Totalitäre Versuchungen heute

Paneuropa-Union analysiert kollektive Wahnideen und christliche Auswege. Von Marie-Thérese Knöbl

Wie steht es 100 Jahre nach der Russischen Revolution um die Freiheit des Einzelnen in Europa? So fragte die Paneuropa-Union am Wochenende im geschichtsträchtigen Kloster Andechs. Die Leitfrage und das Tagungsthema „Revolution – Totalitarismus – Freiheit“ ließen vermuten, dass mit Blick auf die Übereinstimmung des Selbstverständnisses und der tatsächlich gelebten Werte in der Europäischen Union Skepsis angebracht sein darf. Denn, das klang in den Beiträgen an, trotz zahlreicher Stimmen gegen totalitäre Entwicklungen, Diktaturen und Menschenrechtsverletzungen scheint immer wieder die Versuchung der Unfreiheit ihr Unwesen zu treiben – in der Geschichte Europas, und in seiner Gegenwart.

Die Paneuropa-Union, zur Zeit der Nationalsozialisten verboten, kämpft gegen Totalitarismen, Machtwillkür und deren ideologische Wegbereiter – für ein friedliches und geeintes Europa. Ihr Gründer Richard Graf Coudenhove-Kalergi war bis zu seinem Tod 1972 ein leidenschaftlicher Verfechter der Idee eines freien und christlich geprägten Europa. Er war der erste Preisträger des Aachener Karlspreises, in seiner berühmten Züricher Rede berief sich Winston Churchill auf ihn. Die Aktualität von Coudenhove-Kalergis Analysen verdeutlichte nicht nur die Abschlussdiskussion zur Frage „Manipulation, Angst, Tyrannei – wie bleiben wir frei?“ mit dem Gründungsbischof von Pilsen, František Radkovský, der Autorin Monika Gräfin Metternich, dem Russland-Korrespondenten und Putin-Experten Boris Reitschuster, dem Europaabgeordneten Michael Gahler und dem Vizepräsidenten des italienischen Abgeordnetenhauses und Vatikan-Kenner Rocco Buttiglione.

Auch eine historische Tour d' Horizon über die Folgen der Russischen Revolution „für Deutschland, Frankreich und den Westen“ durch den Historiker Manfred Kittel und ein bewegender Vortrag des Regensburger Bischofs Rudolf Voderholzer über den auf Befehl Hitlers ermordeten Publizisten Fritz Gerlich und seinen Kampf gegen Hitler verdeutlichten die Herausforderung, für die Wahrheit einzutreten, der sich jede Generation aufs Neue stellen muss. In schwierigen Zeiten hilft oft nur noch Humor, und so nimmt es nicht Wunder, dass dieser sich besonders in den Ländern des ehemaligen Ostblocks entwickelte. Das machte ein lehrreicher Vortrag des tschechischen Historikers und Kulturdiplomaten Jan Sícha deutlich, aber auch das Referat von Bernd Posselt über „Huxley, Orwell und die Nashörner“. Die Nashörner sind in der europäischen Essayistik seit Ionescos Theaterstück und seiner 1957 erschienenen Erzählung „Rhinocéros“ literarisches Sinnbild für kollektive Wahnvorstellungen.

Der kollektive Wahn, von Ionesco „Rhinocérité“ genannt, irritiert nicht nur durch sein monomanes Auftreten, sondern auch durch Hartnäckigkeit: Wider besseres Wissen verhalten sich die Menschen im Kollektiv anders, als es ihnen der individuelle Verstand und ihr Gewissen empfehlen würden. Posselt warnte unter Verweis auf Neuerungen im Gesundheits- und Familienrecht vor dem Verlust der naturrechtlichen Orientierung der Gesetzgebung, vor Schein-Freiheiten permissiver Gesellschaften, wie sie schon Huxley erkannt hat, vor einem Krieg um Worte und Begriffe, einer – totalitäre Herrschaft kennzeichnenden – fortschreitenden Manipulation der Sprache und vor einer zunehmenden Durchsetzung kollektiver Egoismen in der europäischen und internationalen Politik. Gegen die Tendenz autoritärer und totalitärer Staatsformen helfe vor allem verantwortungsvolles und mutiges Eintreten für die Wahrheit. Die feste Verankerung im christlichen Glauben befähige Menschen dazu, denn sie widersetze sich der Schaffung des neuen Menschen und sei sich der Würde und Gottebenbildlichkeit des Menschen bewusst, ermutige zu Freiheit und echtem Miteinander wider jede Ideologie.

In Andechs erschreckte die Diagnose zu den Wurzeln der heute wieder erstarkten Anfälligkeit für totalitäre Versuchungen: Die Vereinzelung und Vereinsamung des Menschen, die durch moderne Kommunikations-, Arbeits- und Lebensformen verstärkt wird, scheint eine Sehnsucht nach Herrschaft und Beherrschtwerden auszulösen. Die Immunisierungseffekte gegen Verführungen des Totalitären nach 1945 und 1990 scheinen nachzulassen. Drei Phänomene seien dem Wiedererstarken des Totalitarismus förderlich – und Hindernisse für gelebte Nächstenliebe in Freiheit und Gemeinschaft sowie für die Weitergabe von Traditionen über die Generationen: Die mit Hilfe der Medien global verbreitete Botschaft, alles sei gleich wahr, die Vereinzelung des Menschen in der Gesellschaft und seine Vereitelung in der Wirtschaft.