Leitartikel: Ein Elfmeter für Donald Trump

Von Stefan Rehder

Stefan Rehder. Foto: DT

Papier sei geduldig, heißt es. Das ist natürlich Unsinn. Papier ist weder geduldig noch ungeduldig, sondern bloß bedruckt oder unbedruckt. Bedruckt vermag es Menschen zu beeindrucken – oder auch nicht. Selbst das hängt letztlich weniger von der Güte des zu Papier Gebrachten – wie etwa die erstaunliche Karriere des Arztromans zeigt – als von der Disposition der Rezipienten ab. Auch deshalb vermag derzeit niemand mit Gewissheit zu sagen, ob und welche politischen Folgen der „Final Report“ der Untersuchungskommission des amerikanischen Repräsentantenhauses für Planned Parenthood und andere haben wird (DT vom 10. Januar). Das ist umso bedauerlicher, als der 427 Seiten umfassende Abschlussbericht, den die Kommission unter dem Vorsitz der Republikanerin Marsha Blackburn vergangene Woche in Washington vorlegte und der die Frucht akribischer, mehr als ein Jahr andauernder Recherchen ist, dem Leser einen ebenso tiefen wie erschütternden Einblick in eine Millionen-Dollar-schwere Industrie gestattet, die sich um die Verarbeitung der Leichen abgetriebener Kinder rankt. In ihr „schöpfen“ Abtreibungskliniken, privat finanzierte und öffentlich geförderte Forschungsinstitute sowie Bio-Tech-Firmen Profit aus den sterblichen Überresten vorgeburtlich getöteter Kindern. Wer hier lediglich von „fötalem Gewebe“ spricht, will verharmlosen.

Dass der Report aufdeckt, dass zahlreiche Player dieser Industrie sich nicht an das in den USA geltende Recht halten und eine ganze Reihe von Gesetzen brechen – unter ihnen mindestens vier von Planned Parenthood betriebene Kliniken – ist schlimm genug. Aber noch schlimmer als das ist, dass diese Industrie überhaupt wachsen und gedeihen konnte. Ginge es nämlich mit rechten Dingen und nicht bloß mehr oder weniger rechtens zu, dann dürfte es diese Industrie überhaupt nicht geben. Gesetze, die es Eltern erlauben, die Leichen ihrer abgetriebenen Kinder „der Wissenschaft“ oder wem auch immer „zu spenden“, gehören abgeschafft. Auch dann, wenn alle bereit wären, sie einzuhalten. Der Grund: Menschen sind in keinem Stadium – weder prae noch post mortem – Eigentum eines anderen. Und es gibt kein Land, das dies besser wissen könnte als die USA. Zwar sind Leibeigenschaft und Sklaverei noch längst nicht überall überwunden, sie sind jedoch längst international geächtet und werden vielerorts auch tatsächlich bekämpft. Auch der Leichnam des Toten „gehört“ nicht den Hinterbliebenen, sondern ist lediglich ihrer Sorge anvertraut. Über ihn nach eigenem Gutdünken zu verfügen, wird daher auch zu Recht als Akt „postmortaler Gewalt“ betrachtet. So werden auch die Bestattungswünsche der Verstorbenen in aller Regel selbst dann respektiert, wenn sie sich mit den Vorstellungen der Angehörigen von einem würdigen Gedenken nicht in Einklang bringen lassen. Seinen Körper der Wissenschaft zu überantworten, sollte daher auch niemand anderes können als der Betreffende selbst.

Für die Trump-Administration kommt nun die Stunde der Wahrheit. Jetzt kann sie zeigen, was ihr der Lebensschutz wirklich wert ist. Der „Final Report“ hat Donald Trump den Ball gewissermaßen direkt auf den Elfmeterpunkt gelegt. Und das Beste daran: Bei den Mehrheiten der Republikaner im Senat und Repräsentantenhaus ist der Torwart praktisch gar nicht auf dem Feld, das Tor also faktisch leer. Das Einzige was Trump tun müsste, wäre eine Industrie zu zerstören, die es gar nicht geben dürfte. Gut, dafür braucht man sicher „gute, starke Hände“. Aber die zu besitzen, wurde Trump nicht müde zu behaupten. Wir sind also gespannt, Mr. President!