„Das ist übelwollende Tyrannei“

Schikanen gegen christliche Flüchtlinge in Baden-Württemberg stoßen auf Kritik – Ein Gespräch mit Robert Spaemann. Von Regina Einig

Robert Spaemann. Foto: Archiv

In Baden-Württemberg leiden immer mehr christliche Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak in Massenunterkünften unter Schikanen ihrer muslimischen Mitbewohner. Die Assyrische Gemeinde in Stuttgart setzt sich dafür ein, christliche Flüchtlinge gemeinsam in einem derzeit im Bau befindlichen Quartier in Neugereut unterzubringen. Der Philosoph Robert Spaemann unterstützt die Petition der Initiative CitizenGO für die gemeinsame Unterbringung vertriebener Christen unter www.citizengo.org/de

Herr Professor Spaemann, wie beurteilen Sie den Wunsch christlicher Flüchtlinge nach einer eigenen Unterkunft?

Dieser Wunsch ist mehr als verständlich. Die christlichen Flüchtlinge befinden sich in manchen Quartieren so wie in ihrer Heimat, die sie verlassen haben, in einem Zustand der Diskriminierung und Gefährdung. Es sind oft furchtbare Zustände. Es gibt mehrere Flüchtlingsheime, in denen dürfen christliche Flüchtlinge in den gemeinsamen Kühlschrank kein Schweinefleisch legen und offenbar überhaupt kein Schweinefleisch haben. Sie dürfen nicht sich an den denselben Tisch setzen, an dem Moslems sitzen.

Die Stadtverwaltung sieht das aber anders.

Ja, der Leiter des Sozialamtes sagt, getrennte Unterbringung sei der falsche Weg, die Unterkünfte seien so etwas wie die Vereinten Nationen im Kleinen. Die Leute müssten spätestens jetzt lernen, miteinander klarzukommen. Das ist Unsinn. Wir haben nicht ein Abbild der Vereinten Nationen in unseren Häusern, sondern es sind uns anvertraute Menschen, die als Flüchtlinge herkommen (jedenfalls unter diesem Titel, oft stimmt das nicht). Sie sollen nach Möglichkeit unter Gleichgesinnten untergebracht werden: Das ist doch ein Gebot der Humanität. Das geschieht oft absichtlich nicht. Man will gemeinsame Religion als eine Form von Nähe ignorieren und Menschen, die sich als Brüder fühlen, in der Fremde absichtlich auseinanderreißen. Das ist eine übelwollende Tyrannei. Es ist zynisch, zu fordern, „miteinander klarzukommen“. Die Christen würden schon gern, aber die Muslime, die in den Unterkünften den Ton angeben, sind daran gar nicht interessiert.

Was erhoffen Sie sich von der Petition?

Ich hoffe, dass der Wunsch der Christen nach einer gemeinsamen Unterkunft erfüllt wird und berufe mich dabei auch auf Ministerpräsident Kretschmann, der in solchen Fällen ausdrücklich getrennte Unterbringung befürwortet.

Warum wollen die örtlichen Ansprechpartner nichts von diesem Problem hören?

Dahinter steht eine Ideologie. Man will das Flüchtlingsproblem benutzen, um die gesellschaftliche Bedeutung der Religion möglichst zum Verschwinden zu bringen. Religion soll Privatsache sein. Wenn es dann Streitigkeiten gibt, wird das heruntergespielt.

Stadtverwaltungen können sich auf das Beispiel der Kirche berufen, die christliche und muslimische Flüchtlinge oft gemeinsam unterbringt. Muss die Kirche umdenken?

Ja. Paulus schreibt an die Galater: „Tut allen Menschen Gutes, besonders aber denen, die mit uns im Glauben verbunden sind“. Wenn man nicht allen helfen kann, dann gibt es eine Rangordnung der Nähe und der Ferne. Das kann die Religion oder die Landsmannschaft sein, Menschen mit gemeinsamen Interessen, gemeinsamen Weltanschauungen. Das ist doch das Natürlichste der Welt. Warum lehnen Menschen das ab? Gerade in sozialen Berufen ist es besonders verbreitet: man will am liebsten gar nichts davon hören. Und wir kennen das auch aus den Zeitungen: Berichte über Straftaten werden nicht so gerne gebracht, wenn die Opfer Christen sind. Statistiken werden in den Giftschrank gesperrt.