Sonnenkönig Macron

Blendwerke in Paris – Wie der französische Präsident sich, sein Land und die Welt sieht. Von Jürgen Liminski

Nationalfeiertag in Frankreich
Wie ein moderner Ludwig der XIV.: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron fährt anlässlich der Parade zum Nationalfeiertag... Foto: dpa

Wer nichts hat, bemüht die Geschichte. So geschieht es derzeit in Frankreich. „Ein Europa, das schützt“, „ein Europa, das voranschreitet“, „eine gemeinsame Agenda“, „gemeinsamer Blick auf dem Weg nach vorn“, „Neugründung Europas auf politischer, sozialer und wirtschaftlicher Ebene“ – es klingt wie Schlagworte auf Wahlplakaten oder Überbleibsel aus dem Wahlkampf. Die Parolen, die der französische Präsident nach dem 19. gemeinsamen deutsch-französischen Ministerrat am Donnerstag von sich gab und damit die dünne Substanz des Treffens übertünchte, passt nahtlos in die Aufmachung des Nationalfeiertags und die Festlichkeiten mit anderen hohen Gästen, an der Spitze der amerikanische Präsident Donald Trump. Auf der Tribüne nahm Macron mit seinen Gästen die Parade ab. Prunk, Pomp, steife Mienen, auf der Tribüne ebenso wie bei den Fahnenträgern auf den Pflastern der Allee. Das Signal lautet: Lafayette und Washington – die alte, historische Verbundenheit, sie hält auch heute. Die Farbenschwaden der Kriegsjets über der Prachtmeile und die glänzenden Standarten der Grande Armee zwischen Triumphbogen und Place Concorde, dem Platz der Eintracht, zeigen der Welt: Zusammen retten wir Freiheit und Demokratie.

Es passt ins Bild des Regenten. Schon vor dem Kongress in Versailles am 3. Juli hatte Emmanuel Macron in einer andert- halbstündigen Grundsatzrede geradezu theatralisch Reformen der Institutionen angekündigt, die das Land wieder vom Kopf auf die Füße stellen sollten und das in kürzester Zeit, innerhalb eines Jahres. Handlungsstärke demonstrieren, hieß auch hier die Parole. Sein Premier zog einen Tag später mit konkreteren Angaben über das Reformprogramm in seiner Regierungserklärung vor der Nationalversammlung nach. Aussagekräftiger aber als alle Reden und Ankündigungen war ein kleiner (bewusster?) Lapsus Macrons bei seinem zweiten Besuch in Mali am 2. Juli vor den Einsatzkräften der Anti-Terror-Operation Bakhrane. Er sagte: „Meine Männer riskieren hier ihr Leben, es ist ihre Pflicht und ihre Ehre“. Hollande hätte noch gesagt, „unsere Soldaten“ oder „die Soldaten der Republik“. Für Macron, der in Mali in der Uniform des Oberbefehlshabers auftrat, sind es „meine Männer“. Unabhängig von der gewollten Kameraderie blitzte hier ein Denken auf, das man mit einem bekannten Spruch umschreiben kann: Das ist meine Republik, l'Etat c'est moi. Macron sieht sich wie Louis XIV. als machtvoller Monarch, als Ludwig der Moderne.

Ähnlich wie der Sonnenkönig richtet Macron das Land an sich aus. Und er scheint damit die Medien, besonders im Ausland zu blenden. Aber anders als der Roi soleil wirkt Macron wie ein Produkt, seelenlos, maschinell, funktionierend. Ein Produkt der Großen Schulen und des großen Geldes, der Eliten und Logen. In seiner Grundsatzrede vor dem pompösen Dekor und der versammelten politischen Klasse in Versailles, eine Rede zur Lage der Nation, die er fortan jedes Jahr halten will, in dieser Rede kam das Wort Familie nicht einmal vor. Familie gibt es nicht für die Finanzwelt. Und für die linksliberale Elite und das politisch-mediale Establishment ist sie nur während des Wahlkampfs relevant. Ähnliches gilt für die Thematik Glaube und Kirche.

Der Wunsch von Melanie Trump, Notre Dame de Paris zu besuchen, und nicht wie von den Macrons vorgesehen das Museum für moderne Kunst, dürfte auf das französische Präsidentenpaar auf den ersten Moment befremdlich gewirkt haben. Er wurde natürlich erfüllt, ist schließlich Teil von Frankreichs Kulturerbe, Patrimoine nennen es die Franzosen. Aber es gibt ein Erbe, das Macron selbst mitgeschaffen hat: die wirtschaftliche Situation Frankreichs. Er war als stellvertretender Generalsekretär des Elysee einer der Hauptberater von Präsident Hollande, danach dessen Wirtschaftsminister. Dieses aktuelle Patrimoine muss erst restauriert werden. Hier aber zeigt sich jenseits der farbenfrohen Feuerwerke eine triste Realität: Die Arbeitslosenzahlen sinken nicht und tendieren eher zur Steigerung, die versprochenen Steuersenkungen werden verschoben, die Wachstumserwartungen sind höher als die Schätzungen der Institute, der Rechnungshof kritisiert Verschwendungen (das tut er hierzulande auch), die Sparpläne müssen noch den Machbarkeitstest bestehen. Die Sparvorhaben bei der inneren Sicherheit und der Verteidigung kontrastieren am stärksten mit den großen Worten des republikanischen Monarchen. In der Armee wird Prostest laut, man weiß nicht, wie „seine Männer“ die Aufgaben in Afrika, Nahost und auch im Hexagon, wie man gerne das Mutterland bezeichnet, bewältigen sollen.