PRO: Zweieinhalb Minuten vor Mitternacht

Atomwaffen bedrohen die Erde. Von Wiltrud Rösch-Metzler

Teilnehmer der internationalen Konferenz „Perspektiven für eine Welt ohne Atomwaffen und eine ganzheitliche Abrüstung“ i... Foto: KNA

Seit den US-Atombomben auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki wissen wir, welche Zerstörung eine nukleare Waffe anrichtet und wie grausam sie am Krieg unbeteiligte Zivilisten, Kinder, Frauen und Männer tötet. In einer atomwaffenfreien Welt ist dieses Szenario gebannt. Aber, werden Skeptiker einwenden, dann werden Atombomben eben unter der Hand verkauft und die Unsicherheit für die Menschheit bleibt. Zugegeben, es wird weiter den Versuch geben, mit Waffen Profit machen zu wollen. Produzenten und Händler kommen aber in Bedrängnis, wenn solche Geschäfte wie jene mit chemischen und biologischen Waffen illegal sind und hohe Haftstrafen drohen.

Die katholische Kirche hat lange Zeit ein Fenster, die Abschreckung, für Atomwaffen offen gelassen. Ihr war aber klar, ein Einsatz dieser Massenvernichtungswaffen würde die gesamte Schöpfung gefährden. Deshalb hat sie im 2. Vatikanum von einer „Frist“ gesprochen, „die uns noch von oben gewährt ist, um nach anderen Methoden der Lösung von Konflikten zu gelangen, die des Menschen würdiger sind“. Doch statt atomarer Abrüstung gibt es heute weltweit mehr Atomsprengköpfe als noch zu Zeiten des Kalten Krieges. Vertreter von Atomstaaten drohen offen, diese Waffen auch einzusetzen. Die Gefahr, dass es zu einer atomaren Katastrophe kommt, steigt wieder. Die Experten des Bulletin of the Atomic Scientists haben deshalb die Weltuntergangsuhr auf zweieinhalb Minuten vor Mitternacht gestellt, eine halbe Minute weiter vor als noch im vergangenen Jahr.

In einer vatikanischen Stellungnahme vom Dezember 2014, die in der Abschaffung der Atomwaffen die Grundlage für kollektive Sicherheit sieht, wird deutlich, wohin sich die Kirche bewegt. Bereits der Besitz von Atomwaffen wird verurteilt. Denn die nukleare Abschreckungspolitik hat der Welt auch einen genuinen Frieden, der alle einbezieht, vorenthalten und sie dem anhaltenden Risiko einer nuklearen Katastrophe ausgesetzt. In den 90er Jahren wurde beispielsweise bekannt, dass die Welt am 26. September 1983 nur deshalb einem Inferno entging, weil Stanislaw Petrow, Offizier in der Kommandozentrale der sowjetischen Satellitenüberwachung, einen ihm gemeldeten Angriff der USA mit nuklearen Interkontinentalraketen auf die UdSSR als Fehlalarm eingestuft und den Befehl zum atomaren Gegenschlag verweigert hat.

Dazu kommt, dass seit dem Ende des Kalten Krieges enorme Summen in die Modernisierung der Atomwaffen gesteckt werden. Allein die USA müssten für Erhalt und Modernisierung ihres Atomwaffenarsenals in den kommenden 30 Jahren rund 1,3 Billionen Dollar ausgeben, hieß es bei der gerade stattgefundenen Anti-Atomwaffenkonferenz im Vatikan. Dieses Geld kann sinnvoller verwendet werden, für Arme und Flüchtlinge, für ökologische und friedenserhaltende Maßnahmen.

Die nukleare Abschreckung droht mit Massenvernichtung, daher kann das System der nuklearen Abschreckung nicht länger als eine Politik betrachtet werden, die moralisch vertretbar ist. Obwohl eingewandt wird, dass allein der Besitz dieser Waffen per se nichts Schlechtes sei, so ist doch die Abschreckung nur glaubhaft, wenn sie zum Massenmord bereit ist.

Hoffnungsvoll stimmt, dass es seit dem 7. Juli den von 122 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen verabschiedeten Atomwaffenverbotsvertrag gibt. Das Abkommen verbietet, Nuklearwaffen zu entwickeln, zu testen, zu produzieren und zu erwerben; außerdem sind Lagerung und Weitergabe, Transport und Stationierung, der Einsatz von Atomwaffen sowie die Drohung mit einem Einsatz verboten. Seit dem 20. September liegt der Vertrag bei der UNO in New York zur Unterzeichnung aus. Über 50 Staaten haben ihn mittlerweile ratifiziert, darunter auch der Vatikan. Die Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (ICAN) wird für ihre Bemühungen um das Zustandekommen dieses Verbotsvertrags in diesem Jahr mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Leider haben die Atomwaffenstaaten und ihre Verbündeten, die an der atomaren Abschreckung festhalten, die Verhandlungen boykottiert und die Inkraftsetzung des Vertrags zu blockieren versucht. Zu den Boykotteuren gehört auch Deutschland, wo vermutlich 20 US-Atombomben des Typs B61 auf dem Fliegerhorst Büchel/Rheinland-Pfalz gelagert sind. Ihre geplante Modernisierung wird auch dazu führen, dass der Unterschied zwischen „taktischen“ und „strategischen“ Atomwaffen aufgehoben wird. Deutschland ist selber keine Atommacht, hat aber über die „atomare Teilhabe“ Zugang zu diesen Massenvernichtungswaffen. Dazu gehören auch Einsatzübungen und die Mitwirkungen an Beratungen der Nuklearen Planungsgruppe der NATO.

Der Vatikan wirbt für den neuen Atomwaffenverbotsvertrag. Dazu hat er eine erste Konferenz mit 350 Nobelpreisträgern, UN- und Regierungsvertretern und ICAN ausgerichtet. Die internationale katholische Friedensbewegung pax christi, die ICAN mitgegründet hat und deren Arbeit mitträgt, war mit 16 Vertreterinnen und Vertretern anwesend. Organisationen wie sie werden nötig sein, wenn es darum geht, dass der neue Atomwaffenverbotsvertrag weltweit ratifiziert wird.

 

 

Die Debatte

Bei einer Tagung des vatikanischen Dikasteriums für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen hat Papst Franziskus die ablehnende Haltung der Kirche seit Papst Johannes XXIII. nochmals zugespitzt: „Wenn man allein an die Gefahr einer versehentlichen Explosion als Folge irgendeines Fehlers oder Missverständnisses denkt, sind die Drohung mit Atomwaffen wie schon ihr Besitz mit Nachdruck zu verurteilen“, sagte Franziskus am vergangenen Freitag vor dem Symposium, an dem elf Friedensnobelpreisträger, Spitzenvertreter der Vereinten Nationen und der NATO, Diplomaten aus Russland, Vereinigten Staaten, Südkorea und dem Iran teilnahmen.

Allein die Vereinigten Staaten müssten für Erhalt und Modernisierung ihres Atomwaffenarsenals in den kommenden dreißig Jahren rund 1,3 Billionen Dollar ausgeben, hieß es bei einem Podium der UN-Botschafter und Mitarbeiter der NATO-Führungsebene. Die stellvertretende NATO-Generalsekretärin Rose Gottemoeller bestritt diese Zahl bei dem Treffen im Vatikan nicht, erläuterte aber ihre Bedenken gegen ein Atomwaffenverbot. Unmittelbar von einer NATO-Tagung kommend fasste sie zusammen, warum fast sämtliche Mitgliedsstaaten gegen das UN-Atomwaffenverbot gestimmt hätten. Es seien nicht immer grundsätzliche Gründe, sondern vielmehr strategische und diplomatische, betonte sie.

Wie schwierig und auch kontrovers das Anliegen ist, kam im Verlauf der gesamten Konferenzdiskussionen zur Sprache. „Es scheint unrealistisch, in diesen Zeiten von nuklearer Abrüstung zu sprechen", sagte Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin als einer der ersten Redner. Gleichwohl müsse umso hartnäckiger für das Atomwaffenverbot gearbeitet werden, betonten er wie auch Kardinal Peter Turkson, dessen Dikasterium die bis Samstagabend dauernde Konferenz organisierte.