„Wir müssen uns Gott anpassen und nicht Gott sich uns“

Ein Gespräch mit dem Präfekten der vatikanischen Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung. Robert Kardinal Sarah. Von Stefan Meetschen

Robert Kardinal Sarah. Foto: KNA
Eminenz, mit Ihrem Interviewbuch „Gott oder nichts“ sorgen Sie derzeit in vielen Ländern der Welt für Aufsehen. Im vergangenen Jahr wurde es in Deutschland, Italien, Amerika und Frankreich präsentiert, jetzt in Polen. Was für Eindrücke haben Sie, wenn Sie das Buch vorstellen? Was für unterschiedliche Leserreaktionen gibt es?

Es gibt verschiedene Leserreaktionen, die mich sehr berühren. Der erste Brief, den ich bekommen habe, war von Papst Benedikt XVI. Er schrieb, dass er „Gott oder nichts“ gelesen habe und dass er aus der Lektüre einen großen geistlichen Nutzen gezogen habe. „Ich danke Ihnen für Ihren Mut. Ich hoffe, dass dieses Buch in viele Sprachen übersetzt wird.“ Vor einer Woche sagte mir ein deutscher Bischof, dass das Buch in Deutschland auf viel Interesse stoße. Auch seine Mutter lese es und habe sogar den Termin für eine Augenoperation verschieben lassen, um „Gott oder nichts“ erst zu Ende zu lesen. Das ist sehr berührend. Ich bekommen viele Briefe von Priestern und Laien, die für die Lektüre des Buches dankbar sind, ganz besonders wegen der Klarheit und der Treue zur Lehre, die man in ihm findet.

Sie schildern in „Gott oder nichts“ Ihren persönlichen Weg zum Glauben. In einem Dorf in Guinea (Westafrika) geboren, wurde Ihrer Familie das Evangelium durch Missionare vermittelt. Im Westen ist der Begriff Mission mittlerweile unpopulär. Man setzt vor allem auf soziale oder politische Hilfe. Wie kann Europa zu seinem evangelistischen Geist zurückfinden?

Wenn sich Europa weiterhin vom Materialismus und Horizontalismus verführen lässt und nur den materiellen Wohlstand im Blick behält, dann kann es nicht den Sinn der Mission zurückgewinnen. Denn bei der Mission kommt es auf die Beziehung an, welche Gott mit den Menschen hat. Deshalb denke ich, dass Europa eine Neuevangelisierung braucht. Man muss Europa helfen, das Evangelium wiederzuentdecken, weil es ein Schatz, ein Licht ist. Der heilige Papst Johannes Paul II., ebenso Papst Benedikt XVI. und Papst Franziskus beharren darauf, dass Europa einer Neuevangelisierung bedarf. Das setzt aber voraus, dass der Herr auch wirklich zu uns kommen kann. Wir müssen ihn aufnehmen! Der Evangelist Johannes schreibt: „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.“ Die Neuevangelisierung des Westens setzt allerdings erhebliche Mühen voraus, doch was sind die Alternativen? Wenn wir es nicht neuevangelisieren, bleibt Europa auf der horizontalen Ebene stecken, die Menschen lernen nicht, die Vertikale zu betrachten, Richtung Gott. Dazu kommt: Wenn wir Europa nicht evangelisieren, so wird Europa aufgrund seiner wirtschaftlichen, politischen, technologischen und militärischen Macht die ganze Welt zu Heiden machen.

Dennoch zieht Europa momentan viele Menschen an. Ist jetzt nicht doch die soziale, materielle Hilfe dringender als die spirituelle?

Die Menschen kommen, und sie suchen nach materieller Hilfe, weil sie nicht auf geistliche Hilfe zählen können. Es gibt keine geistliche Hilfe. Es besteht auch die Gefahr, dass diejenigen, die kommen, sogar ihre eigene Spiritualität, Religion und Kultur verlieren. Sie können in Europa zu Materialisten werden. Früher sprach man über die Mission ad gentes, hinaus zu den Völkern gehend, jetzt findet diese Mission ad gentes innerhalb Europas statt. Man muss gar nicht weit weggehen, um zu evangelisieren, sondern diejenigen, die kommen, evangelisieren. Vielleicht kommen sie hierher, um Christus zu entdecken. Aber der Westen ist gar nicht darauf vorbereitet, diese geistliche Hilfe anzubieten. Europa bietet viel: Arbeit, Geld, Medizin. Doch es ist müde. Ich denke, man muss Europa wieder aufwecken – für seine Weltmission. Deshalb bin ich davon überzeugt, dass man den Westen neuevangelisieren muss, so dass er nicht in der Horizontale bleibt.

Es wird aber auch gesagt, dass das Evangelium in jeder Kultur, jedem Land anders gelebt wird. Man solle nicht die afrikanischen Maßstäbe auf andere Kontinente übertragen. Gilt das auch für den Umgang mit den Sakramenten? Ist es denkbar, in manchen Ländern liberaler zu verfahren (Zulassung zur Kommunion für wiederverheiratet Geschiedene) oder wäre das eine Anpassung an den Zeitgeist?

Die Sakramente sind keine Sache der Kultur! Um den Leib Christi empfangen zu dürfen, muss man in einer bestimmten Verfassung sein. Unabhängig davon, ob wir Afrikaner oder Europäer sind, müssen wir auf die gleiche Weise dazu vorbereitet sein. Die Kultur spielt dabei keine Rolle! Wenn man eine Sünde begangen hat, muss man beichten. Wenn man geschieden und wiederverheiratet ist, kann man nicht die Kommunion empfangen. Egal, ob man Afrikaner oder Europäer ist. Christus hat gesagt: „Wer seine Frau entlässt, und eine andere heiratet, der begeht Ehebruch.“ Christus sagt nicht, dass dies nur für die Afrikaner gilt. Dies gilt für alle. Johannes der Täufer sprach nicht zu den Christen, wenn er zu Herodes sagte: „Du hattest nicht das Recht, die Frau deines Bruders zur Frau zu nehmen.“ Die Kultur tut nichts zur Sache. Wir müssen vorbereitet sein, um den Leib Christi zu empfangen. Deshalb müssen wir dem Evangelium folgen, in der Weise, in welcher Gott über die Ehe denkt. Wenn wir denken, dass wir uns der Kultur anpassen müssen, dann muss man beachten, dass die heutige Kultur die Kultur der Scheidung und der erneuten Heirat ist. Dies ist keine gute Kultur. Es ist eine Kultur, die für viele Schwierigkeiten, viel Leid sorgt. Die Frau, die vom Mann verlassen wurde, leidet. Die Kinder leiden. Deshalb kann man sich unmöglich einer solchen Kultur anpassen. Wir müssen uns Gott anpassen und nicht Gott sich uns.

Was erwarten Sie vom Jahr der Barmherzigkeit? Vom Weltjugendtag 2016 in Krakau? Für die Weltkirche…

Ich denke, dass das Jahr der Barmherzigkeit ein Jahr ist, das uns an die Rückkehr des verlorenen Sohnes zum Vater erinnert. Wir können nicht in den Sünden unseres Lebens bleiben und dem Haus Gottes den Rücken zukehren. Barmherzigkeit heißt: wir kehren zum Haus des Vaters zurück und werden vom Vater empfangen. Es handelt sich also um ein Jahr der Bekehrung zum Evangelium. Ich hoffe deshalb, dass der Weltjugendtag 2016 der Jugend nicht nur die Gelegenheit bietet, das katholische Polen, das Polen von Johannes Paul II. und von Schwester Faustina, zu entdecken, sondern ihnen auch dabei hilft, ihren katholischen Glauben neu zu erfassen. Das ist meine Hoffnung.