Leitartikel: Die katholische Alternative

Von Regina Einig

Regina Einig. Foto: DT

Das ausklingende Fatimajahr glich einem sperrangelweit geöffneten Scheunentor. Jeder gläubige Katholik guten Willens brauchte nur hindurchzugehen. Papst Franziskus und zahlreiche Bischöfe der Weltkirche stellten durch Pilgerreisen an die Cova da Iria und Gebetsaufrufe die Weichen in die richtige Richtung. Dass das Gebet um Frieden drängender ist denn je, bedarf in Zeiten der weltweit verschärften Christenverfolgung und zunehmender Gereiztheit zwischen Washington und Moskau keiner weiteren Erklärung.

Darüber hinaus bot das Jubiläum der Erscheinungen von Fatima eine seltene Chance für die Ökumene nach innen. Die Botschaft Mariens richtet sich an Gläubige aller Nationen und sozialen Schichten. Hundert Jahre nach den Ereignissen konnten Katholiken rund um den Globus erleben, dass sie trotz der an Spaltung grenzende Pluralisierung in den eigenen Reihen dazu imstande sind, gemeinsame, weltumspannende Ziele im Glauben zu verfolgen. Das Rosenkranzgebet für den Frieden und der Aufruf zur persönlichen Umkehr tragen als gemeinsamer Nenner über nationale Grenzen hinweg – auch wenn dogmatische Spannungen die Gemeinden belasten. Dass das Fatimajubiläum in Deutschland aus falscher ökumenischer Rücksichtnahme von vielen kirchlichen Entscheidern in den Bereich der privaten Frömmigkeit verdrängt oder schlicht ignoriert wurde überraschte nicht. Fehlendes Denken und Fühlen mit der Weltkirche lassen sich am Grad der Marienverehrung ablesen. Im Bann des Lutherjahrs schien es mancherorts bequemer, sich auf Aktivitäten mit der evangelischen Seite zu verständigen, als den Blick über den nationalen Tellerrand hinaus zu wagen. Der Anspruch der Botschaft von Fatima verträgt sich kaum mit einer schläfriger Glaubenspraxis. Umkehr, Gebet und Buße sind als Maßgaben der Seelsorge allerdings vielen so weit entrückt, dass sie sich lieber in eine Ökumene ohne klare Zielvorgaben flüchten. Theologische Bedenkenträgerei gegenüber einer kirchlich anerkannten Privatoffenbarung bediente im Fatimajahr weniger den seriösen wissenschaftlichen Diskurs als das Trägheitsprinzip. In Zeiten, in denen sich katholische und evangelische Amtsträger oft in einer geradezu peinlichen Umklammerung des Staates befinden, wäre mehr Fatima und weniger Luther ein Glaubwürdigkeitsbeweis für die geistliche Unabhängigkeit der katholischen Kirche in Deutschland gewesen. Wie die Botschaft von Fatima auch nördlich der Alpen ohne theologische Selbstaufgabe verbreitet werden kann, bewies die Aktion „Regensburger Rosenkranz“. Sie drängte niemandem eine Privatoffenbarung auf, sondern zeigte die biblische Quintessenz der Fatimabotschaft: Es geht um Gebet und Umkehr. Bischof Voderholzer verlangt darum nicht zuviel, wenn er seinen Diözesanen ein biblisch verankertes Mariengebet ans Herz legt. Der Rosenkranz ist das aussagestärkste Symbol für einen widerstandsfähigen Glauben, der dem Sog der Protestantisierung innerhalb der katholischen Kirche standhält und die Verantwortung jedes Einzelnen für das Seelenheil des Nächsten ins Bewusstsein ruft. Da Feuer nicht kirchenamtlich „von oben“ verordnet werden kann (Friedrich Schorlemmer), hat sich das Fatimajahr als sicherer Hafen vor den Selbsttäuschungen des Lutherjahrs bewährt.