Der Glaube setzt die Kultur voraus

Auf welcher Folie spricht Papst Franziskus? Vom Auf und Ab der neoliberalen Wirtschaftspolitik, von der „Theologie des Volkes“ und dem Blick für die Armen. Von Regina Einig

Licht und Schatten über Puerto Madero: Die Brücke von Santiago Calatrava markiert auch eine gesellschaftliche Grenze. Foto: Reuters
Licht und Schatten über Puerto Madero: Die Brücke von Santiago Calatrava markiert auch eine gesellschaftliche Grenze. Foto: Reuters

Buenos Aires im Frühjahr 2001. Jorge Kardinal Bergoglio beruft einen runden Tisch aus Wirtschafts- und Verwaltungsfachleuten ein. Der Erzbischof befürchtet einen massiven Wirtschaftseinbruch und will für seine Diözese einen Notfallplan aufstellen. Wie kann sich die Caritas auf das Chaos in der Hauptstadt nach einem Wirtschaftskollaps vorbereiten? Höfliches Interesse und ungläubiges Staunen. Zwar sind die Prognosen ungünstig: Argentiniens neoliberale Wirtschaftspolitik gilt als gescheitert. Im Frühjahr 2001 wechseln die Finanzminister in rascher Folge. Doch die Bevölkerung ist wohlhabend. Mit 7700 Dollar haben die Argentinier das höchste Pro-Kopf-Einkommen Lateinamerikas.

Wenige Monate später bewahrheiten sich die Befürchtungen des Kardinals. Im Dezember 2001 taumelt Argentinien in eine schwere Krise: Der Staat kann seine Auslandsschulden nicht mehr bedienen, Privatkonten werden gesperrt, der Präsident tritt zurück. Es gibt Massenproteste und Hungerrevolten, die Bevölkerung plündert Supermärkte. „Diese Wirtschaft tötet“, wird Papst Franziskus in „Evangelii gaudium“ schreiben. Seine Kapitalismuskritik weckt bei seinen Landsleuten Erinnerungen an das Scheitern der neoliberalen Wirtschaftspolitik. Vor der Haustür Kardinal Bergoglios spielen sich Tragödien ab: In Sichtweite des Ordinariates, in dem er wohnt, schießt die Polizei im Dezember auf der Plaza de Mayo in die Menge. Sechs Demonstranten sterben.

Schon ein Vierteljahr später gilt der argentinische Mittelstand als ruiniert. 38 Prozent der Gesamtbevölkerung leben Ende des Jahres 2001 in Armut, im Oktober 2002 sind es 57 Prozent. Im einstigen Musterländle Lateinamerikas stehen die Menschen vor geschlossenen Banken und fordern ihre Sparguthaben zurück. Obwohl sich die Wirtschaft in den Jahren 2003–2011 erholt und die Regierung die Sozialausgaben signifikant erhöht, bleibt ein harter Kern der Armut bestehen. Betroffen sind zwanzig bis 25 Prozent der Bevölkerung – zehn Millionen Menschen. Das Statistikinstitut der Katholischen Universität UCA spricht heute vom „dualen Argentinien“, gemeint ist die Kluft zwischen Arm und Reich.

Doch als Großkanzler der Päpstlichen Katholischen Universität Argentiniens erlebt Kardinal Bergoglio auch die andere Seite der Medaille: Die Unwägbarkeiten des Immobilienmarktes bringen es mit sich, dass die Kirche auf dem Campus erntet, wo sie gar nicht säen wollte. In den neunziger Jahren wird der stillgelegte alte Hafen am Río de la Plata unweit der Kathedrale mit Hilfe privater Investoren erschlossen. Die Stadt will die verwahrloste Gegend urbanisieren. Auf den alten Docks von Puerto Madero entstehen Bürogebäude, Wohnungen, Restaurants und Hotels. Auch die UCA kauft alte Speicherhallen in Uferlage und lässt sie umbauen. Binnen zehn Jahren mausert sich das Schmuddelviertel zu einem der trendigsten Stadtteile. Den Investoren steigen die sprichwörtlichen günstigen Winde von Buenos Aires zu Kopf. Als Stararchitekt Santiago Calatrava den Río de la Plata mit seiner filigranen „Brücke der Frau“ verziert hat, fordert die Metamorphose ihren Tribut: Die Immobilienpreise explodieren. Hotelzimmer werden für den Durchschnittsverdiener unerschwinglich. Und die Katholische Universität befindet sich plötzlich in der teuersten Wohnlage der Stadt. In Puerto Madero sind die „neue Götzen“ (Evangelii gaudium) zwischen Marmor und Glas zu besichtigen. Für höchste Ansprüche richtet Philippe Starck das Faena Hotel in einem ehemaligen Getreidespeicher ein. Dem Luxus haftet etwas Anachronistisches an. Keinen Handgriff soll der Gast mehr selbst tun brauchen. Es gibt darum im Faena Hotel keine Rezeption. Gästen steht während ihres gesamten Aufenthaltes ein „Experience Manager“ als persönlicher Concierge zur Seite. Zu Marmorbädern, Kristallleuchtern und Außenpools gesellt sich ein kolonialzeitlich anmutender Dienstbotengeist. Und niemand redet mehr davon, dass die Stadtväter hier ursprünglich den pittoresken Charme des alten Buenos Aires wieder freilegen wollten. Enrique Aguilar, Dekan der Fakultät für Politik- und Sozialwissenschaften, zeigt Besuchern von seinem Bürofenster aus nachdenklich die Glasfronten der Luxushotels am gegenüberliegenden Ufer und bedauert, dass die Bauwut der Investoren längst keine Rücksicht mehr auf das gewachsene Stadtbild legt.

Wenige hundert Meter Luftlinie von dieser Glitzerwelt entfernt lebt und arbeitet Kardinal Bergoglio und verzichtet konsequent auf Jahresurlaub, Dienstwagen und Erzbischöfliches Palais. In seinen freien Stunden konzentriert er sich auf die Einzelseelsorge: Unzählige Male wird er bei Besuchen in Armenvierteln und in Altenheimen gesehen. Dort feiert er die Eucharistie mit den Menschen, nimmt sich Zeit für Gespräche und hört mit ihnen Musik. Den Gang an die Peripherie beschränkt Kardinal Bergoglio nicht auf Bevölkerungsgruppen mit niedrigem Einkommen. Dazu zählt er auch einsame Mittel- und Oberschichtler, denen eine auf Konsum und Selbstverwirklichung ausgerichtete Gesellschaft weder Zeit noch Zuwendung gönnt. Kardinal Bergoglios private Erholung beschränkt sich Berichten seiner Mitarbeiter zufolge auf Besuche bei seiner Schwester und regelmäßige Exerzitien im Trappistenkloster Unserer Lieben Frau von den Engeln in Azul, südlich von Buenos Aires.

Monastische Askese hat schon der junge Rektor Jorge Bergoglio SJ den Mitbrüdern im Seminar der Jesuiten in San Miguel vorgelebt. Sein wieder original hergerichtetes Appartment mit Betstuhl, Bücherwand und dem fensterlosen Schlafraum verströmt mönchische Kargheit. Ein schweigender Gerechter ist sein Lieblingsheiliger: Josef, von dem die Heilige Schrift kein Wort, nur Taten überliefert. Unter dem Kreuz in Pater Bergoglios Gebetsecke ruht der schlafende Josef, der im Traum die Weisungen Gottes empfängt. Papst Franziskus verehrt diese Ikonografie des Nährvaters Jesu so sehr, dass er eine Kopie der Plastik in seiner Wohnung in Santa Marta aufbewahrt. Das priesterliche Ideal von Papst Franziskus ist wesentlich von der jesuitischen Tradition geprägt. 1982 stellt er bei der Einweihung der neuen Hausbibliothek Professoren und Seminaristen den Doppelauftrag der ersten Jesuiten vor Augen: Lehr- und Baumeister zu sein – „Männer, die die Kirche mit der Waffe der Lehre aufbauen, Männer, die keine Scheu davor haben, die Lehre zu verkünden, auch mit dem, was sie in Stein errichten. Es geht um einen Lebensstil, einen Abglanz des ,Deus semper maior‘, der in der kreativen Absicht aufblitzt und im unerschütterlichen Willen, der Kirche zu dienen“. Eine klare Standortbestimmung innerhalb des Jesuitenordens, der zu jener Zeit unter nachkonziliaren Verwerfungen leidet und von einem päpstlichen Delegaten geleitet wird.

Auch in Argentinien quält sich die Ortskirche in den achtziger Jahren mit inneren Spaltungen herum. Bischöfe streiten im Fernsehen über ideologische Fragen wie die umstrittene Übersetzung der Lateinamerikanischen Bibel. Politische Fronten in Kirchenkreisen aufzuweichen wird in den neunziger Jahren zu einer Aufgabe Bischof Bergoglios. Heute gelten sie als überwunden. Der emeritierte Weihbischof von Buenos Aires, Jorge Casaretto, ein Kommilitone von Papst Franziskus, sieht heute lediglich „unterschiedliche Strömungen“ innerhalb der Bischofskonferenz. „Die Dienstjahre Kardinal Bergoglios und seine Amtszeit als Vorsitzender der Argentinischen Bischofskonferenz waren eine Zeit des Ausgleichs. Er hat sich innerhalb des Episkopats sehr für die Aussöhnung der verschiedenen Flügel eingesetzt.“

Belastend für die Kirche werden radikale Randgruppen. Heute wehren sich praktizierende Katholiken gegen aggressive Feministinnen. Vor der Kathedrale von San Juan zünden sie Ende November ein Papstbild an und werden von den Gläubigen am Betreten der Kathedrale gehindert. Ein Ärgernis sind auch die Anhänger Lefebvres, die im November eine christlich-jüdische Andacht für den Frieden in der Kathedrale von Buenos Aires unter dem Vorsitz des Erzbischofs mit lautstarkem Auftritt stören. Doch niemand traut diesen Randgruppen Einfluss im Inneren der Kirche zu. Auch die klassischen kirchenpolitischen Reizthemen verfechten vor allem nichtpraktizierende Getaufte.

Argentiniens Öffentlichkeit kennt weder einen medialen Schulterschluss, der ein Phänomen wie Hans Küng ermöglichen konnte, noch Gruppen, die über Jahrzehnte hinweg offensiv die Protestantisierung der katholischen Kirche anstreben – und schon gar keinen antirömischen Affekt deutschen Zuschnitts. Während beispielsweise 1992 anlässlich der 500-Jahr-Feiern der Entdeckung Amerikas in Europa Rufe nach einem Schuldbekenntnis der Kirche laut wurden, ließen Argentiniens Bischöfe zum Dank für das Geschenk der Evangelisierung Amerikas eine Gedenktafel im Nationalheiligtum von Luján anbringen.

Das starke Grundvertrauen des Gottesvolkes in die Kirche hat auch Jorge Bergoglio geprägt. Der Leiter des Instituts für Philosophische Forschungen im Seminar in San Miguel, Professor Juan Carlos Scannone SJ (81), erinnert sich im Gespräch mit dieser Zeitung an seinen früheren Studenten und Mitbruder: „Pater Bergoglio war nie ein Kritiker des Lehramts. Auch ist mir nicht bekannt, dass er in seiner Amtszeit als Erzbischof von Buenos Aires und als Vorsitzender der Argentinischen Bischofskonferenz Vorstöße unternommen hätte, um die kirchliche Ordnung in Bezug auf die bekannten Reizthemen zu ändern. Er hat einen wachen Blick für die Wirklichkeit und sieht, wo sich Dinge ändern lassen. Und um pastorale Lösungen zu finden braucht es nicht zwingend dogmatische Änderungen. Nun wendet sich die Kirche an die Gläubigen, um kreative Lösungsmöglichkeiten in der Familienpastoral zu finden. Franziskus setzt auf das gläubige Volk und folglich insbesondere auf die Volksfrömmigkeit. Ich traue ihm zu, die Treue zum Lehramt der Kirche mit pastoralen Antworten auf die dringendsten Fragen der Kirche heute zu vereinbaren.“

Die marxistisch geprägte Befreiungstheologie hat in Argentinien – anders als in Nicaragua, El Salvador oder Brasilien – nie dauerhaft Fuß gefasst. Bis heute wirken Gegenbewegungen nach: Theologen wie Lucio Gera und Rafael Tello verschmolzen lateinamerikanische Kultur und Volksfrömmigkeit zu einer „Theologie des Volkes“. Die Kurzformel dieser als typisch argentinisch geltenden theologischen Schule, der auch Papst Franziskus zuzurechnen ist, ist in Evangelii gaudium nachzulesen: „Die Gnade setzt die Kultur voraus und die Gabe Gottes nimmt Gestalt an in der Kultur dessen, der sie empfängt.“

Aus argentinischer Perspektive ist die Rezeption der Befreiungstheologie in Europa schlicht dumm gelaufen. Die wenigsten lateinamerikanischen Befreiungstheologen seien Marxisten gewesen, unterstreicht Pater Scannone. Allerdings machten Europas theologische Fakultäten um die Los-von-Rom-Fraktion deutlich mehr Wind als um die romorientierten Theologen in Lateinamerika. Wer zitiert in Deutschland schon den brasilianischen Servitenpater Clovodis Boff, den Bruder des berühmten Leonardo Boff? Clodovis kam nach befreiungstheologischen Umwegen in reifen Jahren zu der Erkenntnis: „Wir hätten auf Ratzinger hören sollen“? Es gab lateinamerikanische Theologen, die sich bei der Glaubenskongregation für die Klarstellungen von 1984 und 1986 bedankten und sich mit Kardinal Ratzinger trafen. Gastprofessuren und Einladungen zu Vorträgen bekamen sie in Europa seltener als die rebellischen Kollegen.

Ein Leitmotiv der „Theologie des Volkes“ ist der von Papst Franziskus in Evangelii gaudium gerügten „Schreibtisch-Theologie“ bis heute fremd geblieben: die Volksfrömmigkeit. Doch gerade auf sie setzt er Hoffnungen: „Chauvinismus, Alkoholismus, häusliche Gewalt, geringe Teilnahme an der Eucharistie, Schicksalsgläubigkeit oder Aberglaube, die auf Zauberei und Magie zurückgreifen lassen, und anderes. Doch gerade die Volksfrömmigkeit ist der beste Ausgangspunkt, um diese Schwächen zu heilen und von ihnen zu befreien.“

Die Rezeption des Papstschreibens krankt derzeit in Europa an Versuchen, es an den bürgerlichen Lebenssituationen der Mittelschicht durchzubuchstabieren, ohne die Armen in den Blick zu nehmen. Beispiel wiederverheiratete Geschiedene: Es war Kardinal Bergoglio, der 2007 bei der Vollversammlung der Bischöfe Lateinamerikas und der Karibik federführend an der Schlussredaktion des Dokuments von Aparecida beteiligt war. Der Text gilt bis heute als Leitfaden für die Seelsorge auf dem Subkontinent. Mit Verweis auf Familiaris consortio heißt es dort: „Paare in irregulären Situationen sollen achtsam, klug und mit mitfühlender Liebe im Einklang nach den Richtlinien des Lehramtes begleitet werden. Dabei steht uns klar vor Augen, dass es wiederverheirateten Geschiedenen nicht gestattet ist, die heilige Kommunion zu empfangen.“

Scheidung und Wiederverheiratung – klassische Mittel- und Oberschichtphänomene – spricht der Papst nicht an, wenn er mahnt, die Türen der Sakramente dürften nicht aus irgendeinem beliebigen Grund geschlossen werden. Die Armen haben andere Sorgen: Im Prekariat wird oft weder geheiratet noch geschieden. Der vormalige Erzbischof von Buenos Aires taufte Kinder von Prostituierten, ohne sich von spitzfindigen Fragen beirren zu lassen, wie der, was die Willenserklärung einer drogensüchtigen Mutter eigentlich wert sei. Auch dem Nachwuchs von Teenager-Müttern darf die Taufe aus seiner Sicht nicht rigoristisch vorenthalten werden – etwa, weil die Mutter noch nicht religionsmündig ist.

Es gehört zu den Erfahrungen vieler Großstadtseelsorger in Argentinien, dass extreme Armut den Weg zu den Sakramenten verstellen kann. Vielen Jungen fehlen die Vorbilder für eine Berufung. Nur in seltenen Glücksfällen können Gemeinden in Elendsvierteln intakte Ehen aufweisen. „Fast alle Kinder, die wir betreuen, wachsen bei alleinerziehenden Müttern auf“, berichten Schönstattschwestern im sozialen Brennpunkt Florencio Varelas. Dass die sakramentale Ehe analog zur Priesterweihe und zum Ordensgelübde die Bereitschaft zu einer lebenslangen Bindung und eine sorgfältige Vorbereitung voraussetzt, ist inmitten der wachsenden Promiskuität der argentinischen Gesellschaft vielfach aus dem Bewusstsein geschwunden. Darum sehen Seelsorger Erleichterungen im Procedere kirchlicher Ehenichtigkeitsverfahren nicht als echte Lösung an. Pfarrer Gabriel Marronetti, Pfarrer der Heimatpfarrei von Papst Franziskus, erhofft sich vom gegenwärtigen Pontifikat klare Impulse für die Ehevorbereitung.

Nicht nachvollziehbar wirken auf Argentinier und auch für emigrierte Deutsche darum viele Reformvisionen, die in ihrer alten Heimat derzeit auf den Papst projiziert werden. Jorge Bergoglio galt immer als unkonventioneller Seelsorger, dem der Volksmund heute Geschichten wie dem heiligen Bischof Nikolaus von Myrna nacherzählt: von nächtlichen Besuchen bei den Armen von Buenos Aires bis zu Gebetszusagen für die Verwandten seiner Schafe. Doch dogmatische Lockerungsübungen erwartet von Papst Franziskus niemand. „Mit radikalen Reformgruppen innerhalb der Kirche hat Papst Franziskus wenig Erfahrung. Meines Erachtens ist ihm natürlich klar, dass sich in der praktischen Seelsorge viele unter Berufung auf ihr Gewissen über lehramtliche Grundsätze hinwegsetzen. Doch das wird bei uns in Argentinien bei weitem nicht so konfliktreich ausgetragen wie in Deutschland“, erklärt Pater Scannone, der mehrere Jahre in Deutschland und Österreich gelebt hat.

„Über kirchliche Streitthemen reden wir hier entspannter als in Deutschland“, sagt ein deutschstämmiger Argentinier im Gespräch mit dieser Zeitung. Anders als in seiner alten Heimat seien sich die Dialogpartner hier über die Prämisse einig: Der Papst ist der Papst – und er hat das letzte Wort.