Mit Erdöl, Erdgas und Kaffee

Die Bevölkerung des kleinen Inselstaates Ost-Timor ist weitgehend katholisch. Von Klaus Wilhelm Platz

Am heutigen Samstag nimmt der neue Präsident von Timor-Leste (Ost-Timor), Francisco Guterres, offiziell seine Amtsgeschäfte auf. Sein östlich von Indonesien gelegenes Inselland ist mit etwa 1,23 Millionen Einwohnern eines der kleinsten Länder Asiens, weist aber eine Besonderheit auf: Seine Bevölkerung besteht zu 96,5 Prozent aus Katholiken; der Rest sind Protestanten, Muslime und Animisten. Dies rührt daher, dass Timor-Leste jahrhundertelang portugiesische Kolonie war, bevor es 1975 von Indonesien annektiert wurde und 2002 die staatliche Unabhängigkeit erlangte. Der neue Präsident gehört der links-nationalen Partei FRETILIN (Revolutionäre Front für die Unabhängigkeit von Timor-Leste) an und hat sich im Freiheitskampf gegen Indonesien hervorgetan. Landessprachen in Ost-Timor sind Portugiesisch und das einheimische Tetum, Arbeitssprachen jedoch vorwiegend Englisch und Indonesisch.

Timor-Leste ist ein säkularer Staat mit einer liberalen Verfassung, die Religionsfreiheit gewährt. Als aber der damalige Premierminister José Ramos-Horta 2006 in einer öffentlichen Rede die Bedeutung der katholischen Kirche als „ein das Land einendes und zwischen den politischen und sozialen Konfliktparteien aussöhnendes Element“ bezeichnete, sprach er die Meinung des größten Teils der Bevölkerung aus. Im August 2015 schlossen der Vatikan und Ost-Timor ein Konkordat. Seit 2003 gibt es einen apostolischen Nuntius in Ost-Timor und 2007 wurde der erste Botschafter aus dessen Hauptstadt Dili beim Heiligen Stuhl akkreditiert.

Der frühere Partisan Guterres, der gegen Indonesien gekämpft hat, ist jetzt der erste Präsident, der nach dem Abzug der UN-Blauhelmtruppen 2012 gewählt wurde. Erstmals durften dabei auch die im großen Nachbarland Australien arbeitenden Osttimoresen ohne Rückreise in die Heimat per Briefwahl ihre Stimme abgeben. Die jetzige Präsidentenwahl fand zu einem Zeitpunkt statt, zu dem Ost-Timor wirtschaftlich und politisch auf eigenen Beinen steht. Sorgen bereitet, dass die Öl- und Gasvorräte vor der Küste in etwa einem Jahrzehnt erschöpft sein könnten. Nach den Präsidentschaftswahlen finden im Juli dieses Jahres Parlamentswahlen statt, bei denen sich zeigen muss, wie solide die innenpolitische Position und Beliebtheit von Guterres in der Bevölkerung fundiert sind. Jedenfalls genießt er die Unterstützung des „Unabhängigkeitshelden“ Xanana Gusmao, der ein populärer Präsident und Premierminister während der ersten 15 Jahre der Selbstständigkeit des Insellandes war.

Wichtigste Produkte des Landes sind Erdöl und Erdgas sowie Kaffee. Die Kaffeesträucher sind ins Alter gekommen, ohne nachgepflanzt zu werden. Es gibt starke Bemühungen zum Aufbau des Fremdenverkehrs aus Europa, ein Projekt, das durchaus Chancen hat. Beherrschendes politisches Thema der vergangenen beiden Jahre war ein Rechtsstreit mit Australien über die gemeinsame Seegrenze in der Timorsee. Angesichts der zu erwartenden Erschöpfung der Öl- und Gasvorkommen Ost-Timors richten sich die Hoffnungen des Landes auf das Erdgasfeld „Greater Sunrise“, das voraussichtlich noch über 2030 hinaus ergiebig sein wird. Bei einer von Dili angestrebten Seegrenze in der Mitte zwischen Timor-Leste und Australien würden die meisten Einnahmen an den Inselstaat fließen. Seit April 2016 läuft auf der Grundlage des Wiener Seerechtsübereinkommens hierüber ein Schlichtungsverfahren vor mehreren Gremien der Vereinten Nationen. In Dili kommt es immer wieder zu Straßendemonstrationen darüber. Falls die Einnahmequelle Erdöl und Erdgas für Timor-Leste versiegen sollte, drohen dem Land massive soziale Unruhen. Aus den Ölgeldern finanziert sich weitgehend das Sozialbudget des Landes. Kaffee und Tourismus können da keinen Ausgleich schaffen.

Das Land wird von etwa 40 Familien beherrscht, in deren Händen die Landwirtschaft, die Erdölgewinnung und wohl auch der beginnende Fremdenverkehr liegen. Internationale Beobachter warnen die Regierung von Ost-Timor vor sich rasch ausbreitender Korruption und einer drohenden Einschränkung der Pressefreiheit. Diesen Vorwurf bezeichnet „Freiheitsheld“ José Ramos-Horta als Unsinn. Er erklärt: „In den 15 Jahren seit der Unabhängigkeit wurde kein einziger Journalist verhaftet und kein Radiosender geschlossen. Journalisten haben des Recht, Informationen an die Öffentlichkeit zu geben, aber Individuen und Einrichtungen haben auch das Recht, sich vor Gericht gegen sie betreffende falsche Nachrichten zu wehren.“ Aber noch scheint es, dass in Ost-Timor die meisten öffentlichen Streitpunkte ausgeglichen werden können.

Kirchlich ist Timor-Leste in drei Diözesen gegliedert. Die erste Landung der Portugiesen am 18. August 1515 gilt als Beginn der Christianisierung der Insel. In der frühen Kolonialzeit spielte der Dominikanerorden eine wichtige Rolle bei der Missionsarbeit, die Zeiten der Blüte und auch des Niedergangs erlebte. Schwere Rückschläge brachten in der Mitte des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts antiklerikale, „liberale“ Bestrebungen im Mutterland, die schließlich zum Sturz der Monarchie in Portugal führten. Eine gewisse Konsolidierung brachte 1940 die Bildung einer gemeinsamen Diözese des damals noch portugiesischen Macao in Südchina mit Ost-Timor. Ihr erster Bischof wurde im australischen Sydney geweiht, wohin er während der japanischen Besetzung Portugiesisch-Timors geflohen war. Nach kirchlicher Verselbstständigung Ost-Timors wurde dort Carlos Filipe Ximenes Belo zunächst Apostolischer Administrator, dann Bischof von Dili. 1996 erhielt er für seinen gewaltfreien Einsatz für die Unabhängigkeit Ost-Timors gemeinsam mit dem Freiheitskämpfer José Ramos-Horta den Friedensnobelpreis. Ein Besuch von Papst Johannes Paul II. in Dili im Jahre 1989 hatte maßgeblich dazu beigetragen, die Aufmerksamkeit der Welt auf die Probleme Ost-Timors unter indonesischer Herrschaft zu lenken.