„Aus einer tiefen, religiösen Überzeugung“

Die kurz nach der Wende gegründete Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin bereichert die Bildungslandschaft in der Bundeshauptstadt. Von Rocco Thiede

Die KHSB ist in einem geschichtsträchtigen Gebäude untergebracht. Die Statue des Hl. Antonius (links) erinnert daran. Foto: Thiede
Die KHSB ist in einem geschichtsträchtigen Gebäude untergebracht. Die Statue des Hl. Antonius (links) erinnert daran. Foto: Thiede

„Religion ist ein wichtiger Teil meines Lebens“, sagt Student Adam Rozwag. Der junge Mann möchte später einmal Lehrer werden. Doch bis dahin muss er noch einige Semester studieren. Er absolviert gerade das 5. Semester im Fach Schulische Religionspädagogik an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin (KHSB). Er lernt bewusst in Berlin-Karlshorst, etwas abseits vom historischen Zentrum der Hauptstadt, „weil es eine katholische Hochschule ist. Zwar kann man in Berlin Theologie studieren, aber keine schulische Religionspädagogik“, sagt Rozwag. Seine Kommilitonin Lea Nöfer aus Köln ist ebenfalls im 5. Semester. „Ich habe die Heilpädagogik gewählt, weil es in Berlin nur hier gelehrt wird.“ Sie schätzt das „persönliche Klima, den fast familiären Flair sowie den guten Kontakt zu den Dozenten an der KHSB“. Ihr Freund Thomas Hebold ist gebürtiger Berliner und kommt vom Prenzlauer Berg. Er studiert Soziale Arbeit, was auch an anderen Hochschulen möglich gewesen wäre, doch er wählte bewusst die KHSB, „weil es hier einige renommierte Professoren gibt“. Für ihn als evangelischen Christen ist das Katholische seiner Hochschule „im Background spürbar“.

Das Gebäude der einzigen katholischen Hochschule in Berlin befindet sich in einem geschichtsträchtigen Haus. Die Kongregation der Marienschwestern aus Breslau ließ ab 1928 auf einem 50 000 Quadratmeter großen Gelände das St. Antonius-Krankenhaus erbauen. Die Entscheidung für den Osten Berlins fiel aus „caritativen Gründen“. Im Stil des Bauhauses – der Komplex steht heute unter Denkmalschutz – gab der Architekt F. A. Pollak dem „sozial-hygienischen Gedanken als Freilicht- und Freiluftkrankenhaus“ für gut 300 Patienten eine Entsprechung. Noch heute begrüßt eine Antoniusfigur unweit der Eingangsfront die Besucher. Nach dem 2.Weltkrieg besetzten die sowjetische Militärs das Krankenhaus. Sein Betrieb wurde eingestellt. In den Kellerräumen folterten die Russen politische Gefangene. Ab 1964 bis zum Fall der Mauer war das Gebäude Sitz des „Ministeriums für Land-, Forst- und Nahrungsgüterwirtschaft der DDR“. Im wiedervereinigten Deutschland erhielten die Marienschwestern ihre Liegenschaften zurück. So war der Weg für das Erzbistum Berlin frei, um hier 1991 die KHSB zu gründen: eine staatlich anerkannte Fachhochschule, die sich auf das kirchliche Engagement im sozialen Ausbildungsbereich gründet. Studienbewerbern aller Weltanschauungen steht sie offen. Das Spektrum an Studienprogrammen, Weiterbildungsangeboten und angewandter Forschung für den Bildungs- und Sozialbereich ist interdisziplinär angelegt. Für Studierende sind Abschlüsse in den Bachelor- beziehungsweise Masterstudiengängen auch in Pflege, Gesundheit und Bildung möglich. Zur Hochschule gehören drei Institute: das Berliner Institut für christliche Ethik und Politik (ICEP), das Deutsche Institut für Community Organizing (DICO) sowie das Institut für Soziale Gesundheit (ISG).

Zwar ist die Berliner katholische Hochschule noch recht jung, dennoch beruft sie sich auf Traditionen des Wirkungsortes, wie es kürzlich auf einem wissenschaftlichen Symposium für den Strahlentherapeuten Paul Lazarus, dem einstigen Gründungsdirektor des Krankenhauses, deutlich wurde. Der Katholik Lazarus kam aus einer jüdischen Familie. Er arbeitete hier bis zu seinem Berufsverbot durch die Nazis, bevor er in die Schweiz floh. „Wir schauen auf die Menschen als ganze Wesen – mit ihrer Spiritualität, ihren seelischen Befindlichkeiten sowie in ihrem sozialen Gefüge. Das zu lehren und zu lernen kommt in der heutigen medizinischen Versorgung oft zu kurz. So wie einst bei Doktor Lazarus kommt diese Haltung auch für mich aus einer tiefen, religiösen Überzeugung“, meint Professor Ralf-Bruno Zimmermann, der seit Oktober 2013 Präsident der Hochschule ist.

Seine Kollegin Birgit Bertram arbeitet fast seit Gründung an der KHSB in Karlshorst. Sie ist Professorin für Soziologie und Sozialpsychologie und sieht es rückblickend „als ungeheure Chance an, dass man hier als neue Hochschule ein neues Konzept entwickeln konnte“. Damals kamen Kollegen aus allen Teilen der Republik mit ihren Erfahrungen nach Berlin und entwickelten systematisch den Lehrplan. In den ersten Jahren gab es nur 600 Studenten. Heute sind es mehr als doppelt so viele. „Am Anfang nutzten viele die Hochschule, um in ihrer eigenen Biografie einen neuen Akzent zu setzen“, sagt Bertram auch mit Blick auf Studierende, „die zu DDR-Zeiten auch aus religiösen Gründen nicht das tun konnten, was sie eigentlich wollten“. Die Hochschule bot ihnen neue Perspektiven. Nach ihrer Beobachtung studieren an der Hochschule mehr katholische und evangelische Christen als bei anderen vergleichenden Einrichtungen in Berlin. „Wir reflektieren die Zusammenhänge von Ethik und professioneller Identität klar vor dem Hintergrund des katholischen-christlichen Menschenbildes und verankern dies im Studium“, betont Bertram und lobt „das Zusammenwirken von professioneller Fachkompetenz gepaart mit einem hohen Maß an Menschlichkeit unter den Dozenten“.

Als sich das Erzbistum Berlin vor einigen Jahren in einer schwierigen finanziellen Lage befand, schlug ein Beratungsunternehmen vor, die KHSB zu verstaatlichen. Dagegen wehrten sich die Professoren und schickten unter anderem an den damaligen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, und den Berliner Kardinal Georg Sterzinsky ein Plädoyer, warum man katholisch bleiben wolle. Die Botschaft des Lehrkörpers, dass „das Katholische wichtig ist im Kontext der Hochschullandschaft, wurde Gott sei Dank erhört“, sagt Bertram rückblickend.

Eine ungewöhnliche Professur hat Stephan Höyng inne. Er ist der einzige Professor in Deutschland für Jungen und Männerarbeit. Das typisch Katholische an seiner Hochschule sieht er bei der Werthaltung des Lehrkörpers und der Studenten, „eine Zugewandtheit zum Menschen auch in sozialen Problemlagen“. „Genderfragen gibt es ebenso an anderen Hochschulen. Aber das Projekt ,Männer in Kitas‘ ist einzigartig“, betont Höyng. Außerdem ist es wichtig, dass so ein Projekt ausgerechnet in einer katholischen Hochschule bearbeitet wird: „Ein modernes Geschlechterthema, welches zeigt, dass aus einem katholischen Bereich nicht immer nur konservative, sondern auch moderne Zugänge kommen.“

Zum Sommersemester 2015 soll es ein neues Studienangebot geben. Die Berliner Senatsverwaltung hat vor kurzem dem „Bachelor soziale Gerontologie“ eine Zusage erteilt. Dabei soll es um alte und hochbetagte Menschen mit Assistenzbedarf gehen, um Menschen mit Demenz oder im Sterbeprozess, sodass Hospiz- oder Palliativthemen einfließen. Angesichts des demographischen Wandels ein aktuelles und wichtiges Thema. Präsident Zimmermann stellt in diesem Kontext heraus: „Wir müssen als Hochschule die gesellschaftlichen Transformationsprozesse reflektieren und diese mit passenden Angeboten in Lehre und Weiterbildung abbilden. Der demografische Wandel unserer Gesellschaft ist zweifellos eine der größten Herausforderungen unserer Zeit.“

Noch sind viele Hochschulen in Deutschland überfüllt. Aber bald kommen die geburtenschwachen Jahrgänge. Macht das dem Präsidenten der KHSB Sorgen? Professor Zimmermann sagt selbstbewusst: „Eine der kommenden Herausforderungen unserer Gesellschaft ist der jetzt schon spürbare Fachkräftemangel im Gesundheits- und Sozialwesen. Alle Daten deuten darauf hin, dass sich dieser Trend dramatisch verstärken wird, sodass ich keine Sorge habe, wenn die geburtenschwachen Jahrgänge zum Studium kommen. Denn diese Fachkräfte werden langfristig benötigt und das sichert unsere Daseinsberechtigung auch in der Zukunft!“