Leitartikel: Viele Fragen, wenig Antworten

Stefan Rehder. Foto: DT

Die Debatte über die Orgie der Gewalt, die während des G20-Gipfels Hamburg heimsuchte, will kein Ende nehmen. Das ist gut so. Denn auch wenn Einige die jetzt geführte Diskussion bereits schamlos nutzen, um sich für den Wahlkampf in Stellung und den politischen Gegner in Verruf zu bringen – das Entsetzen über das Ausmaß der orchestrierten Gewalt, die tatsächlich eine neue Qualität besaß, ist überwiegend echt und nicht gespielt. Und das sogar parteiübergreifend.

Die Frage, die jedoch gestellt werden muss, ist, ob TV-Talkshows das Mittel der Wahl sind, um daraus die notwendigen Lehren zu ziehen? Wer am Mittwoch die Sendung „Maischberger“ in der ARD sah, darf das zumindest bezweifeln. Denn augenfälliger als viele andere führte diese dem Zuschauer vor Augen, worum es in solchen Formaten oft überhaupt nicht geht: Nämlich darum, über kontroverse Fragen miteinander ins Gespräch zu kommen, im argumentativen Widerstreit voneinander zu lernen und gemeinsam Lösungen zu erarbeiten oder wenigstens das Feld des Unstrittigen weiter auszudehnen. Dass es zu all dem nicht kam, lag nicht an der Moderatorin, deren Fragen sich dafür durchaus eigneten, sondern daran, wie die Gäste, die – mit einer Ausnahme – alle reichlich Talkshow-Erfahrungen besitzen, diese quittierten. Statt auf Fragen zu antworten, wurde die Redezeit vor allem dazu genutzt, Dinge loswerden, die man „unterzubringen“ sich offensichtlich vorgenommen hatte. Wobei bei einigen im Hinterkopf auch der Gedanke mitgespielt haben muss, dass, solange man selbst redet, die anderen nicht reden oder falls doch – zumindest von der Kamera ignoriert werden. Mag sein, dass dahinter anderes oder wenigstens mehr als der narzisstisch anmutende Wunsch nach Selbstinszenierung vor einem Millionenpublikum steckt und es auch darum ging, der eigenen Position Gehör und Geltung zu verschaffen. Und doch dürfte der Zuschauer, zumindest der, der statt Verbal-Krawall neue Erkenntnisse zu dem erwartet hatte, was die Republik derzeit umtreibt, sich getäuscht oder gar als gebührenzahlender Quotenesel missbraucht fühlen. So blieb die Frage, wer denn die Gewalttäter seien, die mit Stahlkugeln aus Steinschleudern Jagd auf Polizisten machten und ihnen Betonplatten und Molotowcocktails von Hausdächern entgegenschleuderten, letztlich ebenso unbeantwortet, wie die, ob eine Millionenmetropole überhaupt ein geeigneter Ort für ein Ereignis dieser Größenordnung sein könne. Der bedenkenswerte Vorschlag des Linken-Politikers Jan van Aken, Treffen der G20 künftig besser in New York im Vorfeld von UN-Generalversammlungen stattfinden zu lassen, wurde mit dem „Argument“ vom Tisch gewischt, der Staat dürfe vor Gewalttätern nicht kapitulieren. So richtig das und so falsch die Behauptung van Akens ist, die Polizei sei an der Eskalation der Demo „Welcome to hell“ mitschuldig, man wüsste gerne, wo der Staat kapituliert, wenn er Gewalttätern ein Ziel nimmt oder sein Erreichen an einen Transatlantikflug und die Konfrontation mit den dortigen Sicherheitsbehörden koppelt?

Genauso gerne hätte man gewusst, weshalb der Schwarze Block, wenn er denn aus lauter Linksextremisten und nicht aus letztlich unpolitischen Gewalt-Touristen besteht, ausgerechnet das Schanzenviertel, Heimstätte Hamburger Autonomer, zerlegt, anstelle eines Symbols des verhassten Staates oder eine Hochburg der Reichen? Und schließlich hätte man gerne gewusst, ob man nicht doch eine allgemeine Verrohung konstatiert muss, wenn Gaffer den prügelnden Mob und Polizisten anfeuern, als wohnten sie lediglich einem Ringkampf bei? Viele Fragen, wenig Antworten.