Anpacken, verkündigen, überzeugen

Der Weg der Kirche durch die Jahrhunderte ist eine Abfolge von Krisen und deren Überwindung durch Reformen der kirchlichen Disziplin und eine vertiefte Einsicht in die Glaubensüberlieferung. Kann die Kirche in Deutschland, wenn sie jetzt einen neuen Aufbruch sucht, aus der Geschichte lernen? Fragen an den Kanoniker von Sankt Peter und Kirchenhistoriker Walter Kardinal Brandmüller. Von Guido Horst

Walter Kardinal Brandmüller. Foto: dpa
Walter Kardinal Brandmüller. Foto: dpa
Abgesehen von einigen noch einigermaßen „katholischen Kerngebieten“ steht die Kirche in Deutschland heute einer weitgehend säkularisierten, religiös eher gleichgültigen und dem allgemeinen relativistischen Weltbild anhängenden Gesellschaft gegenüber. Gibt es dazu Parallelen in der Geschichte?

Einfache Parallelen gibt es nicht. Man steigt niemals wieder in den gleichen Fluss, und Geschichte wiederholt sich nicht. Von in einzelnen Elementen vergleichbaren Perioden – was Deutschland angeht, könnte man die Reformationszeit und die Aufklärung anführen – unterscheiden uns heute besonders die Verhältnisse des Medienzeitalters. Fernsehen und Internet sorgen für eine nahezu flächendeckende kapillare Durchdringung der Gesellschaft mit Ideen und Haltungen – mit dem bekannten Erfolg.

Die Zeiten der Reformation waren also Zeiten des Niedergangs?

Das kann man sagen. Schon die Zeitgenossen, Luther selbst, sprachen von der Entsittlichung, die Deutschland damals erfasst habe.

War das Folge der Reformation oder Folge der politischen Verhältnisse wie etwa der Bauernkriege?

Eine monokausale Erklärung wäre auch hier falsch. Eher könnte man von einer Art Rückkoppelungseffekt sprechen: Das eine verstärkte das andere. Es gab da mehrere Faktoren. Aber dazu gehören natürlich auch die religiöse Führungslosigkeit seitens der Hierarchie und die dank dem damals modernsten Medium, dem Buchdruck und Luthers publizistischem Genie, überaus wirksame Propaganda der Reformation – beides hat ineinandergegriffen.

Brachte auch die Aufklärung einen Verfall des Glaubens in der breiten Masse mit sich?

Zur Reformationszeit war die Bevölkerung in den breiten Schichten erschüttert und verunsichert. Das war zur Zeit der Aufklärung weit weniger der Fall. Da waren es die sogenannten gebildeten Stände, die sich dem Zeitgeist unkontrolliert und kritiklos geöffnet haben – amüsanterweise im Namen der Kritik. Wohingegen die Reaktion darauf in der breiten Schicht der Gläubigen zum Teil außerordentlich heftig war – im anti-aufklärerischen Sinne.

Hin und wieder zeigen Umfragen unter Katholiken, dass auch unter Kirchgängern der Relativismus weit verbreitet ist und längst nicht mehr alle Sätze des Credo geglaubt werden. Pessimisten gehen davon aus, dass es in Deutschland noch etwa dreißigtausend katholische Gläubige gibt, die den ganzen Glauben der Kirche bekennen und danach leben. Ist das zu schwarz gesehen?

Ihre Frage weist uns auf das Desaster des Religionsunterrichts hin. Nachdem die in den späten sechziger Jahren erschienene Fundamental-Katechetik von Hubertus Halbfas trotz lehramtlichen Beanstandungen und zeitweiligem Entzug der kirchlichen Lehrbefugnis für den Autor die religionspädagogische Szene erobert hatte, konnte von wirklicher Glaubensvermittlung nur noch in den Fällen gesprochen werden, in denen überzeugte Lehrerpersönlichkeiten oft mit Schwierigkeiten kämpfend ihre Sendung erfüllt haben. So kommt es, dass zentrale Glaubenswahrheiten oft weniger ausdrücklich abgelehnt, sondern vielmehr gar nicht gekannt werden. Hierfür Zahlen anzugeben, erscheint mir wirklich nicht möglich. Schwarz sehen oder nicht: Das ist hier nicht die Frage. Vielmehr lautet der gebieterische Imperativ: anpacken, verkündigen, überzeugen.

War nicht auch in den Zeiten der katholischen Staaten auf europäischem Boden die Staatsreligion das eine, die Glaubenspraxis und die kirchliche Disziplin, bis weit in den Klerus und die Orden hinein, aber das andere. Gab es das je, eine durch und durch gesunde Volkskirche?

Aber natürlich gab es das, und das war eine der reifsten Früchte des Konzils von Trient. Ich möchte nur das Herzogtum und Kurfürstentum Bayern anführen. Unter Kurfürst Maximilian galt München als frömmste Stadt Europas, wo man selbstverständlich im Advent um sechs Uhr in die Kirche zum Rorate-Amt strömte und dann in die Werkstätten und anderen Arbeitsorte ging. Das gab es. Der Kurfürst selber stand jeden Morgen um vier Uhr auf, betete das Brevier und besuchte die Messe, der Hof zeichnete sich durch vorbildliche Übung der Caritas aus.

Inwieweit war das eine Folge des Konzils von Trient?

Insofern das Konzil von Trient einen neuen Typ von Bischöfen und Priestern geprägt hat, der sich ganz dem seelsorglichen Auftrag der Verkündigung des wahren Glaubens verpflichtet fühlte und auf diese Weise – unterstützt durch die großen Orden der Kapuziner und Jesuiten – in die Breite der Bevölkerung gewirkt hat. Ich persönlich habe eine Fallstudie durchführen können, in meiner Zeit als Pfarrer in Walleshausen wo ich anhand der seit circa 1640 vorhandenen Pfarrmatrikel erstaunliche Erkenntnisse erzielen konnte. Kaum dass jemand ohne Sakramente starb. Es gab eine verschwindend geringe Zahl von unehelichen Geburten. Es gab eine große Frequenz beim Sakramentenempfang und Gottesdienstbesuch. Die Bauern, zum Beispiel, pflegten, nachdem um 1740 ein Kreuzweg in der Pfarrkirche eingeweiht worden war, in der Fastenzeit vor dem nachmittäglichen Gang in den Stall individuell in die Kirche zu kommen, um die vierzehn Stationen zu betrachten und zu beten. Das ist wirklich Volkskirche – und das gab es.

War das Frucht und Höhepunkt einer Entwicklung oder kann man sagen, dass wir zum Beispiel schon in der Zeit der Staufer, also in den Jahrhunderten vorher, diese weit verbreitete katholische Kultur hatten?

Genau das gab es auch zur Zeit der gregorianischen Reform, einer Reform, der es vor allem um das Ideal der Freiheit der Kirche von weltlichen Einflüssen ging, die sich gegen Laien-Investitur, Priesterehe und Simonie, also den Ämterkauf und -verkauf durch die Bischöfe, wandte. Auch wenn sich der Episkopat und zum Teil der Klerus zunächst gegen diese Reformen stemmten, erreichte in deren Folge die Durchchristlichung des Alltags der Bevölkerung im elften und zwölften Jahrhundert einen ganz hohen Grad.

Also hatte es immer eine besondere Bedeutung, wie die geweihten Repräsentanten der Kirche in der Gesellschaft wirkten. Wenn wir jetzt über Aufbruch sprechen, würden Sie dann sagen: Ja, das ist ein ganz entscheidender Faktor, wie die Hierarchie, wie der Klerus, wie die Orden zu ihren Kernaufgaben zurückfinden oder sich als erste reformieren?

Überhaupt keine Frage. Qualis rex talis grex – Wie der Hirte, so die Herde. Man muss ja sagen, dass es in diesen Aufbruchsperioden – zu denen man die eine andere oder noch hinzufügen könnte, vor allem im zweiten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts die ultramontane Bewegung – dass es also in diesen Aufbruchsperioden für Priester und Bischöfe so etwas wie eine Identitätsproblematik überhaupt nicht gegeben hat. Die priesterliche Identität war durch die großen geistlichen Autoren des hohen Mittelalters und später durch die Dekrete des Konzils von Trient über Priestertum, Eucharistie und so weiter eindeutig definiert. Aus diesen Quellen gestaltete sich dann das priesterliche Selbstverständnis und der konkrete priesterliche und bischöfliche Alltag.

Heute aber scheint es so, als habe die Kirche keine intellektuelle Ausstrahlung mehr. Sie hat vor allem die Vertreter der Kultur, die Wissenschaftler, die Intellektuellen verloren. Hat die Kirche, was ihre eigene Wissenschaft, also die Theologie angeht, etwas falsch gemacht?

In dieser umfassenden Weise möchte ich das keineswegs unterschreiben. Es hat genug katholische Intellektuelle von hohem Rang gegeben und es gibt sie noch.

Es fallen einem kaum noch Namen ein...

Nun, sehen Sie sich doch erst einmal unter Ihren Kollegen um! Es gibt nicht wenige profiliert katholische Autoren!

Wenn ich so sehe, wer sich in den Talk-Shows oder Medien als intellektuelle Elite präsentiert – da will sich doch kaum noch jemand als kirchennah bezeichnen...

Aber das sind ja nicht unbedingt die wirklichen Intellektuellen, die da auftreten.

Haben wir in Deutschland von Robert Spaemann abgesehen noch einen großen katholischen Philosophen?

Dass Robert Spaemann hier zuerst zu nennen ist, steht außer Frage. Doch, er hat auch bedeutende Schüler!

Die Theologie scheint heute nicht mehr in ihr geistiges Umfeld auszustrahlen. War die Beheimatung der katholischen Theologie an staatlichen Universitäten immer ein Vorteil?

Auch das ist nicht einfach mit Ja oder Nein zu beantworten. Zunächst ist festzuhalten, dass die Beheimatung der Theologie innerhalb des Systems der Universitätsfakultäten eine bedeutende Rolle spielt. Sowohl für die übrigen Disziplinen als auch für die Theologie selbst ist der gegenseitige Austausch von großer Bedeutung. In einer ganzen Reihe von Fällen ist die Theologie diesem Auftrag durchaus gerecht geworden. Die eigentlichen Konflikte zwischen Lehramt und Theologie setzen doch erst – wenn man von den jansenistischen und episkopalistischen Problemen des siebzehnten Jahrhunderts absieht – mit der Aufklärung ein. Erst als sich die rationalistische Bibelkritik Ende des achtzehnten Jahrhundert zu etablieren beginnt und etwa Felix Anton Blau in Mainz sein berühmtes Werk über die Unfehlbarkeit des Papstes schreiben konnte – das im Übrigen die möglichen Einwände gegen diese Lehre viel besser und profunder formuliert hat, als dies einem Hans Küng gelungen ist, dessen Buch anders ausgesehen hätte, wenn er den Blau gekannt hätte. Erst da, und dann natürlich in der Modernismuskrise, beginnen und eskalieren die Probleme.

Nochmals zu den Aufbrüchen in der Kirche. Woraus leiten sie sich ab: Aus Reformen der Liturgie, aus der theologischen Wissenschaft oder aus geistig-geistlichen Frömmigkeits- oder Erweckungsbewegungen?

Es gibt kein einfaches Aufbruchsschema. Aber grundlegend ist immer eine vertiefte Einsicht in die Glaubensüberlieferung, in die Glaubenswahrheit gewesen. Und aus dieser ergibt sich dann etwa eine vertiefte Praxis der Liturgie und Frömmigkeit und jeweils ein engerer Anschluss an den Petrus-Nachfolger. Nicht umgekehrt.

Können Sie Beispiele nennen?

Das ist der nachtridentinische Katholizismus, das ist die Reformbewegung des hohen Mittelalters, das ist der ultramontane Aufbruch nach Abklingen der Aufklärung von 1820, 1830 an. Damals begann die Neuentdeckung der Scholastik, von der römischen Gregoriana angefangen bis hin zu ihren Ablegern an den europäischen Hochschulen. Daraus entstand ein unglaublicher religiöser Aufbruch, der sich in den circa 150 Ordensgründungen mit missionarischer, pädagogischer, caritativer Zielsetzung manifestiert, die sich im Pontifikat des seligen Pius IX. ereigneten.

Also kommt der Theologie schon eine große Bedeutung zu, wenn man über Aufbrüche nachdenkt?

Ohne Zweifel. Man müsste das an einzelnen Fällen darstellen. Nennen wir nur einmal einen aus jüngerer Zeit: Romano Guardini. Das war zweifellos ein Intellektueller, ein Theologe von hohen Graden, der Bewegungen in der Jugend der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg angestoßen hat, deren Folgen bis heute zu spüren sind. Sie drückten sich nicht zuletzt in der liturgischen Bewegung aus.

Gibt es in der Geschichte Formen des Dialogprozesses, die sich bewährt haben?

Da möchte ich erst einmal fragen: Was ist überhaupt ein Dialog? Was ist ein Dialogprozess? Wer sind die Partner in diesem Dialog? Dialog von Seiten der Kirche kann immer nur Verkündigung sein. Wenn es jetzt, zum Beispiel, um einen Dialog zwischen Bischofskonferenz und Zentralkomitee der deutschen Katholiken geht, wobei wir die Frage nach der Repräsentativität des Zentralkomitees für die deutschen Katholiken einmal ausklammern wollen, dann muss man doch feststellen, dass die Bischöfe die Lehrer der Kirche sind, und dass die Gläubigen die Lehre von den Bischöfen entgegennehmen. Lesen Sie das Konzilsdokument „Lumen gentium“, dort ist die Funktion dieser Dialogpartner eindeutig definiert. Wenn die Bischöfe der Belehrung bedürfen – und das tun sie in einer ganzen Reihe von Fällen –, dann bezieht sich diese Belehrung auf die Frage des Wirksamwerdens der Kirche in der Gesellschaft, aber keinesfalls auf die Gestaltung des innerkirchlichen Lebens und vor allem nicht auf die Verkündigung der Lehre und der sittlichen Botschaft der Kirche. Dialog kann eine Form von Verkündigung sein, nicht aber eine grundsätzliche Geisteshaltung, die Gegenpositionen gegen den Glauben dasselbe Recht und dieselbe Bedeutung einräumt wie dem Glauben selbst.

Auf den Kulturkampf folgte eine Blütezeit der katholischen Kirche in Deutschland. Muss es uns immer erst schlecht gehen, damit der Glaube aufblüht?

Ich meine, der Kulturkampf selbst war eine Blütezeit. Dass die Katholiken auf breitester Front den staatlichen Zwangsmaßnahmen standhielten, dass Bischöfe und mehr als tausend Priester sich lieber einsperren oder ihrer Ämter berauben ließen als sich dem Diktat des preußischen Staates zu unterwerfen, zeigt eindrucksvoll die religiöse Vitalität des damaligen deutschen Katholizismus.

Stehen wir heute wieder an diesem Punkt, dass der Druck von außen eine Sammlung der Kräfte, einen Neuaufbruch der Kirche erzeugt?

Der Druck erzeugt nicht notwendigerweise Gegendruck.

Mit anderen Worten: Er fehlt heute...

Der Gegendruck ist nicht da. Man hat den Eindruck, dass sich der „katholische Dialogpartner“ angesichts der aggressiven Akte einer anti-christlichen Öffentlichkeit ins Mauseloch zurückzieht.

Auch deswegen, weil die Kirche seit Bekanntwerden der Missbrauchsskandale in der Defensive steht?

Wir haben natürlich keinen Anlass, selbstbewusst oder gar arrogant aufzutreten, wenn es um diese Dinge geht. Auf der anderen Seite muss man fragen, ob diejenigen, die die Kirche jetzt an den Pranger stellen, nicht selber ein Sündenregister aufzuweisen haben, das ihnen eher anraten müsste, Zurückhaltung zu üben.

Zum Abschluss eine ganz andere Frage: Was würden Sie – als Kardinal und damit als Berater des Papstes – Benedikt XVI. raten, damit ihm Deutschland im September einen begeisterten Empfang bereitet?

Ich glaube nicht, dass der Papst in diesem Fall besonderer Beratung bedarf. Was er auf seinen bisherigen Reisen in ausgesprochene Krisengebiete erlebt und bewirkt hat, spricht eine zu deutliche und höchst eindrucksvolle Sprache. Zweitens: Prophezeiungen sind nicht Sache eines Historikers. Es geht hier nicht um Prognosen, sondern es geht um Aktion. Was unter den gegebenen Umständen dringend erforderlich scheint, ist ein gemeinsames und von allen Eitelkeiten und Prestigebedürfnissen freies Bemühen aller der Kirche verbundenen Kräfte, den Empfang des Papstes in Deutschland so zu gestalten, dass er für die Erfüllung seiner Sendung als Verkünder des Evangeliums offene Türen und Ohren findet.