Leitartikel : Merkel muss Söder mögen

Die Bundeskanzlerin muss jetzt zeigen, ob sie begriffen hat, dass sie die CSU als konservatives Korrektiv benötigt. Von Sebastian Sasse

LEITARTIKEL :     Merkel muss Söder mögen

Zwei Szenen haben das öffentliche Bild vom Verhältnis zwischen Horst Seehofer und Angela Merkel geprägt. CSU-Parteitag im November 2015: Seehofer ermahnt, belehrt, ja rügt 13 Minuten lang die Kanzlerin, die schweigend wie ein Schulmädchen danebenstehen muss. Seehofer will die Wende in der Flüchtlingspolitik, er fordert die Obergrenze, die abgekanzelte Merkel schweigt. Gut eineinhalb Jahre später – auf eine Obergrenze haben sich die beiden Schwesterparteien immer noch nicht geeinigt – stellen sie ihr gemeinsames Programm für die Bundestagswahl vor. Die Differenzen in der Flüchtlingsfrage bestehen immer noch, doch Seehofer erklärt nun, dass es für Deutschland keine bessere Kanzlerin geben könne als Angela Merkel. Unglaubwürdiger kann man kaum agieren. Für Merkel freilich muss dieser Moment eine Genugtuung gewesen sein. Die Demütigung durch Seehofer schien durch diese Demutsgeste des alten Widersachers aufgehoben. Doch dieser persönliche Erfolg war für Merkels Partei ein Desaster. Wir wissen nicht, ob die Kanzlerin überhaupt erkannt hat, dass sie, indem sie Seehofer in dieser Weise zu einem politischen Zwerg schrumpfen ließ, die Union um eine strategische Option gebracht hat. Hätten damals beide Schwesterparteien vor der Bundestagswahl eine klare Obergrenze festgelegt, wäre es ihnen vielleicht gelungen, die Bürger, die schon gedanklich bei der AfD ihr Kreuz gemacht hatten, doch noch im eigenen Lager zu halten.

Diese Chance wurde vertan, Seehofer erschien den Wählern wie ein zahnloser Tiger und sie mussten den Eindruck haben: die AfD erfüllt, was die CSU fordert. Dann folgte der Wahlschock. Merkel sagte zwar, sie wisse nicht, was sie anders machen solle. Aber nun gab es plötzlich eine Einigung. Erstaunlich schnell legen die Schwesterparteien sich auf eine Obergrenze fest. Warum erst jetzt? Und vor allem: Glaubt nun noch irgendwer, das dahinter eine grundsätzliche Wende in der Flüchtlingspolitik stehen kann? Ob Merkel vielleicht doch aus der Wahl gelernt und begriffen hat, dass sie die CSU als konservatives Korrektiv benötigt, wenn sie die Union als letzte echte Volkspartei und stärkste politische Kraft in Deutschland erhalten will?

Es wird sich daran zeigen, wie sie mit Markus Söder umgehen wird. Merkel muss Söder mögen, sie muss ihm das Gefühl geben, mit ihr von gleich zu gleich sprechen zu können. So wie es in harmonischen Geschwisterbeziehungen üblich ist. Denn Söder ist fast der Einzige, über den die Kanzlerin noch die vergraulten Wähler erreichen kann. Und Söder hat auch schon deutlich gemacht, dass er bereitsteht, die Rolle des konservativen Korrektivs zu übernehmen. Ob es mittlerweile dafür schon zu spät ist, das ist eine andere Frage. Die Kanzlerin muss jedenfalls ein Zeichen setzen. Der Vorteil: Mit Söder verbindet sie, anders als bei Seehofer, keine emotionalen Demütigungen. Aber selbst wenn, hier muss sie als CDU-Vorsitzende über ihren Schatten springen. So könnte Angela Merkel beweisen, ob sie tatsächlich die kühl kalkulierende Kanzlerin ist, die frei von persönlichen Eitelkeiten Politik macht, so wie ihre Fans sie gerne sehen. Zum CSU-Parteitag hat sie schon zugesagt. Dort wäre der richtige Ort für eine Demutgeste von ihr. Wenn sie will, schafft sie das.