350 Jahre Silvaner in Franken

Der Verein Würzburger Stein-Wein-Pfad feiert „SilvanErlebnis“ zum Beispiel mit einer Gospelmesse

Ein Pfälzer Weingenießer ist schwer davon zu überzeugen, dass es noch andere (gute) Weine als die seiner Heimat gibt. Zu sehr ist er geprägt von der frischen Säure und Tiefe des Pfälzer Rieslings, wenn dieser im Sommer frisch gedünsteten Zander aus dem Rhein und frisch geerntetes Gemüse aus der Vorderpfalz begleitet. Und auch die süffige Schwere des dortigen Morio Muskat etwa, die zu einem dickleibigen einfachen Bauernschwarzbrot manches im Leben am Wirtshaustisch erträglicher macht, hat er bisher anderswo so noch nicht gefunden.

Muss er aber seine Heimat einmal verlassen, der Pfälzer Weingenießer, dann ist er bisher am ehesten schwach geworden in Franken – genauer: der Silvaner hat ihn dort ins Grübeln gebracht. Darüber nämlich, ob es sich denn nicht lohnen könnte, die Pfalz einmal Pfalz sein zu lassen, was den Wein angeht. Denn der fränkische Silvaner verkörpert die Sportlichkeit des Rieslings und die Melancholie des Morio Muskats in einer Art, dass es eine rechte Lust ist. Wobei der Franke den Silvaner gerne auch etwas fruchtiger serviert als in anderen Silvaner-Anbaugebieten Deutschlands. Ja, der fränkische Silvaner hat das Zeug dazu, einen dabei sogar das Heimweh vergessen zu lassen.

Da trifft es sich gut, dass vor genau 350 Jahren die ersten Reben des Silvaners entlang des Mains gepflanzt wurden. Denn deswegen lässt sich in diesem Jahr ein Jubiläum in Franken feiern, und die Franken feiern mindestens ebenso gerne und oft wie die Pfälzer, was beide Volksstämme gleichermaßen sympathisch macht.

Beispielsweise veranstaltet der Verein Würzburger Stein-Wein-Pfad an diesem Wochenende, dem 13. und 14. Juni, inmitten der Weinlage des Würzburger Steins sein „SilvanErlebnis“ – wie solche Veranstaltungen mittlerweile im Werbedeutsch und merkwürdiger Schreibweise genannt werden. Sei es drum für den Sprachpuristen, Hauptsache die Weinmacher sind Puristen in ihrem Metier, dem Wein.

Zu dem „SilvanErlebnis“ veranstaltet der Verein beispielsweise am heutigen Samstag ein Silvaner-Menü in fünf Aufzügen. Oder er lädt am morgigen Sonntag, 10 Uhr, zu einer Gospelmesse ein in die Weinlage Würzburger Stein, hoch über der fränkischen Metropole, um nach der Messe den Gast mit einem vielfältigen Programm zu unterhalten. Klar, dass dabei das Essen und vor allem Weinprobieren nicht zu kurz kommt. Wer zu „SilvanErlebnis“ kommt, der kann auch Lehrreiches über die Geschichte des Silvaners erfahren. Zum Beispiel, dass der Erbracher Abt Alberich Degen am Würzburger Stein 1665 erstmals die Silvaner-Rebe anpflanzte, die 1659 vom Haus Castell nach Franken gebracht worden war. Das alles kann sich der Weinliebhaber auf den Pfaden am Würzburger Stein erwandern – und das nicht allein an diesem Wochenende.

Der Verein Stein-Wein-Pfad lädt zwischen Mai und November jeden ersten Sonntag im Monat von 11 bis 13 Uhr zu öffentlichen Weinbergsführungen ein. Fachkundige führen durch die berühmteste Weinlage Frankens, erklären das Handwerk des Winzers und stellen dabei auch die Weine der Lage vor – in einem Rebsortengarten. Entlang des vier Kilometer langen Stein-Wein-Pfades mit seinen knapp 20 Stationen, einem Panoramarundweg, geht es aber nicht allein um den Wein, sondern auch die Kultur, die sich im wahrsten Sinne des Wortes um den Wein rankt, sollen die Besucher entdecken können. Sie sollen etwa die vier verschiedenen Gesteinsarten, die am Würzburger Stein anzutreffen sind, anhand von Gesteinsproben kennenlernen. Oder etwas von der menschlichen Siedlungsgeschichte seit Frühzeiten in dieser Lage erfahren. Oder sich ein Bild von einem altfränkischen Weinberg mit seiner typischen Flora machen können. Oder mehr darüber erfahren, wie hier ein Messwein gedeiht, ohne den eine katholische Eucharistiefeier kaum denkbar ist. „Weinkulturerbe“ – so nennt der Verein Wein-Stein-Pfad in Anspielung auf den Begriff vom Weltkulturerbe die Lage des Würzburger Steins, vielleicht nicht zu Unrecht.

Der Verein Würzburger Stein-Wein-Pfad ist ein Zusammenschluss der am Würzburger Stein wirkenden Weinbaubetriebe, Gastronomen und einiger an der Erhaltung und Förderung des Weinbaus am Stein engagierter Organisationen. Zuletzt hat der Verein auch einen neuen Informationspavillon am Beginn des Wein-Stein-Weges errichtet. Zum Stein-Wein-Pfad sind es nur zehn Minuten zu Fuß vom Bahnhof aus. Beim Fest „SilvanErlebnis“ werden Parkplätze eigens ausgewiesen. Für Radfahrer ist der Zugang über die Rotkreuzsteige ungehindert möglich.

Ein Pfälzer Weingenießer jedenfalls, wenn er auf diesem Weg unterwegs ist, gerät leicht in Gefahr, seiner Heimat untreu zu werden. Er sollte sich dann einen Silvaner gönnen, um darüber hinwegzukommen.

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