Zwischen Hoffnung und Skepsis

Der Vielvölkerstaat Myanmar will sich aus der Umklammerung durch China befreien und sich dem Westen öffnen. Von Klemens Ludwig

Papst Franziskus empfing die Friedensnobelpreisträgerin und Außenministerin Myanmars, Aung San Suu Kyi, am 4. Mai im Vat...

Es waren gespenstische Szenen: Wenn in einem öffentlichen Gespräch der Name Aung San Suu Kyi fiel, drehten sich die Menschen auf dem Absatz um. Es könnte ja einer der allgegenwärtigen Spitzel mitbekommen, dass politische Gespräche geführt wurden. Die Angst hatte die Menschen noch vor einigen Jahren fest im Griff.

Wie entspannt zeigt sich die Metropole Yangon heute. Aung San Suu Kyi, die wie eine Heilige verehrte Nationalheldin, ist heute so präsent wie vor ein paar Jahren die Spitzel. Poster, Kalender und T-Shirts mit ihrem Konterfei werden an jeder Straßenecke angeboten; ebenso wie ihre Bücher. Das bekannteste trägt einen programmatischen Titel: „Befreit von der Angst“.

Im Zentrum um die Sule-Pagode herum befinden sich mehrere Moscheen und Kirchen. Die Gläubigen aller Konfessionen bewegen sich ungezwungen durch die Straßen der Altstadt; christliche Nonnen, Männer mit Mekka-Kappe, Frauen mit Tschador oder Burka gehören zum Bild.

Von dem bisweilen erhobenen Vorwurf der Muslim-Verfolgung in dem überwiegend buddhistischen Land ist zumindest in den Städten nichts zu spüren. Das betrifft die Rohingya im Westen des Landes, und dabei handelt es sich um einen ethnisch-religiösen Konflikt. Den Rohingya wird die Staatsbürgerschaft verweigert, nicht weil sie Muslime sind, sondern weil sie als bengalische Flüchtlinge gelten. Die burmesischen Muslime, gut vier Prozent der Bevölkerung, unterliegen keinerlei Beschränkungen. An vielen Orten überall im Land sind in den letzten Jahren neue, geschmackvolle Moscheen entstanden; gemeinhin kein Anzeichen religiöser Diskriminierung. Allerdings leben Buddhisten und Muslime aneinander vorbei, was auf beide zurückgeht.

Die demokratische Wende vollzog sich im November 2015, als das Militär freie und faire Wahlen ermöglichte. Es akzeptierte dabei die vernichtende Wahlniederlage seiner USD-Partei, die gerade einmal sechs Prozent erhielt. Gänzlich zurückziehen wollten sich die langjährigen Machthaber indes nicht. Im Vorfeld der Wahlen hatten sie die Verfassung so umgeschrieben, dass Aung San Suu Kyi nicht Präsidentin werden kann, weil ihre Kinder die britische Staatsbürgerschaft besitzen. Zudem hält das Militär eine Sperrminorität von 25 Prozent der Sitze im Parlament sowie drei Schlüsselministerien: Verteidigung, Inneres und Grenzen.

Spekulativ ist die Frage, warum sich das Militär demokratischen Wahlen unterworfen hat. Womöglich stand dahinter der Wunsch, den chinesischen Einfluss zurückzudrängen. In Teilen des Landes kontrollieren chinesische Unternehmen die Wirtschaft, als sei Myanmar eine Kolonie Chinas. Mit entsprechenden Schmiergeldern bei den örtlichen Behörden erhalten Chinesen sogar burmesische Pässe. Holz, Jade, Rubine und andere Edelsteine sind in China sehr begehrt.

Vielen Burmesen, bis hinein ins Militär, ist der Ausverkauf des Landes, begleitet von einer unverhohlenen Missachtung der eigenen Tradition, ein Dorn im Auge. Um sich aus der chinesischen Umklammerung zu befreien, setzte das Land auf die Öffnung nach Westen – und der Preis dafür war eine substanzielle Demokratisierung.

Myitkyina ist die Hauptstadt des Kachin-Staates im Norden des Landes. Außerhalb der pulsierenden Metropole scheint die Zeit stehengeblieben. Pfahlbauten aus Bambus fallen zuerst ins Auge. Abenteuerliche Treppenstufen führen zum Eingang. Unglaublich, wie behände selbst die Alten hinaufbalancieren. So schützen die Menschen sich und ihre Vorräte vor Ungeziefer und wilden Tieren. Unter den Häusern spielen Kinder in viel zu großen Hosen und Kleidern. Jugendliche zeigen stolz ihr Können und schwingen sich auf einen der stoischen Wasserbüffel. Ohne die massigen Tiere wäre das Leben im ländlichen Myanmar kaum denkbar. Als Basis der Landwirtschaft bereiten sie die Äcker für den Anbau von Reis und Gemüse vor. Und ihr ruhiger, gleichmäßiger Schritt scheint das Tempo im Dorf vorzugeben.

Während anderswo ein buddhistischer Tempel zum stillen Verweilen einlädt, bildet eine kleine Kirche den Mittelpunkt der Kachin-Dörfer. Die Gebäude aus Holz unterscheiden sich kaum von der Umgebung, allein ein Kreuz auf einem kleinen Turm verrät seine Bestimmung. Die Kachin – etwa 600 000 Menschen – sind überwiegend Christen, und sie sind stolz auf dieses Erbe.

Doch die Idylle täuscht. Gerade im Norden sind die demokratischen Errungenschaften noch nicht ganz angekommen. Wenn Sein Li auf die Demokratisierung angesprochen wird, antwortet er mit einem gequälten Lächeln. Die Erinnerung an die Willkür der Militärs ist noch frisch, und sie macht es ihm schwer, der Entwicklung zu vertrauen.

Sein Li ist Kachin. Seit der Unabhängigkeit 1948 kämpfen die Kachin, wie andere ethnische Gruppen, für mehr Selbstbestimmung. Die letzten großen Offensiven der Armee vertrieben 2012 und 2015 Zehntausende aus ihren Dörfern. Der 36-Jährige wollte die Vertreibung nicht einfach hinnehmen. Heimlich machte er sich mit drei Freunden auf den Weg, um nach den Feldern zu schauen, die sie frisch bestellt hatten. Die kleine Gruppe wurde von einer Militärpatrouille aufgegriffen und verhaftet. „Mitgliedschaft in der Kachin-Armee“, lautete der Vorwurf. Ein willfähriger Richter verurteilte Sein Li zu zwei Jahren Gefängnis.

Die Kachin sind nicht die einzigen, die der demokratischen Entwicklung mit Skepsis begegnen. Im benachbarten Shan-Staat sind die Kämpfe im März dieses Jahres eskaliert. In der Region Kokang im äußersten Nordosten an der chinesischen Grenze, haben – nach offiziellen Angaben – als Polizisten verkleidete Rebellen Militärstationen überrannt. Bei den anschließenden Kämpfen sind mindestens 30 Personen um Leben gekommen, darunter fünf Zivilisten. Aus Sicht der Rebellen war der Angriff eine Reaktion auf die verstärkten Militäreinsätze in der Region.

Etwa 130 000 Menschen – 80 000 Kachin und 50 000 Shan – leben als Binnenflüchtlinge in Lagern. Ihre Versorgung ist gewährleistet, nicht zuletzt dank internationaler Hilfe. So engagiert sich die Deutsche Welthungerhilfe für die Flüchtlinge. Gemeinsam mit einheimischen Organisationen ermöglicht sie über die Versorgung hinaus Schulunterricht und Berufsausbildung; Zeichen der Hoffnung. Doch das reicht noch nicht. Die 32-jährige Daw Seng Pan leitet eines der Flüchtlingslager. „Bei einer wirklichen Demokratisierung muss sich das Militär der gewählten Regierung unterstellen und aus unseren Dörfern zurückziehen“, fordert sie.

Myanmar ist ein Vielvölkerstaat, auch wenn das Staatsvolk der Bamar oder Burmesen gut zwei Drittel der 54 Millionen Einwohner stellt. Die nicht-burmesischen Völker bewohnen allerdings mehr als die Hälfte der Staatsfläche, häufig strategisch wichtige Grenzgebiete, die reich an Rohstoffen sind. Edelsteine, metallische Erze und wertvolle Hölzer machen die Territorien sehr begehrenswert.

Seit der Staatsgründung war die ethnische Vielfalt immer wieder Anlass für blutige Bürgerkriege. Heute verlangen die meisten kleinen Völker echte Autonomie in einem föderalistischen Staat. Ein wichtiger Streitpunkt ist die Verteilung der Gewinne aus dem Bergbau. Die Einheimischen gehen leer aus, verlieren ihr Ackerland und leiden unter gravierender Umweltzerstörung. Entschädigt werden sie in den seltensten Fällen. Doch es gibt auch an der Kriegsfront Hoffnung. Die abgewählte Militärregierung rief noch zu ernsthaften Friedensverhandlungen auf. Acht Guerillagruppen haben inzwischen einen Waffenstillstand unterzeichnet, andere sehen in der Offerte nur den Versuch, die verschiedenen Gruppen zu spalten. Das Misstrauen ist nach wie vor groß.

Zum Nimbus von Aung San Suu Kyi gehört, dass sie die Tochter des Staatsgründers Aung San ist. Er hatte die Brisanz der ethnischen Konflikte frühzeitig erkannt und wollte den Minderheiten Autonomie gewähren. Er wurde jedoch kurz vor der Unabhängigkeit ermordet und konnte seine Vision von einem friedlichen Vielvölkerstaat nicht verwirklichen. Seine Tochter hätte die Möglichkeit, das Vermächtnis ihres Vaters umzusetzen, doch damit tut sie sich schwer. Als typische Vertreterin der Mehrheitsbevölkerung zeigt sie wenig Verständnis für die Forderungen der kleinen Völker. Wie unzufrieden die wiederum mit ihr sind, zeigte sich bei Nachwahlen von 19 Parlamentssitzen Anfang April. Ihre Partei, die Nationale Liga für Demokratie (NLD), verlor in den Regionen der Minderheiten nahezu alle Sitze.



Hintergrund

Etwa 89 Prozent der 54 Millionen Einwohner Myanmars sind Buddhisten, 5 Prozent Christen, 4 Prozent Muslime. Die Gewalt gegen die muslimische Minderheit der Rohingya geht von der buddhistischen Bewegung „969“ aus. Ihr Anführer, der Mönch Ashin Wirathu, beschuldigt die Muslime, „Rasse und Religion“ Myanmars zu zerstören. Seine Anhänger gehen gewaltsam gegen die Rohingya vor. Sie vertrieben Hunderttausende aus ihren Dörfern und töteten Hunderte. Besonders kritisch ist die Lage in der Provinz Rakhine an der Grenze zu Bangladesch, wo rund 900 000 Rohingya leben. Seit der Unabhängigkeit Burmas 1948 gab es 19 Militäroperationen gegen die Minderheit, bei denen Menschen getötet, Siedlungsgebiete verwüstet und Heiligtümer zerstört wurden. Bis heute wird den Rohingya die Staatsbürgerschaft verwehrt, die Vereinten Nationen stuften sie als „am stärksten verfolgte Minderheit der Welt“ ein. DT