„Pro familia aufzulösen, wäre eine Freude“: Zur Person

Der „Marsch für das Leben“ sende auch „ein klares Signal“ an die Politik, meint die Vorsitzende des Bundesverbands Lebensrecht, Alexandra Linder. Von Sebastian Sander

Auch das geht bei Lebensrechtlern: Mit Freude bei der Sache. Hier der CDU-Bundestagsabgeordnete Hubert Hüppe beim letztj... Foto: Irina Tischer
Frau Linder, Sie haben sich schon als Studentin für den Lebensschutz engagiert. Heute sind Sie Bundesvorsitzende der Aktion Lebensrecht für Alle (ALfA) – eine der größten Lebensrechtsorganisationen in Europa. Was hat Sie eigentlich bewegt, damals ausgerechnet den Lebensschutz als gesellschaftspolitisches Betätigungsfeld zu wählen?

Damals, in den 90ern, war das Thema hochaktuell. An der Universität zu Köln gab es unter meinen Kommilitoninnen viele Feministinnen, mit denen man gut diskutieren konnte und in manchen Punkten einer Meinung war. Doch wenn die Rede auf Abtreibung kam, wurden sie aggressiv, unlogisch und ideologisch. Daraufhin begann ich zu recherchieren: Was ist der Mensch? Warum treiben Frauen ab? Wer hat an Abtreibung Interesse? Ich empfand es als himmelschreiendes Unrecht, Kinder für Ideologien zu opfern und Schwangere, die Hilfe brauchen, alleinzulassen. Kurz danach traf ich zufällig auf ALfA-Mitglieder und trat recht spontan ein, als normales Mitglied eines Regionalverbandes, das samstags Tapeziertische in der Fußgängerzone aufbaute, mit den Leuten auf der Straße diskutierte und Babybadewannen transportierte. So habe ich die Arbeit sozusagen von der Pike auf gelernt, eine unschätzbare Erfahrung.

Seit einigen Monaten stehen Sie auch an der Spitze des Bundesverbandes Lebensrecht (BVL), einem Verband, unter dessen Dach sich zahlreiche deutsche Lebensrechtsorganisationen zusammengeschlossen haben, darunter auch die ALfA. Nun findet an diesem Samstag in Berlin der „Marsch für das Leben“ statt. Bereits zum 13. Mal, aber zum ersten Mal unter Ihrer Regie. Bleibt alles wie gewohnt oder werden Sie neue Akzente setzen?

Vieles am „Marsch für das Leben“ hat sich bewährt, zum Beispiel der Aufbau mit einer Kundgebung zu Beginn und dem ökumenischen Gottesdienst als Abschluss. Das Marschbild wird im Verhältnis zu vorigen Jahren noch lebendiger und farbiger gestaltet, um neben dem Traueraspekt durch die Kreuze auch den positiven Aspekt „Leben ist Zukunft“ stärker zu betonen. Unser Bestreben ist es, aus dem Marsch ein ganzes Lebensrechtswochenende mit verschiedenen Angeboten zu machen, was uns dieses Jahr mit einer eigenen Tagung am Freitag, dem Wochenende der „Jugend für das Leben“ und Gebetsinitiativen sowie weiteren Veranstaltungen, die von anderen organisiert werden, schon ganz gut gelungen ist.

In der Vergangenheit wurde verschiedentlich kritisiert, die Kundgebungen vor dem Reichstagsgebäude zu Beginn seien mitunter quälend lang gewesen. Andere bemängeln, von dem „Marsch für das Leben“ gingen zu wenig positive Botschaften aus. Kommen Sie solchen Kritikern jetzt entgegen?

Die Kundgebung wird kürzer gehalten, diesen berechtigten Kritikpunkt haben wir sofort umgesetzt. Die Botschaften sollen eine Mischung aus inhaltlichen Stellungnahmen, persönlichen Zeugnissen und aufrüttelnden Auftritten sein, das geht angesichts der Schwere der Themen nicht ausschließlich positiv – aber die Teilnehmer sollen und werden gestärkt und optimistisch nach Hause gehen.

Der „Marsch für das Leben“ gilt auch als das jährliche Stelldichein christlicher Lebensrechtler, an dem Viele – nicht zuletzt die Medien – die Stärke der Lebensrechtsbewegung in Deutschland ablesen zu können glauben. Ist dem so?

Absolut. Viele Mitstreiter, von deren Engagement man das ganze Jahr über liest und hört, trifft man leider nur einmal im Jahr in Berlin. Da nicht jeder jedes Jahr kommen kann, kann man viele tausende weitere Lebensrechtler zu den Anwesenden dazurechnen. Für mich ist das mittlerweile eine Art Großfamilientreffen mit vielen vertrauten Gesichtern und Gesprächen – ich freue mich darauf!

Der Berliner Diözesanrat – immerhin die höchste Laienvertretung im Erzbistum Berlin – hat auf seiner diesjährigen Vollversammlung einen Antrag abgelehnt, der die Katholiken des Erzbistums zur Teilnahme am Marsch einladen wollte. Der Ratsvorsitzende Bernd Streich begründete die Weigerung des Berliner Diözesanrates mit der Behauptung, viele Teilnehmer des Marsches ließen eine differenzierte Auseinandersetzung mit den oftmals komplexen Lebensschutzthemen vermissen. Trifft Sie so etwas?

Nein. Wenn man ernsthaft Interesse an einer sachlichen Auseinandersetzung und zu diesem Zweck mit uns gesprochen oder sich die Sache selbst angesehen hätte, wäre man ja nicht zu diesem Urteil gekommen. Schade ist nur, dass in manchen Gremien Gerüchten mehr vertraut wird als Tatsachen.

Und warum sollten Katholiken Ihrer Meinung nach an diesem Wochenende am „Marsch für das Leben“ in Berlin teilnehmen?

Christen und Lebensrechtler sind praktisch die einzigen gesellschaftlich relevanten Gruppen, die sich noch für Lebensrecht und Lebensschutz einsetzen. Angesichts der Entwicklungen in Politik und Gesellschaft ist es nicht nur dringend geboten, sondern auch klug und gegenseitig stärkend, an einem Strang zu ziehen und bei manchen Gelegenheiten auch gemeinsam aufzutreten. Eine Woche vor der Bundestagswahl ist das auch ein klares „Das ist alles nicht vom Tisch“-Signal an die zukünftigen Abgeordneten.

Bei der diesjährigen von den Kirchen ausgerichteten „Woche für das Leben“ ging es – nach vielen Jahren – erstmals wieder um ein genuines Lebensrechtsthema. Unter der Überschrift „Kinderwunsch – Wunschkind – Designerkind“ sollten die ethischen Herausforderungen – manche sprechen von Zumutungen – einer technisierten Fortpflanzungsmedizin unter die Lupe genommen werden. Wie zufrieden macht Sie das?

Sehr. Die Woche für das Leben will ja kein Bettvorleger, sondern ein Tiger sein, und mit diesem Thema haben die Kirchen zu hundert Prozent getroffen. Die Lebensrechtsverbände werden die Woche für das Leben mitgestalten, um Tagungen, Vorträge und weiteres anzubieten, zum Teil, wie zum Beispiel in der Erzdiözese Paderborn, auch gemeinsam.

Das Verhältnis zwischen den Kirchen und den Lebensrechtlern galt – zumindest in Deutschland – jahrzehntelang als ein Schwieriges. In den letzten Jahren scheint hier jedoch eine gewisse Entspannung eingetreten zu sein. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Auf beiden Seiten sind „neue Köpfe“, die von früheren Spannungen und Verletzungen unbelastet sind und manches angehen können, was früher aus verständlichen Gründen so nicht möglich war. Man sollte sich gegenseitig schätzen und unterstützen, trotz inhaltlicher Diskrepanzen, über die man natürlich reden muss. Beide Seiten streiten auf die jeweils eigene Art für dieselbe Sache und sollten das an passender Stelle auch gemeinsam tun.

Was muss aus Ihrer Sicht noch geschehen, damit von einem entspannten oder gar partnerschaftlichen Verhältnis von Kirchen und Lebensrechtbewegung die Rede sein kann?

Wichtig ist, inhaltlich und gesellschaftspolitisch gemeinsam weiterzukommen. Wir sind entspannt und jederzeit zu einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit bereit, was zum Teil ja bereits gut umgesetzt wird. Dazu dienen vor allem persönliche Kontakte zu den Kirchenvertretern, denen das Lebensrecht ein Anliegen ist. Wir wünschen uns einen permanenten sachlichen Austausch, der zu neuen Ideen führt, um die Sache weiterzubringen.

In Deutschland lebt die Lebensrechtsbewegung traditionell so gut wie ausschließlich vom ehrenamtlichen Engagement ihrer Mitglieder. Ohne diesen Einsatz in irgendeiner Weise gering zu schätzen, aber braucht die deutsche Lebensrechtsbewegung nicht doch – zumindest langfristig – professionellere Strukturen, um mit ihrer Botschaft vom einmaligen und einzigartigen Wert jeden menschlichen Lebens die Gesellschaft nachhaltig zu durchdringen und im Kampf der Meinung bestehen zu können?

Das ist eine Frage, über die die Vereine seit Jahren diskutieren. Wenn man so gute Vorstände und Mitarbeiter hat, wie es im Augenblick der Fall ist, halte ich persönlich keine interne Struktur-Änderung für notwendig. Was in der Tat deutlich gesteigert werden muss, sind unser Bekanntheitsgrad und die Verbreitung unserer professionellen Hilfs- und Bildungs-Angebote. Angefangen von der kostenlosen, immer erreichbaren Konfliktberatung über Fachvorträge bis zum Schulbesuch. Außerdem denken wir natürlich strategisch weiter. Uns schweben für die nächsten Jahre einige Modelle und Ideen vor, die parallel zu den Vereinen entwickelt werden sollen, um noch professioneller zu werden. Das Thema Medien spielt da natürlich auch eine große Rolle.

Inwiefern?

Für die Debatte ist eine sachgerechte, objektive Darstellung wichtig. Bei Berichten über Lebensschützer steht jedoch neben weiteren suggestiven Bezeichnungen wie „extremistisch“ oder „fundamentalistisch“ gerne „selbsternannt“ – bei Tier- oder Umweltschützern schreibt das kein Mensch.

Bis weit in die 90er Jahre hinein kannten Lebensrechtler praktisch nur ein Thema: Die Abtreibung – oder wie manche wohl treffender sagen – die vorgeburtliche Kindstötung. Mit der Jahrtausendwende kamen die embryonale Stammzellforschung und die Euthanasie hinzu. Heute beschäftigen sich Lebensrechtler auch mit pränatalen Gentests, der Präimplantationsdiagnostik (PID) im Vorfeld künstlicher Befruchtungen sowie Leihmutterschaft und Eizellspende. Seit kurzem sind auch Eingriffe in die menschliche Keimbahn mittels der neuartigen CRISPR/Cas9-Technologie ein Thema, mit dem sich Lebensrechtler auseinandersetzen. Verraten Sie uns, wie man da den Überblick behält?

Lesen, lesen, lesen. Und selbst dann kommt man als ehrenamtliche Vorsitzende neben Familie und Beruf nicht immer so aktualisiert mit, wie es nötig wäre. Wir verteilen daher manche Sachthemen ein wenig auf interne Expertinnen und Experten. Und zu den von Ihnen genannten Bereichen kommen ja noch viele weitere hinzu, wie zum Beispiel die Gewissensfreiheit, die Verwertung der Leichen abgetriebener Kinder oder was sich im Ausland tut.

Und welche Themen stehen derzeit auf Ihrer Agenda ganz oben?

Eines meiner persönlichen Ziele ist eine Bestattungspflicht für alle Kinder, die vor der Geburt sterben. Dann haben sie ein Grab, man kann um sie trauern, sie können nicht ausgeschlachtet werden und auf jedem Friedhof ist mit einer solchen Begräbnisstätte deutlich sichtbar, dass diese Kinder Menschen sind. Zellhaufen haben keine Gräber.

In der Abtreibungslobby hat die Lebensrechtsbewegung einen sehr potenten und mächtigen Gegner. Top finanziert und bestens vernetzt in Politik und Medien, bis hinein in Kabinette, Parlamente und Medienhäuser. Hand aufs Herz: Kommen Sie sich da nicht wie ein David vor, der es mit einem Goliath aufnehmen soll?

Ja, das macht mich manchmal ziemlich wütend. Aber wir wissen ja, wer am Ende gesiegt hat – deshalb bin ich zuversichtlich. Das Wissen, dass man die Wahrheit auf seiner Seite hat, verstärkt diese Zuversicht. Und die andere Seite hat ja auch Jahrzehnte gebraucht, um so weit zu kommen. Diese Situation ist also keinesfalls alternativlos. Nach meiner persönlichen Einschätzung denken immer mehr Menschen um. Die Hochphase der Lebensgegner-Lobby ist vorbei, sonst wäre sie übrigens auch nicht derart aggressiv und hektisch. Natürlich täten uns ein paar lebensrechtsorientierte Mäzene a la Bill Gates auch gut. Das wäre eine Hilfe, die Vieles erleichtern und den gesellschaftlichen Umbau hin zu mehr Humanität, den wir anstreben und für den wir arbeiten, sehr beschleunigen würde. Ich möchte meinen Urenkeln unbedingt noch erzählen können, wie das damals war und wann das Ganze endlich ein Ende hatte!

In den USA ist Präsident Donald Trump bemüht, viele Forderungen, die Lebensrechtler dort seit Jahren erheben, in die Tat umzusetzen. Ein Fortschritt, den Sie begrüßen?

Traditionell haben die Republikaner immer, wenn sie an der Macht waren, solche Dinge durchgesetzt, wie zum Beispiel Gelder einzufrieren, die für Abtreibungsförderung in den USA und weltweit verwendet werden. Planned Parenthood abzuschaffen wäre mir eine genauso große Freude wie Pro Familia aufzulösen. Beides sind ja miteinander kooperierende, ideologiebehaftete, bestens finanzierte Unternehmen, die ein Frauenrecht auf Abtreibung fordern und mit Abtreibungen viel Geld verdienen.

Angenommen, Sie hätten einen Wunsch frei: Welches Thema müsste der kommende Deutsche Bundestag als Erstes angehen?

Als allererstes sollte dafür gesorgt werden, dass der PraenaTest unter keinen Umständen von Krankenkassen finanziert und damit gesellschaftlich als „Gesundheitsleistung“ akzeptiert wird. Und, um den großen Wurf zu skizzieren: Alles, was Menschen beseitigt, sollte beseitigt werden, alles, was Menschen dient und heilt, sollte gefördert werden. Damit hätte der Bundestag gut zu tun.

Die Vorsitzende des Bundesverbands Lebensrecht (BVL), Alexandra Linder, Jahrgang 1966, hat Romanische Philologie und Ägyptologie an der Universität zu Köln studiert. Der Aktion Lebensrecht für Alle (ALfA) e.V., zur deren Bundesvorsitzende sie im Juni 2016 gewählt wurde, gehört sie seit 1992 an. Seit 2001 gehörte sie dem erweiterten Bundesvorstand, seit 2003 dem geschäftsführenden Bundesvorstand der ALfA an, zunächst als Schriftführerin, später als Stellvertretende Bundesvorsitzende. In diesem Jahr wurde sie an die Spitze des BVL gewählt. Die gebürtige Kärntnerin, verheiratet und Mutter von drei Kinder, arbeitet als selbstständige Übersetzerin, Lektorin und Moderatorin. DT/san