Leitartikel: Kairo wird ein Großereignis

Von Guido Horst

Guido Horst. Foto: DT

Der ganz am Anfang von Papst Franziskus als „Studienreise“ angekündigte Besuch Ende kommender Woche in Ägypten weitet sich zu einem ökumenischen und interreligiösen Großereignis aus, das angesichts der Spannungen im Mittleren Osten und in Nordafrika nicht zu unterschätzen ist. Jetzt hat der Ökumenische Patriarch Bartholomaios, das Ehrenoberhaupt aller orthodoxen Christen, Berichten italienischer Medien zufolge angekündigt, dass auch er in Kairo dabei sein werde und eine entsprechende Einladung des Großscheichs der Al-Azhar, Ahmad Mohammad al-Tayyeb, erhalten hat. Wie auf der Flüchtlingsinsel Lesbos vor einem Jahr wird Bartholomaios wieder neben Papst Franziskus stehen, statt wie damals der orthodoxe Erzbischof von Athen wird diesmal der koptische Papst Tawadros II. der Dritte im Bunde dieser christlichen Kirchenführer sein – und zudem begegnen sie gemeinsam einer der höchsten Autoritäten des sunnitischen Islam. Das ist ein wichtiges Zeichen – in einer Zeit, in der die Religion eine der entscheidenden Triebfedern der Gewaltwellen zu sein scheint, die von der muslimischen Welt ausgehen. Drei christliche Konfessionen und ein anerkannter muslimischer Repräsentant reichen sich die Hände, um ihren Willen zu Dialog und Frieden zu bekräftigen. Die Stellung, die dem römischen Papst in diesem Bündnis zukommt, ist nicht zu übersehen. Erst seine Anwesenheit gibt dem Ereignis Weltbedeutung.

Die koptischen Christen Ägyptens werden gestärkt und stolz sein, dass der Papst und das orthodoxe Ehrenoberhaupt ihnen den Rücken stärken, nachdem noch am Palmsonntag zwei fürchterliche Anschläge auf den Festtagsgottesdienst in zwei Kirchen Dutzende von Gläubigen in den Tod rissen. Die Christen des Orients und des Okzidents werden sich in zehn Tagen vielleicht so nah sein wie noch nie. Das Treffen ist von starker Symbolik. Gemeinsam setzt diese interreligiöse und interkonfessionelle Geste ein starkes Signal gegen die scheinbar religiös motivierte Gewalt, die die Fieberschübe im Islam bis in die europäischen Städte hinein ausgelöst haben. Die Muslime brauchen solche Symbole und entsprechende Bilder, um zu begreifen, dass die Christen von heute nicht mehr die Kreuzfahrer von gestern sind. Und dass der muslimische Scheich diesem Bund seinen Segen gibt, spricht eine nicht minder deutliche Sprache. Der Papst zeigt sich hier wirklich als Friedensbringer.

Aber Franziskus stärkt auch Bartholomaios den Rücken. Der von anderen orthodoxen Kirchen – und hier vor allem der russischen – oft nicht so geschätzte Patriarch darf sich wirklich als Ehrenoberhaupt betrachten, das für die Orthodoxie redet und der Einheit dient. Die eifersüchtelnden und nach innen gerichteten autokephalen Kirchen, die Bartholomaios auf der jüngsten panorthodoxen Synode etwas im Regen stehen ließen, werden so erleben, dass die Welt von den Christen derzeit etwas anderes braucht als konfessionelle Reibereien. In der dunklen Zeit religiös getönter Hassorgien kann Kairo somit zu einem leuchtenden Zeichen werden, das über vielen Konflikten leuchtet, von der Ukraine über den Balkan, dem Mittleren Osten und Nahost bis in Konfliktregionen Nordafrikas.