Alte Reben neu entdeckt

Das Weingut Bulfon im Friaul war Vorreiter des Trends zu autochthonen Sorten. Von Werner Häussner

Archäologie gilt gemeinhin als Wissenschaft, die uralte Relikte vergangener Kulturen ausbuddelt. Wenn man die griechischen Begriffe wörtlich nimmt, könnte man sie auch als die Lehre von den Uranfängen verstehen. In diesem Sinne ist Emilio Bulfon ein Archäologe gewesen: In den sechziger Jahren, als alles Moderne chic war, ging er in seiner Heimat Friaul auf die Suche nach den Anfängen des Weinbaus. Er wurde fündig. In aufgelassenen Weingärten, überwuchert von Brombeergestrüpp, fand er alte Reben. Keiner mehr kannte sie, keiner kümmerte sich um sie.

Bulfon nahm sich des vergessenen Kulturguts an. Er wollte wissen, wie der Wein wohl schmecken würde, der sich aus ihren Trauben keltern ließe. Er sprach mit alten Winzern, sammelte das verschwindende Wissen früherer Generationen. Und machte sich schließlich, von Nachbarn belächelt, von Kunden unverstanden, auf den Weg. Er kultivierte die Rebsorten mit Namen wie Cividin, Ucelut, Forgiarín in seinen Weingärten in den Hügeln um Spilimbergo und am Fluss Tagliamento.

Heute führt sein Sohn Lorenzo das Weingut. Von den knapp 16 Hektar Rebfläche sind neun mit autochthonen Sorten bepflanzt. 700 000 Flaschen jährlich bringt er auf den Markt. Anfangs, so erinnert sich Lorenzo, war die Leidenschaft des Vaters alles andere als geschäftsfördernd. Es war schwer, den Restaurants zu vermitteln, warum sie ihren Gästen statt des modernen Cabernet oder Merlot einen Wein aus der alten Rebsorte Forgiarín anbieten sollten. Doch die Mission des Vaters wurde allmählich verstanden: „Einige Kunden verliebten sich geradezu in unsere Weine“, berichtet Lorenzo.

Heute sind im Friaul sechzehn einheimische Rebsorten registriert. Am weitesten verbreitet ist mit 1 054 Hektar Anbaufläche der „Tocai friulano“ – der jetzt aufgrund der EU-Vorschriften nur noch „Friulano“ heißen darf, um den Markenschutz des ungarischen Tokajers zu sichern. Ribolla gialla und Scioppettino liegen bei 244 und 113 Hektar. Die Sorten, die Bulfon hegt, haben nur winzige Anteile an der Rebfläche der Region: Tazzelenghe etwa, eine spät reifende uralte rote Sorte, wird auf sechs Hektar angebaut.

Es sind kostbare, einzigartige Weine, die da auf den sanften Hügeln des Friaul im Osten Italiens reifen. Sie kommen dem Geschmack einer französisch orientierten Zunge, aber auch den Liebhabern eines klassischen Chianti, Barbera oder Merlot nicht entgegen. Aber ihre unverwechselbare Individualität, ihr manchmal auch sperriger Auftritt, ihre überraschenden Nuancen lassen das Herz des genießenden Entdeckers höher schlagen. Auf die Düsseldorfer Messe ProWein hat Lorenzo Bulfon einige seiner Raritäten mitgebracht. Etwa den „Blanc di Sanzuán“ aus dem Jahrgang 2011. Dominiert von der Cividin-Rebe präsentiert sich dieser Cuvée leicht und sanft, mit einem schmeichelnden Abgang und angenehmen, nicht zu mineralischen Noten. Fülliger und mineralreicher kommt der Sciaglin daher. Die alte Rebsorte erbringt einen frisch-würzigen Tropfen, der am Gaumen ausgesprochen weich wirkt. Die verhaltene Säure macht ihn zu einem Wein, den auch empfindliche Mägen problemlos vertragen dürften. Mit dem „Pecol Ros“ hat Bulfon einen reizvollen Cuvée im Programm: Geprägt vom Refosco del Peduncolo Rosso geben ihm Forgiarin, Cianorie und Piculit Neri ihre individuellen Noten mit. Weich und füllig, mit Bukettnoten von kräftigem Gras bis zum Hauch von Vanille und Röststoffen kann der Pecol Ros den Liebhaber nicht allzu üppiger Rotweine begeistern, denn er verbindet Stoffigkeit und Leichtigkeit auf ideale Weise. Der „Ros di Sanzuán“ dagegen füllt den Mund mit entfaltungsfreudigen Aromen: Heidelbeeren und eine leichte Rauchnote verbinden sich mit ausgeprägtem Körper und intensivem Abgang. Sympathisch ist das selbst entworfene Etikett, das alle Bulfon-Weine tragen: Inspiriert von einem Fresko an dem Kirchlein S. Maria dei Battuti in Valeriano zeigt es eine Abendmahlsszene, auf der einer der Apostel aus einer Kanne Wein in Becher gießt. Die Initiative von Emilio Bulfon hat zu einer Rückbesinnung auf die ursprünglichen Rebsorten im Friaul geführt. Die Nischenprodukte machen Erzeugern wie Weintrinkern Spaß: Sie befriedigen hier den Ehrgeiz und dort die Entdeckerfreude.

Info: www.bulfon.it (Seite auf deutsch)