Auf den Sinnspuren der Moderne

Ein gelungener Dialog: „Das Kunstprojekt der Katholischen Kirche“. Von Alexander Riebel

„New Babylon“: Die Skulptur Kerim Seilers hinter der Würzburger Marienkapelle markiert eine Station der „Signalwege“ – einer Verbindung von Kunst und Wissenschaft. Foto: Echter
„New Babylon“: Die Skulptur Kerim Seilers hinter der Würzburger Marienkapelle markiert eine Station der „Signalwege“ – e... Foto: Echter

Was das Zweite Vatikanische Konzil vorbereitete hat, ist nun Wirklichkeit geworden – Kunst und Kirche begegnen sich. Weil Kunst dazu beiträgt, das Leben des Menschen zu fördern und damit an der Schaffung einer humaneren Welt mitwirkt, ist sie auch theologisch bedeutsam; ein „locus theologicus“, wie es in dem Vortrag „Die Welt im Spiegel der Kunst als Herausforderung für Kirche und Theologie“ von Karl Kardinal Lehmann heißt, den er anlässlich der Begegnung von Kunst und Kirche im Kontext des 50-jährigen Jubiläums des Zweiten Vatikanischen Konzils bei der Eröffnung der Ausstellung des Kunstprojekts in Lorsch gehalten hat und der im vorliegenden Band abgedruckt ist.

Der Bischof von Würzburg, Friedhelm Hofmann, hat das Buch „Freude – Trauer – Angst – Hoffnung; das Kunstprojekt der Katholischen Kirche“ herausgegeben. Die vier Worte im Titel waren auch die einführenden Worte der Pastoralkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils. Und mit ihnen hat auch die Bischofskonferenz das „Kunstprojekt zum Konzilsjubiläum 2015“ überschrieben, das in verschiedenen Städten veranstaltet wurde. So ist der Band zum Dokument dieses „bundesweiten Mehrsparten-Projekts“ geworden, wie Bischof Hofmann einleitend schreibt.

Allein die Veranstaltungen in Würzburg waren ein künstlerisches Feuerwerk. Als Zeichen für die enge Verbindung von Kirche, Kunst und Wissenschaft wurde im Frühjahr 2015 im Hörsaal der Alten Chirurgie des Universitätskrankenhauses ein Theaterstück nach einer Idee des Buchs „Das neue Christentum“ von Saint Simon auf eine Filmleinwand projiziert. Das Stück handelt von utopischem Sozialismus der 1830er Jahre in Paris. Die Würzburger „Signalwege“ haben aber auch in der Tanzperformance „Break it down“ biomolekulare Strukturen in Bewegung der tanzenden Körper übersetzt, gleich der Lösung und Verkettung der Materie. Und dass im Würzburger Rudolf-Virchow-Zentrum für Experimentelle Biomedizin Kunstwerke ausgestellt wurden, zeigt umso mehr die Ambivalenz von Freude, Trauer, Angst und Hoffnung am Beispiel der Biomedizin mit ihren zugleich segensreichen und verheerenden Möglichkeiten.

Literatur gab es in München und Freising. Der Würzburger Pastoraltheologe Erich Garhammer hatte Schriftsteller zu Podium und Lesung eingeladen, darunter Hans-Josef Ortheil, SAID, Thomas Hürlimann, Navid Kermani, Martin Walser, Andreas Maier, Petra Morsbach, Arnold Stadler, Sybille Lewitscharoff, Christoph Ransmayr sowie Reiner Kunze. Ein Höhepunkt des LIT.fest war ein Gespräch zwischen Kardinal Reinhard Marx und Martin Walser zu Themen wie Kirche, Kunst und Atheismus.

Der zu allen Veranstaltungen in Deutschland reich bebilderte Band kreist immer wieder um die von Kardinal Lehmann in seinem Beitrag aufgeworfenen Fragen. Was Kunst heute noch leisten kann, fragt Lehmann zu Recht. Und was ist von der antiken Mimesis, der Kunst der Nachahmung der Natur noch übrig geblieben? Ist die Wirklichkeit in heutiger Kunst überhaupt präsent, oder ist diese nur ein Zerrspiegel von Realitäten? Oder nur noch ein in Scherben „zerbrochener Spiegel, der sich der Welt verweigert“? Lehmann macht zwei Trends aus in der Kunst der Gegenwart. Da zeigt die Kunst zum einen die Folgen der post-postmodernen Welt mit ihren sozialen Missständen, Unterdrückung und Gewalt. Doch dieses sich Abarbeiten an sozialen Konfliktstoffen passt nach Lehmann gar nicht zu dem, was wir aus der abendländischen Kunsttradition gewohnt sind. Dieser Tendenz steht die Ästhetisierung gegenüber, die Kunst bekennender Ästheten, die der Sehnsucht der Menschen nach Erlösung aus der hässlichen Welt nachkommen. Beide Seiten sind aber Selbststilisierungen des modernen Menschen auf der Suche nach autonomer Selbstgestaltung seines Lebens. Aber diese Autonomie sei gerade fragwürdig geworden, unter anderem durch Biochemie und Neurophysiologie.

Doch gerade im Hinblick auf die Autonomie-Diskussion scheint sich eine Spaltung von Kunst und Kirche zu öffnen. Denn so sehr die Kirche mit ihrem „Wertsystem“ einheitsstiftend ist und damit Tradition ermöglicht, so sehr will die Kunst umdeuten und auf jegliche „Einvernehmlichkeit der Zeichen“, wie Lehmann formuliert, verzichten. Doch wenn die Kirche die Spannung der Kunst zwischen Verzweiflung und Hoffnung bis auf ihren Grund folgt und erkennt, dann gewinnt sie einen wertvollen Gesprächspartner, mit dem sich ein „Sprachgewinn durch das Bild hindurch“ erarbeiten lässt.

„Das Projekt ist gelungen“, wie Bischof Hoffmann das Buch einleitend zusammenfasst, und das gilt nicht nur für das Kunstprojekt in elf Städten, sondern ebenso sehr für die wunderbare Dokumentation mit ihren vielen eindrucksvollen Fotos.

Bischof Friedhelm Hoffmann (Hrsg.): Freude – Trauer – Angst – Hoffnung. Das Kunstprojekt der Katholischen Kirche. Unter Mitarbeit von Jakob Johannes Koch und Walter Zahner. Echter Verlag, Würzburg 2016, 143 Seiten, ISBN-13: 978-342903-948-6, EUR 9,90