Das Versprechen des Zölibats

In der SWR-Talkshow „Nachtcafé“ ging es viel um Liebe und Sexualität, die Berufung des Priesters war kein Thema. Von Alexander Riebel

Nachtcafé, Folge 41
Die SWR Talkshow „Das Kreuz mit dem Sex“, von links: Andreas Englisch, Rotraud Perner, Krzysztof Charamsa, Michael Stein... Foto: dpa

Wird die Kirche ihre Haltung zur Sexualität jemals ändern? Diese Frage stellte Moderator Michael Steinbrecher einleitend in der SWR-Talkshow „Nachtcafé“ am Freitagabend über „Das Kreuz mit dem Sex“. Das Thema sollte dramatisch klingen und leider hielt die Sendung auch an dieser Dramatik fest. So dass es zwei Studiogästen irgendwann zuviel wurde und sowohl der frühere Mitarbeiter der Glaubenskongregation, Krzysztof Charamsa, wie auch der frühere Pfarrer Stefan Hartmann darin übereinkamen, dass sie sich an dem Wort „Sex“ im Titel der Sendung störten – ihnen ging es um die Liebe.

Ein lässiger Umgang mit dem Priestertum

Die Liebe war denn auch das allgegenwärtige Thema, auch bei Charamsa, der sich vor der Familiensynode im vergangenen Oktober als homosexuell geoutet hatte. Von Homosexualität zu sprechen vermied er allerdings. Das Wichtigste sei ihm immer die Freundschaft in der Liebe gewesen. Mit der Kirche ging er hart ins Gericht. „Ich war Inquisitor“, sagte er und wetterte gegen eine angebliche Gewalt der Kirche gegenüber Homosexuellen. Weihbischof Hans-Jochen Jaschke hielt Charamsa gleich zu Beginn seiner Tiraden entgegen: „Sie haben versprochen, den Zölibat zu halten. Es hätten auch andere Wege genommen werden können.“ Damit meinte er das spektakuläre Outing unmittelbar vor der Familiensynode. Charamsa aber sprach sogar von einer „Berufung“ zum Schwulsein. Solch einen theologische Begriff wusste er grotesk zu verdrehen. Seine Neigung aber versuchte er auf festen Boden zu stellen. Denn Charamsa wies ausdrücklich darauf hin, dass er immer schon gewusst habe, dass er schwul sei: „Es steckte in mir, es ist nicht hineingekommen.“ Damit widerspricht er den Gender-Anhängern, die von einer kulturellen Entstehung des Geschlechts sprechen. Charamsa aber wollte an dieser Stelle keinen Relativismus. Weihbischof Jaschke stellte klar, dass die Glaubenskongregation von tief verwurzelter Homosexualität spreche: „Wir sagen nicht, dass Homosexuelle nicht Priester werden dürfen.“ Nur meinte Jaschke nicht die praktizierte Homosexualität – die aber glaubte Charamsa wohl mit seinem Priestersein vereinbaren zu können.

Die Aufgaben des Priesters und der Sinn des Zölibats kamen in der Sendung erwartungsgemäß kaum zur Sprache. Als Weihbischof Jaschke darauf hinwies, dass der Priester durch den Zölibat auch mehr Zeit etwa für seelsorgerische Aufgaben habe, verneinte Charamsa das beinahe trotzig – man habe nicht mehr Zeit durch den Zölibat. Wirklich nicht?

Der ehemalige Pfarrer Stefan Hartmann, bereits bekannt durch frühere Talkshows, hatte diesmal seine Lebensgefährtin Sandra Dorn mitgebracht. Auch sie führte die Liebe als Geschenk Gottes an, das man annehmen müsse; darum dürfe es nichts heimliches sein. Und man dürfe sich nicht gegen die Liebe stellen. Als Weihbischof Jaschke einwarf, der Zölibat gehe auf Jesus zurück, schaltete sich auch wieder Charamsa ein mit der Meinung, der Zölibat sei doch nur eine politische Entscheidung der Kirche. „Aber es gibt welche, die um des Himmelreichs allein leben“, zitierte Jaschke Christus. Darüber hätte in der Sendung mehr gesprochen werden sollen.

Die Talkshow war ungleich verteilt, außer dem Weihbischof gab es keinen Verteidiger der Kirche. Das war offenbar so gewollt. Und so konnte das Kirchen-bashing beinahe eineinhalb Stunden dauern. „Wer geht noch in ein Priesterseminar, um sich das alles anzutun?“, fragte Hartmann. Er habe geglaubt, den Zölibat zu schaffen, „und jetzt gehe ich einen anderen Weg. Da ist kein Problem.“ Diese sorglose Haltung einem Versprechen der Kirche gegenüber war typisch für die Sendung. Daran konnte auch das Schicksal des Marco Palmiro Stoop nichts ändern, der im Alter von neun Jahren erfuhr, dass sein Vater katholischer Pfarrer war. Auch der glaubte, den Zölibat mit Liebesbeziehungen vereinbaren zu können. Weder die Aufgeregtheit eines Andreas Englisch (Buchautor) noch die psychologischen Eingaben von Frau Professor Rotraud Perner halfen hier weiter.