„Ägypten will Frieden und Fortschritt“

Der in Kairo wirkende Monsignore Joachim Schroedel zum bevorstehenden Besuch von Papst Franziskus am Nil. Von Stephan Baier

Papst Franziskus kommt am 28. April nach Kairo. Kann das die Situation der Christen in Ägypten stärken und verbessern?

Die gesellschaftliche Situation hat sich seit dem Besuch von Papst Johannes Paul II. vor 17 Jahren gewandelt. Nach einer versuchten Revolution und einer kurzen Herrschaft der Islamisten hat heute wieder das Militär die Macht. Ägypten hat etwa 20 Millionen Einwohner mehr, die wirtschaftliche Lage ist voller Herausforderungen. Doch die Anwesenheit des Hauptes der Christenheit wurde herbeigesehnt, und sein Besuch wird mit Sicherheit Segen bringen.

Wie sehen Ägyptens Muslime den Papst?

Der damalige Besuch des Papstes hatte bei vielen Muslimen Begeisterung ausgelöst. Ich durfte im Jahr 2000 dabei sein und den Heiligen Vater begleiten. Muslimische Freunde sagten angesichts des von Krankheit gezeichneten Papstes: „Ihr habt einen Heiligen als Führer!“ Wie sehr sie damit Recht hatten! Die Ägypter – Muslime wie Christen – sind für ihre Gastfreundschaft bekannt. So gibt es in einem Land mit großer muslimischer Mehrheit christliche und viele ausländische Schulen.

Was erhofft sich Staatspräsident Al-Sisi vom Papstbesuch in Ägypten?

Präsident Al-Sisi hat schon zu Beginn seiner Präsidentschaft Zeichen gesetzt. In einer Ansprache in der Kathedrale des koptischen Papstes sagte er 2015: „Ich will nicht mehr die Frage hören: Bist Du Christ? Bist Du Muslim? Wir alle sind Ägypter, die wir Verantwortung für unser Land tragen!“ Der Besuch des wichtigsten religiösen Führers der Welt in Ägypten signalisiert: Dieses Land will den Frieden und den Fortschritt. Nichts braucht dieses „Heilige Land westlich des Roten Meeres“ mehr.

Was kann die Wiederaufnahme des Dialogs zwischen Al-Azhar und Vatikan für das christlich-muslimische Miteinander bringen?

Der Dialog zwischen Islam und katholischer Kirche in Ägypten hat nie aufgehört. Es ist gut, wenn Institutionen miteinander sprechen, wichtiger aber ist der „Dialog des Lebens“. Vom Dialog der Theologie kann man nicht viel erwarten. Dass dort nette Dinge gesagt werden ist schön. Höflichkeit und Respekt sind eine unverzichtbare Grundlage des Miteinanders. Der Dialog des Lebens ist jedoch entscheidender. Hier müssen Christen und Muslime immer wieder neu lernen, in Klarheit und Wahrheit miteinander Wege für ein Leben in Freiheit, Gerechtigkeit und Wohlstand zu suchen. Die kritische Lage in der Welt verunsichert leider Christen und Muslime in Ägypten. Wir hier in Ägypten sagen: Man kann über alles reden, nur nicht über Religion. Aber in Ägypten wie in Europa sind Themen wie Umweltschutz, Gerechtigkeit, Meinungsfreiheit auch ohne Bezug auf die Religion und deren Implikationen anzugehen.

Die Beziehungen zwischen der koptisch-orientalischen und der katholischen Kirche sind nicht ohne Spannungen. Kann der Papstbesuch in Kairo hier etwas bewirken?

Patriarch Tawadros II. und der koptisch-katholische Patriarch Ibrahim Sidrak gehören einer neuen Generation von Bischöfen an, die auch unter der Last von Traditionen leiden. Die koptisch-orientalische Kirche ist eine selbstbewusste, uralte Kirche. Ihr letzter Vertreter auf dem Stuhl des Heiligen Markus, Shenuda III., hatte eine klare Haltung gegenüber der römischen Kirche. Beim Treffen mit Johannes Paul II. im Februar 2000 sagte er zum Papst: „Heiliger Vater, wir lieben Ägypten, und wir lieben Sie!“ Diesem Bekenntnis folgte aber keine Konsequenz. Tawadros und unser Patriarch Ibrahim schätzen einander! Doch ist der Episkopat der koptisch-orientalischen Kirche noch von der theologisch-strikten Haltung seines Vorgängers beeinflusst. Es wird wohl noch ein längerer Weg hin zur Anerkennung der Taufe. Kurz nach seiner Wahl hat Patriarch Tawadros den Papst in Rom besucht. Franziskus erwidert jetzt diesen Besuch. Er wird die Herzen der Bischöfe nicht mit einem Mal erweichen können, aber wir hoffen auf stetige und mutige Annäherung.