wohl bestärkt durch die erschütternden, letztendlich aber siegreichen Erfahrungen bei der „Weltkonferenz für Bevölkerung und Entwicklung“ 1994 in Kairo (wo der Vatikan und die islamischen Länder als Gegenspieler des liberalen Westens auftraten) im Kreis dieses Establishments „falsche Propheten und Lehrer“ am Wirken, die mit großen finanziellen Mitteln und globalen Kampagnen dabei waren, die Menschen zu manipulieren und ihnen einzureden, dass weder Verhütung noch Abtreibung und auch nicht Euthanasie etwas Schlechtes seien, sondern dem Menschen aus Gründen der Freiheit und Selbstbestimmung erlaubt sein müssten.

Abtreibung und Euthanasie sind auch der Tod der Freiheit

Doch derartige, demokratisch legitimierte Vertreter der „Kultur des Todes“ hatten die Rechnung ohne den philosophischen Wirt Wojty³a gemacht, der als habilitierter Experte deutscher Philosophen wie Max Scheler und Immanuel Kant wusste, dass Freiheit nur so lange diesen Namen verdient, solange sie angekoppelt an die Wahrheit des Menschen, die „conditio humana“, die Bedingungen des transzendenten Glücks bleibt. Und dass eine Freiheit, die diese Bedingungen verwirft, keine wirkliche Grundlage mehr besitzt. Johannes Paul II., das Oberhaupt der katholischen Kirche, zog also ausgerechnet auf der humanistischen Überholspur an denen vorbei, die sich ansonsten so gerne für die Menschenrechte und den Weltfrieden einsetzten, um sie nach diesem geschickten Manöver in aller Drastik mit dem religiösen Blinker zu warnen. „Die Freiheit verleugnet sich selber, zerstört sich selber und macht sich zur Vernichtung des Anderen bereit, wenn sie ihre grundlegende Verbindung mit der Wahrheit nicht anerkennt und nicht mehr respektiert. Jedes Mal, wenn die Freiheit sich von jeder Tradition und Autorität befreien will und sich den wesentlichen Klarheiten einer objektiven und gemeinsamen Wahrheit als dem Fundament für das persönliche und soziale Leben verschließt, hört der Mensch auf, als einzigen und unanfechtbaren Anhaltspunkt für seine Entscheidungen nicht mehr die Wahrheit über Gut und Böse anzunehmen, sondern nur noch seine subjektive und wandelbare Meinung oder gar sein egoistisches Interesse und seine Laune. Das Recht auf Abtreibung, Kindestötung und Euthanasie zu fordern und es gesetzlich anzuerkennen heißt, der menschlichen Freiheit eine perverse, abscheuliche Bedeutung zuzuschreiben: nämlich die einer absoluten Macht über die Anderen und gegen die Anderen. Aber das ist der Tod der wahren Freiheit: ,Amen, amen, das sage ich euch: Wer die Sünde tut, ist Sklave der Sünde‘ (Joh 8, 34).“

Dass diese philosophischen Ermahnungen nicht unbedingt auf Gegenliebe und weitreichende Akzeptanz zwischen Washington und Brüssel, London und Straßburg stießen, war klar. Zumal Wojty³a schon im Umgang mit den kommunistischen Machthabern in Polen festgestellt hatte, dass die Anhänger von Ideologien aufgrund ihrer Verbohrtheit nur selten und höchstens in Einzelfällen eine Offenheit für Argumente besitzen. Doch Johannes Paul II., wissend um seine historische Pflicht und – wie er fest glaubte – seine von Gott und der Vorsehung verliehene Aufgabe, die zeitgenössischen Übel während seines Pontifikats herauszustellen, zu brandmarken und auf deren Korrektur zu drängen, ließ nicht nach mit seinen Ermahnungen. Mochte die „Kultur des Todes“ auch weiter wachsen und manchmal, gerade in Deutschland, sogar gefährlich nah an den Raum der Kirche dringen. Johannes Paul II. blieb trotz seines, dem Alter geschuldeten, zunehmenden körperlichen Verfalls standhaft.

Johannes Paul II. ersehnte eine „Zivilisation der Liebe“

Selbst in seinem letzten Buch „Erinnerung und Identität. Gespräche an der Schwelle zwischen den Jahrtausenden“ (2005) wurde Wojty³a nicht müde, die Repräsentanten und Täter der „Kultur des Todes“ an den Pranger zu stellen und sie in einen wenig schmeichelhaften historischen Kontext zu setzen. „Nach dem Sturz der Regime, die auf den Ideologien des Bösen aufgebaut waren, haben in ihren Ländern die eben erwähnten Formen der Vernichtung de facto aufgehört. Was jedoch fortdauert, ist die legale Vernichtung gezeugter, aber noch ungeborener menschlicher Wesen. Und diesmal handelt es sich um eine Vernichtung, die sogar von demokratisch gewählten Parlamenten beschlossen ist, in denen man sich auf den zivilen Fortschritt der Gesellschaften und der gesamten Menschheit beruft. Und auch an anderen schweren Formen der Verletzung des Gesetzes Gottes fehlt es nicht. Ich denke zum Beispiel an den starken Druck des Europäischen Parlaments, homosexuelle Verbindungen anzuerkennen als eine alternative Form der Familie, der auch das Recht der Adoption zusteht. Es ist zulässig und sogar geboten, sich zu fragen, ob nicht hier – vielleicht heimtückischer und verhohlener – wieder eine neue Ideologie des Bösen am Werk ist, die versucht, gegen den Menschen und gegen die Familie sogar die Menschenrechte auszunutzen.“

Was belegt, dass die „Kultur des Todes“ mit dem Ende des Pontifikats von Johannes Paul II. keineswegs verschwunden ist, sondern trotz leidenschaftlicher Warnungen des Jahrtausend-Papstes weiter wächst, als eine vom Zeitgeist weithin goutierte Expansion des Bösen. Doch Johannes Pauls II. direkter Nachfolger, sein „Freund“ Kardinal Ratzinger alias Papst Benedikt XVI. wusste darum und reagierte, wie eine der führenden Lebensrechtlerinnen Europas, die Ärztin Claudia Kaminski im Jahr 2009 in einem Beitrag für Radio Vatikan betonte: „Vor den versammelten Vertretern der Regierungen aller Herren Länder räumte Papst Johannes Paul II. dem Schutz menschlichen Lebens stets die allererste Priorität ein, noch vor der Sorge um den Weltfrieden. Sein Amtsnachfolger, Papst Benedikt XVI., führt dieses Werk nun fort.“ Genauso war es.

Doch natürlich wusste Johannes Paul II., dass es mit Reden und Auftritten allein nicht getan ist. Zumal dann nicht, wenn man einen Kampf gegen eine Ideologie austrägt, was mithin einem Ringen mit Beton gleicht, immer aber auch eine geistliche Kampf-Dimension beinhaltet. Und so zeigte der kluge und mutige Papst aus Polen am Ende seiner „Magna Charta“ für den Lebensschutz nicht nur die Schönheit und den Wert einer „Kultur des Lebens“ auf, in welcher gerade der Frau ein fundamentaler Beitrag als geistiger und körperlicher Lebensspenderin zukommt, auch die Wirksamkeit des Gebetes für die Errichtung einer solchen Kultur unterstrich der Papst. Gerade angesichts der überdeutlichen Macht-Asymmetrien. „Sicherlich besteht ein enormes Missverhältnis zwischen den zahllosen und mächtigen Mitteln, mit denen die Kräfte ausgestattet sind, die zur Unterstützung der „Kultur des Todes“ am Werk sind, und jenen, über die die Förderer einer „Kultur des Lebens und der Liebe“ verfügen. Doch wissen wir, dass wir auf die Hilfe Gottes vertrauen dürfen, für den nichts unmöglich ist (vgl. Mt 19, 26). (…) es bedarf dringend eines groß angelegten Gebetes für das Leben, das die ganze Welt durchdringen soll. Mit außerordentlichen Initiativen und im gewohnten Gebet möge von jeder christlichen Gemeinde, von jeder Gruppe oder Vereinigung, von jeder Familie und vom Herzen jedes Gläubigen ein leidenschaftliches, inständiges Bittgebet zu Gott, dem Schöpfer und Freund des Lebens, emporsteigen.“

Und als wäre eine solche spirituelle Ausrichtung noch nicht genug, empfahl Johannes Paul II. dazu noch, zu den schärfsten geistlichen Waffen zu greifen: nämlich das radikale Beten und Fasten nach dem Modell des Erlösers einzusetzen. „Jesus selber hat uns durch sein Beispiel gezeigt, dass Gebet und Fasten die hauptsächlichen und wirksamsten Waffen gegen die Kräfte des Bösen sind (vgl. Mt 4, 1–11), und hat seine Jünger gelehrt, dass manche Dämonen sich nur auf diese Weise austreiben lassen (vgl. Mk 9, 29). Finden wir also wieder die Demut und den Mut zum Beten und Fasten, um zu erreichen, dass die Kraft, die vom Himmel kommt, die Mauern aus Betrug und Lüge zum Einsturz bringt, die die perverse Natur lebensfeindlicher Verhaltensweisen und Gesetze vor den Blicken vieler unserer Brüder und Schwestern verbergen, und ihre Herzen für die Vorschläge und Absichten öffnet, die sich an der Zivilisation des Lebens und der Liebe inspirieren.“

Angesichts der Festigkeit dieser „Mauern aus Betrug und Lüge“ tut es gut, zu wissen, dass Johannes Paul II., der am 27. April 2014 heiliggesprochen wird, von seinem jetzigen Platz aus weiterhin mithilft, die von ihm ersehnte und erflehte „Zivilisation des Lebens und der Liebe“ mitzubauen. Wenn nötig bis zur letzten Schlacht.