Sperrstunde im globalen Dorfwirtshaus

Die Medien seien die vierte Macht im Staate, heißt es. Wikileaks zeigt: Das Internet hat diese Macht jetzt globalisiert. Information und Desinformation agieren global, wie die Finanzmärkte und das organisierte Verbrechen. Recht und Politik bleiben dagegen an Schlagbäumen stehen und beäugen staunend das weltweite Treiben. Von Stephan Baier

Der moderne Stammtisch heute nimmt auch einen kräftigen Schluck weltpolitischen Klatsch und Tratsch aus der Wikileaks-Pu... Foto: dpa (2)/Montage: DT

Über Wikileaks wird in diesen Tagen viel geschrieben, viel zu viel. Und das hat eine innere Logik, denn Wikileaks ist gar nicht Journalismus, sondern Politik. Eine eigenwillige, skurrile, neue Form von Politik, aber eben doch moderne Politik. Gegen diese These könnte man einwenden, das Internet sei doch ein Medium und Wikileaks habe etwas veröffentlicht. Das ist richtig, aber nicht ausreichend, um Julian Assange für einen Journalisten zu halten, denn sonst wäre auch das Staatsfernsehen Kubas oder Nord-Koreas Journalismus. Und das wird ja nun wirklich niemand behaupten. Nein, was Fidel Castro, Kim Jong-Il und Julian Assange betreiben, ist Politik, nicht Journalismus. Dass sie sich dabei der Medien bedienen, steht auf einem anderen Blatt.

Dass sich umgekehrt auch die Medien ihrer bedienen, ebenso: Auch über die Skurrilitäten von Kim Jong-Il, über den Gesundheitszustand Fidel Castros, über die Gedankenwelt Mahmud Ahmadinedschads wird in echten Medien breit berichtet. Warum also nicht über Assanges Verhaftung, über seine Drohungen gegen russische Oligarchen und amerikanische Großbanken, über das Datenmaterial, das er der Welt vor die Füße knallt. Dokumente, die man gestohlen oder zugespielt bekommen hat, zu verbreiten, ist noch kein Journalismus. Was „Der Spiegel“ und die anderen privilegierten Assange-Adressaten daraus machten, allerdings schon.

Nein, wir bekommen keinen Aufschluss über die Welt und was sie im Innersten zusammenhält

Wie interessant und wie relevant sind nun die Informationen, die Assange der Medienwelt und einer globalen Öffentlichkeit zuspielte? Für die Beurteilung der weltpolitischen Lage sind sie einigermaßen irrelevant. Wer sich halbwegs mit Russland befasste, wusste auch bisher, wer im ungleichen Duo Medwedjew-Putin der Koch, und wer der Kellner ist. Wer sich mit dem Nahen Osten auseinandersetzte, muss weder seine Einschätzung des Irak-Kriegs noch seine Sicht auf das iranisch-saudische Verhältnis neu ordnen. Wem deutsche Innenpolitik und das deutsch-amerikanische Verhältnis vertraut waren, dem wird bei den auf Deutschland bezogenen Wikileaks-Enthüllungen die Kinnlade nicht nach unten gekippt sein.

Nein, wir bekommen keinen Aufschluss über die Welt und was sie im Innersten zusammenhält, sondern allenfalls über die Weltsicht einiger US-amerikanischer Diplomaten.

Wer immer schon wissen wollte, wozu sich unsere Regierungen Heerscharen von Diplomaten leisten, die auf Kosten der Steuerzahler in feinen Anzügen beim feinen Diner feine Speisen schlemmen, köstliche Weine verkosten und nur selten die Contenance verlieren, ist jetzt um eine Einsicht reicher. Diese Klasse versteht sich nicht nur auf nichtssagendes Diplomatenenglisch (früher -französisch), sondern auch auf plumpe Polemik. Insofern sind die Veröffentlichungen natürlich interessant – so erhellend und unterhaltsam wie eine Stammtischrunde mit einem angesäuselten redseligen Lokalpolitiker.

Tatsächlich ist der Stammtisch, das Dorfwirtshaus oder das Feuerwehrfest für den Lokalreporter ungefähr das, was Wikileaks jetzt für den Außenpolitik-Redakteur ist: Da hört beziehungsweise liest man, was diese Typen sagen beziehungsweise schreiben, wenn sie sich unbeobachtet fühlen, die eingelernten Manieren über Bord werfen und Klartext reden, weil sie nicht bedenken, dass die im Bierdunst geäußerte Publikumsbeschimpfung morgen in den „Hinterweltler Neuesten Nachrichten“ steht – gefiltert nur durch die auch schon etwas eingetrübte Erinnerung des trinkfesten Lokalredakteurs.

Aber natürlich ist dieser Klatsch für das Dorfpublikum interessanter als die Festansprache des Bürgermeisters vor dem Umtrunk. So sind die mehr oder weniger vertraulichen, mehr oder weniger erleuchteten Rückmeldungen der entsandten US-Diplomaten an ihre Zentrale in Washington natürlich aufschlussreicher als ihre ermüdenden Reden mit Champagnerglas in der Rechten. Aufschlussreich, wie gesagt, nur in Bezug auf ihre Weltsicht – nicht auf die wirkliche Welt. Und hie und da rutscht ihnen natürlich etwas raus, was die Öffentlichkeit so ganz und gar nicht erfahren sollte: etwa, wenn sie einen Informanten verpfeifen, was Diplomaten nicht weniger disqualifiziert als Geheimagenten und Journalisten, wenn sie über Verbündete lästern und sich über Partner lustig machen.

Wenn die Weltpolitik nichts anderes mehr ist als provinzielle Lokalpolitik

Hier könnte dieser Beitrag enden, könnten wir Wikileaks vergessen, wenn da nicht noch andere Dimensionen wären. Bleiben wir in unserem Dorfwirtshaus: Angenommen, der sonst so trinkfeste Dorfbürgermeister hat diesmal zwei, drei Bier zuviel getrunken und redet mit dem Lokalreporter – die beiden kennen sich seit Jahren und sind „per Du“ – so richtig frei von der Leber weg: Warum er den Sprecher der eigenen Partei (Herrn A) für einen vertrottelten Analphabeten und den der Opposition (Herrn B) für einen wilden Schürzenjäger hält. Der Lokalreporter hört aufmerksam zu und versucht zwischen den Bieren weniger Schnaps zu trinken als der Herr Bürgermeister.

Wenn er ein guter Journalist ist, wird er am nächsten Morgen nach Kaffee mit Aspirin beschließen, keine „Enthüllungsstory“ zu schreiben. Er beschließt, sich die Einschätzungen des Bürgermeisters zu merken, als Hintergrundwissen für seine Bewertung der kommunalpolitischen Querelen, sie aber auch nicht überzubewerten, sondern sie in sein kommunalpolitisches Bild einzuordnen. Fazit: Der verkaterte Bürgermeister ist ihm dankbar, schätzt seine journalistische Seriosität und wird ihm künftig vielleicht sogar im nüchternen Zustand hin und wieder eine interessante Hintergrundinformation zukommen lassen. Das Verhältnis zwischen dem Bürgermeister und den Herren A und B bleibt unverändert.

Ist der Lokalreporter allerdings ein mieser Journalist, dem die „Story“ heute wichtiger ist als die Zukunft seriöser Lokalberichterstattung, dann wird er alle Beteiligten bloßstellen. Er schreibt eine große Geschichte und erzielt damit erstaunliche Wirkung: Das Dorf spricht drei Tage lang über nichts anderes als seine „Story“; der Bürgermeister ist blamiert und wird ihm nie wieder etwas sagen; Herr A ist gedemütigt und hasst ab sofort den Bürgermeister und auch den Lokalreporter; Herr B bekommt einen handfesten Ehekrach und sinnt auf Rache – gegen den Bürgermeister und gegen den Lokalreporter. Genau diesen Weg wählte Wikileaks nun mit der Veröffentlichung von interner Diplomatenpost.

Natürlich sind jetzt zahlreiche Politiker offen beleidigt gegenüber der US-Diplomatie (Medwedjew, Putin, Ahmadinedschad, Erdogan), andere sind heimlich beleidigt oder sinnen im Stillen auf Rache. Diplomatie beruht geradezu auf dem Grundsatz, dass keiner alles sagt, was er über den anderen denkt und weiß. Sie beruht auf Manieren und gepflegten Umgangsformen, auf dem Grundsatz, dass am Ende jeder sein Gesicht wahren können sollte. Wikileaks hat die amerikanische Diplomatie und ihre Unfähigkeit zu echter Geheimhaltung gezeigt, hat Politiker vieler Länder blamiert und brüskiert. So wie die oben genannten Herren A und B haben nun viele Politiker vieler Länder gute Gründe, sowohl die amerikanische Regierung und ihre Diplomaten als auch Wikileaks böse zu sein. Selbst dann, wenn sie bereits wussten, wie sie eingeschätzt werden, verändert die Tatsache, dass sie und die Welt es nun schriftlich bekommen haben, die Realität.

Insofern hat Wikileaks Politik geprägt und verändert, die Beziehungen zwischen Politikern und sogar Staaten beeinflusst, die internationale Atmosphäre getrübt, Emotionen bei den politischen Akteuren wachgerufen. Als wäre das nicht folgenschwer genug, haben die Veröffentlichungen aber auch gezeigt, in welch desolatem Zustand die amerikanische Außenpolitik ist. Ganz sicher wird die US-Diplomatie in naher Zukunft weniger Informanten finden, denn Journalisten, Diplomaten und Geheimdienste, die ihre Informanten nicht geheim halten wollen oder können, sägen den Ast ab, auf dem sie sitzen. Wer aus Wichtigtuerei oder Hoffnung auf Profit, aus politischem Kalkül oder Weltanschauung US-Botschaften irgendwo auf der Welt vertrauliche Informationen zuspielte, muss nun zittern. Da muss man mit dem FDP-Mitarbeiter im Arbeitszimmer von Guido Westerwelle, der Hintergründe über die Koalitionsgespräche preisgab, kein Mitleid haben, mit oppositionellen Kräften in Diktaturen allerdings schon.

Auch CNN, BBC und Al-Dschasira haben globale Wirkung, doch wird dort echter Journalismus gemacht

Wikileaks hat der Welt die Schwäche der Diplomatie der ersten Supermacht der Welt gezeigt. Und es hat gezeigt, dass das Internet mittlerweile zu einer Macht von globaler Wirkung geworden ist. Natürlich hatten Medien immer schon politische Macht. Um das oben geschilderte Beispiel weiterzuführen: Vielleicht hätte die Enthüllungsstory unseres trinkfesten Lokalreporters zum Sturz des Bürgermeisters geführt. Spätestens seit „Watergate“ wissen wir um die Tragweite von Enthüllungsjournalismus. Aber erstens betreibt Wikileaks keinen Journalismus und zweitens hat es keine lokale oder nationale, sondern globale Wirkung.

Auch CNN, BBC und Al-Dschasira haben globale Wirkung, doch wird dort echter Journalismus gemacht. Wie aber soll die Weltpolitik mit einem virtuellen Global Player umgehen, der sich an keine staatlichen Gesetze und an kein journalistisches Ethos gebunden fühlt? Journalisten und Politiker haben täglich miteinander zu tun und begegnen sich mit einer gehörigen Dosis professioneller Skepsis. Dass sie sich meist nicht völlig in die Haare geraten, liegt daran, dass es Spielregeln des Umgangs gibt. Wikileaks kennt solche Spielregeln nicht, so wie auch andere Internet-Portale ohne Spielregeln und journalistische Grundsätze auskommen. Die Information und ihre hässliche Zwillingsschwester, die Desinformation, treten im Internet kaum unterscheidbar zusammen auf.

Das ist eine neue Seite der Globalisierung: Global agierende Internet-Portale als eigenständige Mächte, die Politik beeinflussen und verändern, die Beziehungen und Kräfteverhältnisse zwischen Staaten manipulieren können. Man muss keiner etatistischen Ideologie huldigen, um die Risiken und Nebenwirkungen dieser neuen Dimension zu ahnen. Zwei Wirklichkeiten staatsunabhängiger Globalisierung haben uns bereits demonstriert, welche gewaltigen Folgen die von staatlichem Recht und traditionellem Ethos losgelöste globale Macht „Privater“ haben kann: die von der Realwirtschaft abgekoppelten Finanzmärkte und die organisierte Kriminalität. Auch hier wird viel über globale Spielregeln diskutiert, ohne dass unsere Staaten bereit und in der Lage wären, einen Teil ihrer schattenhaften, eingebildeten Souveränität aufzugeben zugunsten einer globalen Durchsetzung des Rechts.

Das globale Dorfwirtshaus braucht eine Sperrstunde.