Benediktinisches Erbe auf der Pilgerfahrt nach Santiago

Steindorf mit Flair: Saint-Guilhelm-le-Désert war im Mittelalter eine bedeutende Station auf dem Jakobsweg – Heute finden Pilger in der Abteilkirche eine Kreuzreliquie

Ein generöser, kriegserfahrener Graf, der eine Abtei stiftete und in seinen letzten Lebensjahren selber zum Mönch wurde. Dies war die Keimzelle von Saint-Guilhem-le-Désert, das ab Anfang des neunten Jahrhunderts zum Wallfahrtsziel und im weiteren Verlauf des Mittelalters zur bedeutsamen Durchgangsstation von Pilgern aufstieg. Ostwärts ging es nach Rom, westwärts für die Jakobuswallfahrer auf der von Toulouse herleitenden Via Tolosana in Richtung Spanien. Wilhelm hieß der legendäre Graf, Guillaume auf Französisch, Guilhem auf Okzitanisch, dessen Geschichte sich in dieser abgeschiedenen Landschaft – daher der Beiname „Désert“, Wüste – zu Zeiten seines Cousins Karls des Großen abspielte. „Allerdings ist es eine Wüste mit Wasser, denn das Ganze liegt in einem Nebental des Flusses Hérault“, sagt Ortsführer Michael und erzählt weiter von Kaiser Karl, der Wilhelm eine Reliquie des heiligen Christuskreuzes als Geschenk vermachte.

Das heutige Saint-Guilhem-le-Désert kultiviert sein Flair als eines der schönsten Steindörfer in Südfrankreich. Ins Bild gehören Blumenkästen und Bogendurchgänge, Fliedergehänge, Brunnen, Häuser mit metallenen Türklopfern in Handform. Gnädig sieht man über manch stilfremde Parabolantenne auf den Ziegeldächern hinweg. In Andenkenläden stehen Schlüsselanhänger mit der Jakobsmuschel und Akazienhonig im Angebot, Ölbilder, Aquarelle, Strohkörbchen, Modeschmuck, eingelegte Oliven, mundgeblasene Glasgefäße. Die Vielzahl der Souvenirshops unterstreicht, dass Saint-Guilhem-le-Désert sich nicht der Sparte der „Geheimtipps“ zurechnet. Auf mindestens 600 000 Besucher beziffert Ortsguide Michael den jährlichen Zustrom.

Auf dem Weg in den oberen Teil des Ortes steigt der Blick hinauf in die Berge zur „Gigantenburg“, Château du Géant, so genannt, weil hier der Legende zufolge ein böser Riese hauste, den Wilhelm letztlich überlisten konnte. Die Burgreste heben sich wie ein steinernes Skelett aus der Landschaft ab. Perfekt erhalten hat sich dagegen im Oberdorf die Kirche der Abbaye Gellone, die dank Wilhelm ihre Geburt als Benediktinerkloster erlebte. Wirft man einen Blick in die Vita Wilhelms, sehen wir ihn als Herzog von Aquitanien und Graf von Toulouse, der gegen die Mauren kämpfte. Später wurde er unter dem Namen Guillaume d'Orange zum Helden einer ganzen Folge von Ritterepen. In einer lokalen Quelle heißt es: „Als gläubiger und überzeugter Christ finanzierte er die Gründung des Klosters Gellone, in dem er seinen Lebensabend verbringen wollte. Am 29. Juni 806 wurde er Mönch, am 28. Mai 812 starb er im Rufe der Heiligkeit.“

In der Außenansicht wendet sich die Kirche mit drei halbkreisförmigen romanischen Apsiden zur Pilgergasse hin, im Innern liegt Halbdunkel über dem Abgang zur Krypta und über einem Reliefdoppel mit Benedikt von Nursia und Benedikt von Aniane. Ein spärlich beleuchteter Schrein zeigt die Kreuzreliquie, ein zweiter bewahrt die sterblichen Reste des Grafen Wilhelm. Im zwölften Jahrhundert machte der berühmte Codex Calixtinus, ein Sammelwerk zum Jakobuskult, Saint-Guilhem-le-Désert zur Pflichtstation auf der Route aus Toulouse. Im Kapitel „Leichname von Heiligen, die am Jakobsweg ruhen und von den Pilgern besucht werden müssen“ widmete der Verfasser einen ganzen Abschnitt dem Grafen Wilhelm, der vor seinem Klostereintritt als tapferer Soldat und erfahrener Krieger hervortrat. „Wir wissen, dass er mit seinem großen Mut für die Christen die Städte Nimes, Orange und viele andere eroberte. Er nahm ein Stück des Kreuzes des Herrn mit sich und zog sich ins Tal von Gellone zurück, wo er ein eremitisches Leben führte und seit seinem Tod in allen Ehren ruht“, heißt es im Codex Calixtinus. Seither sind fast 1 200 Jahre ins Land gezogen, die zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert von den Religionskriegen und den Auswirkungen der Französischen Revolution erschüttert wurden. Vandalismus und Diebstähle inklusive. Manch bildhauerisches Unikat aus dem Kloster gelangte auf verschlungenen Wegen bis in eine Sammlung nach New York. „Bei den Reliquien des heiligen Wilhelm gehen wir heute von einer Knieschneibe, einem Oberschenkelstück und einem Zahn aus“, erläutert Michael.

Wer außerhalb der offiziellen Öffnungszeit der Kirche und des Kreuzgangs zurückkehrt ins Gotteshaus, erlebt die Wiederbelebung der klösterlichen Traditionen durch die Schwestern des Karmels St. Josef. Es ist eine neunköpfige Gemeinschaft, die ihr kontemplativ-kirchliches Leben nach dem Ideal der Teresa von Ávila zwischen Zurückgezogenheit und Gemeinschaft ausrichtet. Außerhalb der Hauptpilgermonate ist die Kirche bei der Vesper ab halb sieben spärlich gefüllt. Fünf Schwestern und kaum zwei Handvoll Gläubige sind zugegen. Kerzen flackern auf dem Hauptaltar, Gesänge und Weihrauch steigen zum Tonnengewölbe auf. Nicht jeder Ton mag die richtige Note treffen, doch die Gesänge kommen von Herzen. Das Schweigen zwischendurch lädt ein, die würdevolle Aura der Kirche zu atmen, in sein eigenes Tiefinnerstes zu horchen. Bis auf ein leichtes Knarren der Stühle und ein fernes Hundegebell herrscht Stille. Nichts als Stille. Minutenlang. Auch nach Ende der Vesper mag man kaum mehr reden. Beim Spaziergang zurück zur Unterkunft setzt sich die friedliche Stimmung fort. Die Bruchsteinfassaden sind in orangen Laternenschein getaucht, ein Bachlauf plätschert mitten durchs Dorf. Die „Stille der Wüste“ – in Saint-Guilhem-le-Désert lässt sie sich in den Abendstunden finden.