Leitartikel: Kein Theater der realen Gewalt

Von Stefan Meetschen

Stefan Meetschen. Foto: DT

Dass man mit öffentlichen Worten und Gesten beim Publikum eine Wirkung erzielen und Handlungen auslösen kann, wissen nicht nur Politiker, sondern – vielleicht sogar noch vor diesen – die Theaterleute. Von Aristoteles („Poetik“) bis Gotthold Ephraim Lessing („Hamburgische Dramaturgie“), von Friedrich Schiller („Die Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet“) bis hin zu Bertolt Brecht („Schriften zum Theater“) – stets haben die Theoretiker und Praktiker der Bühne darüber sinniert, welche Emotionen und Reaktionen man durch Theateraufführungen fördern kann, fördern darf oder lieber nicht fördern sollte.

Umso erschreckender ist die Leichtfertigkeit, mit welcher der Dramatiker und Regisseur Falk Richter in seinem aktuellen Stück „Fear“ (Angst), das heute abend wieder an der Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin aufgeführt werden soll, zur Gewalt animiert. Katholische Lebens- und Familienschützer wie Hedwig von Beverfoerde, Birgit Kelle oder Gabriele Kuby werden in Falks Stück als – was sie nicht sind – rechtsextreme Hassredner dargestellt und – was sie natürlich auch nicht sind – in die Nähe von „Zombies“ gerückt, die nur dann „wirklich tot“ seien, wie es auf der Bühne gesagt wird, wenn man ihnen „mitten ins Gesicht“ schieße. Eine solche künstlerisch bemäntelte Anstiftung zur Gewalt, oder, so muss man wohl leider präzisieren, zum Mord, ist durch nichts zu rechtfertigen. Weder durch die so oft beschworene künstlerische Freiheit, noch durch die Meinungs- und Redefreiheit und auch nicht durch unterschiedliche politische Auffassungen und Konzepte hinsichtlich Ehe und Familie, Sexualität und Erziehung. Wer in einem demokratisch freiheitlichen Rechtsstaat wie der Bundesrepublik die Bühne instrumentalisiert, um reale Menschen zu Zielscheiben zu erklären, übt selbst eine Form von Hassrede aus, die völlig unakzeptabel ist und im öffentlichen Raum nicht geduldet werden darf. Weshalb die vom international anerkannten Intendanten Thomas Ostermeier geleitete Bühne, an der früher Peter Stein und Andrea Breth Regie-Maßstäbe setzten, gut beraten wäre, das Stück Falks umgehend vom Spielplan zu nehmen.

Gerade auch deshalb, um zu verhindern, dass es – wie bereits im Zuge der Uraufführung geschehen – zu weiteren realen Gewalttaten und Drohungen gegen engagierte Christen kommt. Wo kämen wir hin, wenn diese Form der Gewalt und Einschüchterung weiter eskaliert? Christen haben das Recht, ihren Glauben im Privatleben zu kultivieren, und als Mitglieder der Zivilgesellschaft sind sie auch berechtigt, sich im Rahmen von Demonstrationen und Diskursen gegen ideologische Lehrpläne und Ansichten argumentativ zur Wehr zu setzen – sachlich und leidenschaftlich, konsequent und kritisch, so, wie es auch diejenigen tun, die anders denken, anders glauben, anders leben. So lange es fair und friedlich bleibt, gibt das dem pluralistischen Miteinander in Deutschland eine gewisse kreative Würze. Etwas anderes ist es jedoch, wenn Christen, die bei Auftritten in den Medien durchaus nicht schmerzempfindlich sein dürfen, sich nun mit einer neuen Dimension der Scharfmacherei und Hetze konfrontiert sehen, die sogar lebensbedrohliche Züge enthält. Aristoteles strebte die Reinigung (Katharsis) des Publikums an. Für realen Hass und reale Gewaltaufrufe ist im Theater kein Raum.